Ärztemangel Kaum ein Mediziner will Landarzt in Sachsen werden

In Sachsen gibt es bislang kaum Bewerber für zusätzliche Arztniederlassungen im ländlichen Raum, die die Kassenärztliche Vereinigung Anfang des Jahres wegen erhöhten Bedarfs ausgeschrieben hatte. Laut Vereinigung ist keiner von 216 zusätzlichen Kassensitzen bisher vergeben worden. Viele Ärzte kurz vorm Ruhestand finden überdies kaum Nachfolger.

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand
Ärztemangel auf dem Land: Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen bezahlt Abiturienten ein Medizinstudium in Ungarn, wenn sie danach auf dem Land praktizieren. Bildrechte: dpa

Wären alle so wie Nienke Koning, dann hätten die Menschen auf dem Land ein Problem weniger. Die 31-Jährige will Hausärztin werden, auf dem Land.

Hier kennt man 'sein' Dorf. Außerdem ist es natürlich ein schönes Gefühl, als Hausärztin gebraucht zu werden.

Nienke Koning, angehende Allgemeinmedizinerin

200 neue Kassensitze ohne Besetzung

Das Medizinstudium an der Uni Leipzig hat sie abgeschlossen. Gerade steckt sie mitten in ihrer Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin. Die Basis, um Hausärztin zu werden. Konings Wunsch ist zur Rarität geworden. Zur großen Sorge der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Denn die muss sich darum kümmern, dass alle versorgt sind – von der Pleiße bis zur Neiße.

"Das Problem ist, dass wir gerade in den ländlichen Regionen zu wenige Ärzte haben, besonders Hausärzte", sagt Dr. Sylvia Krug, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Wer solle da die mehr als 200 neuen Kassensitze einnehmen? Noch sei keiner davon vergeben. Sie erklärt weiter: "Das ist ein Blick in die Glaskugel. Wir hoffen mit unseren Programmen, die wir haben, dass einen großen Teil der Sitze besetzen können."

Programme und Förderungen sollen aufs Land locken

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen hat sich einiges ausgedacht: Sie bezahlt Abiturienten ein Medizinstudium in Ungarn, wenn sie danach auf dem Land praktizieren, vergibt Förderungen bei Praxisübernahmen und Neugründungen und stockt in den ersten zwei Jahren das Honorar auf.

Seit diesem Sommer fördert die Kassenärztliche Vereinigung auch Quereinsteiger – also andere Fachärzte, die zum Hausarzt umschulen wollen. Internisten, die bislang nur im Krankenhaus gearbeitet haben, können außerdem einen Gehaltszuschuss bekommen, wenn sie mal "Landarzt testen" wollen. Finanziert wird das alles von den Krankenkassen. Gute und richtige Ansätze, findet Dr. Christian Ottomann. Er vermittelt seit rund zehn Jahren Landärzte übers Internet. Aber was fehlt?

Dr. Ottoman sagt: "Eine Reduzierung der Bürokratie. Der ehemals freie Arztberuf ist kein freier Beruf mehr. Er ist nur noch ein freier Beruf in der privatärztlichen Behandlung. So ist zum Beispiel der Verdienst gedeckelt und es müssen bestimmte Praxissprechzeiten eingehalten werden."

Trend zum Angestelltenverhältnis in der Stadt

Auf zehn Ärzte, die ihre Praxis über seine Landarztbörse loswerden wollen, komme ein potentieller Nachfolger. Der Trend geht aus seiner Sicht klar zum Angestelltenverhältnis. "Kein Wunder", sagt Dr. Ottomann, denn "leider werden im Medizinstudium keinerlei betriebswirtschaftliche Maßnahmen unterrichtet."

Die angehende Hausärztin Nienke Koning findet es nach eigener Aussage auch wichtig, dass Bürokratie abgebaut werde. Und auch sie wünscht sich Teilzeitmodelle für die Landarztpraxis. Abgesehen davon glaubt sie nicht, dass unternehmerisches Unwissen junge Ärzte davon abhält, aufs Land zu gehen. Auch Geld gebe nicht den Ausschlag.

Zeit für Freunde und Familie soll bleiben

Wichtige Faktoren sind aus Konings Sicht Familie, Freunde und Freizeit: "Viele Kollegen sind in der Stadt gut vernetzt, haben Partner, die dort arbeiten, ihren Freundeskreis. Und auch die Möglichkeit, angestellt in einer Praxis oder der Klinik in Teilzeit zu arbeiten. Das ist auf dem Land, außer vielleicht in einem medizinischen Versorgungszentrum, schwer möglich."

Koning verbringt ihre Freizeit am liebsten in der Natur und – da hat sie Glück – ihre Familie auch. Vielleicht sollten die Kassenärztlichen Vereinigungen versuchen, diese Neigung auch bei anderen Ärztinnen und Ärzten zu verstärken.  

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. August 2020 | 06:08 Uhr

16 Kommentare

Maria A. vor 6 Wochen

Natürlich wird sich jeder Studienabsolvent vorrangig nach seinen Interessen orientieren. Und da haben nun mal Städte einen höheren Stellenwert, weil man die im Studium schätzen lernte, konkret, das leichtere Leben dort mit bedeutend mehr Freizeitsgestaltungsmöglichkeiten. So sehe ich es auch als dringlich an, Medizinstudenten einen finanziellen Anreiz zu bieten, sich nach dem Studium fürs Landleben zu entscheiden. Länderseitig vielleicht Ärzten einen großzügigen Zuschuss zur Praxiseinrichtung in ländlichem Gebiet zu gewähren. Oder eventuell einen finanziellen Vorteil in Form eines monatlichen Betrages, denn in der DDR gab es ja auch schon die Landarzt-Pauschale.

ralf meier vor 6 Wochen

@Heike, also für Sie scheint der Begriff Egoismus deutlich negativer konnotiert zu sein, als für mich. Wer aber Egoismus verurteilt und sich selbst lieber als sozial ansieht, sollte als Arzt auch ohne Zwang dort seine Praxis aufmachen, wo er gebraucht wird.

Erichs Rache vor 7 Wochen

@Heike1986

Diese Förderprogrammpraxis der Kopplung einer bestimmten "Anzahl der begehrten Medizinstudienplätze" an "mehrjährige Landaufenthalte" hätte Sachsen schon lange einführen können. Und nicht nur für Ärzte sondern auch z. B. für Lehrer ..