Zeit zum Frühjahrsputz Corona-Krise befeuert Altkleiderflut

Die Zeiten des Lockdowns nutzen viele, um ihre Kleiderschränke aufzuräumen. Die Flut an Sachen ist so groß, dass die Preise für Altkleider immer weiter sinken. Für die Verwertungsbranche wird das zur Existenzfrage.

Laut Greenpeace kauft jeder Deutsche im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr, trägt sie aber nur noch halb so lange wie vor 15 Jahren. "Fast Fashion" sagt man inzwischen dazu. Was nicht mehr gefällt, wandert - wenn nicht in den Müll - in die Altkleidertonne.

Über eine Million Tonnen Altkleider werden pro Jahr in Deutschland gesammelt, von gemeinnützigen Sammlern als auch von Städten und Gemeinden. Durch Corona gab es zeitweise einen Anstieg von 20 bis 30 Prozent bei einigen Sammlern. Die aussortierte Kleidung wird geprüft und verpackt weiter verschickt, vor allem in afrikanische Länder, nach Osteuropa oder auch Indien und Pakistan.

Moderator Peter Imhof im Gespräch mit Expertin Ilona Leonhardt 14 min
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MDR um 4 Di 14.04.2020 17:00Uhr 14:09 min

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Wo soll das alles hin?

Das Unternehmen "Textrade" betreibt eine Altkleider-Sortieranlage in Bremerhaven. Liana Oelricks arbeitet seit 13 Jahren dort. "Jedes Jahr wird es schlimmer und schlimmer", sagt sie. Roland Linder, Chef des Unternehmens, kann dafür einen klaren Grund nennen: "Der Konsum ist schnelllebiger." Die Bindung zu den Artikeln sei dadurch kleiner geworden und man trenne sich wesentlich leichter von alten Sachen.

"Viele Menschen denken immer, in Afrika kann man alles loswerden. Aber das ist nicht so. Im Gegenteil, Leute, die wenig Geld haben, überlegen sich eine Kaufentscheidung viel genauer. Die haben durchaus einen Anspruch. Man kann nicht einfach Schrott da runterschicken", gibt Lindner zu bedenken. Wenn sich das Verhältnis von Masse und Qualität weiter verschlechtert, könnte das seinen Betrieb in Existenznöte bringen, befürchtet der Unternehmenschef.

voller Kleiderschrank 1 min
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"Der Preis ist im Keller"

Auch der Dachverband der gemeinnützigen Sammler, Fairwertung, schlägt Alarm für die ganze Branche. Durch die anhaltende Altkleiderflut drohe gar ein Kollaps. "Die Mengen sind am Markt so groß, und die Qualität so schlecht, dass der Preis im Keller ist, und wir Sammler, auch gemeinnützige Sammler, an der Wirtschaftslichkeitsschwelle stehen", betont Thomas Ahlmann, der Geschäftsführer von Fairwertung. Das weltweite Überangebot hat den Preis für alte Bekleidung um 75 Prozent sinken lassen. Letztlich stelle sich die Frage, ob sich das Altkleidersammeln noch lohne und ob das kostenlose Altkleidersammeln noch aufrecht erhalten werden kann. "Wir denken, auf Dauer nicht", erklärt Ahlmann.

Zunehmend Müll im Altkleidercontainer

Die Arbeit wird noch erschwert, weil zunehmend auch Müll in den Altkleidercontainern landet. "Das kann in manchen Gegenden bis zu 20 Prozent der Gesamtmenge ausmachen", erklärt Gerd Geißler vom DRK Dippoldiswalde aus seiner Erfahrung der letzten 20 Jahre. Rund 50 Tonnen Textilien hat allein das Dippoldiswalder DRK im vergangenen Jahr verkauft und mit dem Erlös seine Kleiderkammer für Bedürftige finanziert. Nun steht seit Wochen ein Container voller Ware auf dem Hof. Der Aufkäufer meldet sich nicht, denn auch sein Lager ist voll.

Vernichtung von Neuware durch Coronakrise?

Und die Coronakrise könnte auch dazu führen, dass Unternehmen Neuware vernichten, die während des Lockdowns nicht verkauft werden kann. Eine Greenpeace-Sprecherin sagte der Zeitung "Die Welt", es sei grotesk, dass in einem Land mit 82 Millionen Menschen in nur wenigen Wochen mehr als 500 Millionen unverkaufte Kleidungsstücke anfielen. Der Handel habe an seiner schwierigen Situation eine Mitverantwortung, sagte die Sprecherin. Die Fashion-Industrie degradiere Kleidung zu Wegwerfartikeln.

Die Handelsverbände Textil, Schuhe und Lederwaren gehen davon aus, dass sich durch die Verlängerung des Lockdowns bis Ende Januar etwa eine halbe Milliarde unverkaufte Modeartikel auftürmen. Der Präsident des Handelsverbands Textil, Steffen Jost sagte, die Ware müsse unter Einkaufspreis verkauft werden. Dadurch seien Tausende Jobs in Gefahr.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 12. Januar 2021 | 20:15 Uhr