Corona-Risikogruppen Die Demografie in der Pandemie

Alte und kranke Menschen sind besonders gefährdet, schwer an Covid-19 zu erkranken. Gerade für die durchschnittlich ältere Bevölkerung in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist das eine große Herausforderung. In der ersten Corona-Welle war genau dies noch ein Vorteil. Wie kann das sein?

Princessin Charlène besucht 2016 ein Seniorenheim.
Statistisch gesehen, sind die Menschen in Mitteldeutschland besonders alt. Ein Risiko in Zeiten des Coronavirus. Bildrechte: dpa

Pflegeheime sind in dieser zweiten Corona-Welle laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) neben Familienfeiern einer der Schwerpunkte der Infektionen in Deutschland. Das zeigt sich auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Weimar, Markneukirchen, Freital und Magdeburg sind nur vier beispielhafte Orte, in denen es in den vergangenen Wochen Ausbrüche des Sars-Cov-2-Virus in Pflegeheimen gegeben hat. Der Blick auf die Bevölkerungsstruktur zeigt, in den drei Bundesländern muss besonders auf die Risikogruppen geachtet werden.

Wer gehört zur Corona-Risikogruppe?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und das deutsche Robert Koch-Institut (RKI) stufen Menschen, die älter als 50 Jahre sind, als vom neuartigen Coronavirus besonders gefährdet ein. In dieser Bevölkerungsgruppe gibt es demnach ein mit dem Alter steigendes höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Laut RKI waren 85% der in Deutschland an COVID-19 Verstorbenen 70 Jahre alt oder älter. Weitere Risikogruppen sind laut RKI Raucher, Menschen mit Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, mit Lungen- und Lebererkrankungen, mit einem geschwächtem Immunsystem sowie Krebspatienten, Asthmatiker und Diabetiker.

Altersstruktur: Mitteldeutsche sind statistisch besonders alt

Der Grund, warum gerade in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die Risikogruppen besonders geschützt werden sollten, ist deren Größe. Das zeigt zum einen der Blick auf die Altersstruktur in den Ländern. Hier leben insgesamt rund 8,4 Millionen Menschen. Etwa die Hälfte davon, also 4,2 Millionen, sind 50 Jahre und älter. Sie gehören damit der Gruppe an, die als gefährdeter gilt.

Damit ist der ältere und durch Covid-19 stärker gefährdete Anteil der Bevölkerung in Mitteldeutschland größer als im Bundesdurchschnitt. Von den rund 83 Millionen Deutschen sind insgesamt nur gut 44 Prozent der Menschen älter als 50 Jahre, der Anteil der Menschen ab 65 Jahre beträgt 22 Prozent.

Besonders hoher Anteil von Pflegebedürftigen in Mitteldeutschland

Besonders gefährlich ist das neue Coronavirus, wenn es sich in Alten- und Pflegeheimen verbreitet. Eine Umfrage unter den Gesundheitsministerien der Länder, die tagesschau.de veröffentlicht hat, zeigt, derzeit sind rund 1.000 Alten- und Pflegeheime vom Virus in Deutschland betroffen. Das sei knapp ein Zehntel aller Heime. In Heimen wird das Virus schnell gefährlich, denn es kommen mehreren Faktoren zusammen: Die Bewohner sind alt und haben häufig eine oder mehrere Grunderkrankungen.

Hinzu kommen das beengte Wohnen, das Pflegepersonal, das während seiner Arbeit von einem zum nächsten Bewohner wechselt sowie die Nutzung von Gemeinschaftsräumen. Einmal im Haus, wandert das Virus so schnell von Zimmer zu Zimmer. Daten des RKI belegen das. Bricht COVID-19 in Alten- und Pflegeheimen aus, treten im Schnitt knapp 19 Infektionen pro Ausbruch auf. Damit ist es nur gefährlicher, während dieser Pandemie in einem Flüchtlingsheim zu leben. Dort sind es im Schnitt 21 Infizierte, die bei einem Ausbruch auftreten.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es aufgrund der Altersstruktur besonders viele Pflegebedürftige. Die Situation ist vom Statistischen Bundesamt zuletzt 2017 erfasst worden. In dem Jahr gab es in Deutschland insgesamt 3,41 Millionen Pflegebedürftige - ein Anteil von gut vier Prozent an der damaligen Bevölkerung. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen lag der Anteil der Pflegebedürftigen etwa einen Prozentpunkt über diesem Schnitt. Am höchsten war der Anteil der Pflegebedürftigen in Thüringen mit 5,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

Allerdings: Die meisten der Pflegebedürftigen in den drei Ländern werden zu Hause gepflegt, oft sogar ausschließlich von ihren Angehörigen. Dort ist das Risiko, das Pflegekräfte das Virus weitergeben, geringer. Allerdings dürfte es für Privatleute auch schwerer sein, sich in der aktuellen Situation das nötige Schutzmaterial zur Pflege ihrer Angehörigen zu beschaffen.

Raucher, Diabetiker, Herzkranke: Anteil anderer Risikogruppen ebenfalls erhöht


Auch der Anteil der anderen durch das neue Coronavirus besonders gefährdeter Risikogruppen ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erhöht. So ist etwa die Zahl der Menschen, bei denen eine Herzschwäche diagnostiziert worden ist, besonders hoch. Das zeigt eine Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung von 2017. Demnach wurde die Krankheit in Sachsen-Anhalt bundesweit am häufigsten diagnostiziert, nämlich bei mehr als fünf Prozent der gesetzlich Versicherten. Deutschlandweit lag die Diagnosequote dagegen bei 3,4 Prozent. In Thüringen wurden mit fast 5 Prozent der Versicherten ebenfalls überdurchschnittlich viele Menschen mit Herzschwäche diagnostiziert, in Sachsen waren es 3,6 Prozent der Versicherten.


Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts zur Häufigkeit von Diabetes zeigt, dass Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auch von dieser Krankheit besonders betroffen sind. So bewegen sich die Menschen in den drei Ländern im Vergleich mit denen im Rest von Deutschland nicht nur besonders wenig. Auch der Anteil des festgestellten Schwangerschaftsdiabetes ist hier teilweise deutlich höher als anderswo: In Sachsen-Anhalt wurde 2017 bei 7,3 Prozent der Frauen, die in einer Klinik ihr Kind bekommen haben, ein Diabetes diagnostiziert. Nur in Nordrhein-Westfalen ist der Wert ähnlich hoch.

Von Asthma sind die Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nicht überdurchschnittlich stark betroffen. Das zeigt eine Auswertung der Diagnosen von 2009 bis 2016 durch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung. Demnach treten nur im südwestlichen Thüringen überdurchschnittlich viele Fälle von Asthma unter den gesetzlich Versicherten auf.

Allerdings: In Thüringen und Sachsen-Anhalt rauchen die Menschen häufiger als anderswo. Dem Statistischen Bundesamt zufolge rauchten 2017 gut 26 Prozent der Menschen in Thüringen - bundesweit Platz zwei nach Mecklenburg-Vorpommern und Bremen. Sachsen-Anhalt kam in dieser Statistik mit knapp 25 Prozent Rauchern auf Platz fünf. Sachsen lag mit einem Raucheranteil von 21,5 Prozent weiter hinten auf Platz zwölf.

Inzwischen auch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stark vom Virus betroffen

In der ersten Coronawelle waren die drei Bundesländer vergleichsweise wenig vom Coronavirus betroffen. Doch dies hat sich in der zweiten Welle seit Ende Oktober verändert. Alle Kreise in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen galten mit Stand 27. November laut RKI als Risikogebiete mit einer Inzidenz von mindestens 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage. In Sachsen lagen Ende November einige der am stärksten betroffenen Kreise bundesweit. In Thüringen mit dem Kreis Hildburghausen sogar die am stärksten betroffene Region bundesweit.

Eine alte Frau geht mit einem Rollator einen Gang entlang.
Ältere Menschen sind oft weniger mobil und geraten dadurch seltener in die Gefahr, sich bei anderen Menschen anzustecken. Bildrechte: Colourbox

Grundsätzlich hat eine vergleichsweise alte Bevölkerung in der Pandemie nicht nur Nachteile. Experten hatten während der ersten Welle ein paar Gründe gefunden, an denen das damals vergleichsweise Infektionsgeschehen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegen könnte: Alte Menschen leben überproportional häufig auf dem Land und sie sind statistisch gesehen weniger unterwegs als junge Menschen. Die Gefahr, dass sie sich auf einer Reise anstecken, etwa in ein Skigebiet oder zum Karneval, ist geringer. Auch die geringere Wirtschaftskraft könnte etwas mit der ungleichen Verteilung von Infektionen zwischen West- und Ostdeutschland während der ersten Corona-Welle zu tun gehabt haben. Denn wo weniger erwirtschaftet wird, werden weniger Züge und LKWs bewegt, sind weniger Menschen auf Dienstreisen unterwegs.

Doch in der zweiten Corona-Welle scheint dies zumindest in großen Teilen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nicht mehr zu gelten. Der Landrat des stark betroffenen Landkreises Görlitz, Bernd Lange (CDU), hatte angesichts vieler Corona-Patienten in den Kliniken kürzlich einen Hilferuf an die sächsische Landesregierung und die Kassenärztliche Vereinigung geschickt . "Wir befinden uns in einer Krisensituation, wie sie so seit den 1950er Jahren nicht mehr in unserer Region da war", sagte er.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. April 2020 | 05:00 Uhr

17 Kommentare

faultier vor 40 Wochen

Was hat Rechtextremismus mit diesem Thema zu tun ? Nichts aber auch gar nichts . Muss aber auch sagen das Sachsen sehr rigoros Einschränkungen vornimmt muss nicht immer mehr wirken sieht man an den Vergleichszahlen zu Thüringen und Sachsen -Anhalt ,viel hilft nicht immer viel.

Maria A. vor 40 Wochen

Das mit den geschlossenen Baumärkten und Gärtnereien finde ich auch schlimm. Wir haben noch niemals unsere beiden Familiengräber im Winterschlaf vor sich hin dämmern lassen müssen bis Mai, da die Stiefmütterchenbepflanzung ausgefallen ist. Das wird dieses Jahr passieren. Sicher, es gibt Schlimmeres. Aber mir tut es von Herzen weh, wie viele Pflanzen schon umgekommen sind und noch vernichtet werden müssen, wenn an den jetzigen Verboten festgehalten wird.

Maria A. vor 40 Wochen

Das ist kein erbaulicher Beitrag. Denn die Situation ist angespannt genug und genervte Mitmenschen könnten mehr dahinter vermuten, als die Autorinnen eventuell damit bezweckt haben. Dazu kommt - es möchte zwar jeder Mensch alt werden, aber keiner sein, oder?