Naturschutz Artensterben auch in Sachsen drastisch

Der Weltbiodiversitätsrats hat am Montag in Paris seinen neuen Bericht vorgestellt und der ist drastisch: Eine Million Arten sind weltweit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Auch hier bei uns werden die Roten Listen immer länger.

von Marc Zimmer, MDR AKTUELL

Ein Rebhuhn (Perdix perdix) auf einer Wiese
Vor 30 Jahren noch bejagt, heute in Mitteldeutschland fast ausgestorben: das Rebhuhn. Bildrechte: IMAGO

Im Leipziger Auwald grünt und blüht es dieser Tage ordentlich. Kein Wunder, ist er doch ein Landschaftsschutzgebiet. Trotzdem habe hier die Biomasse der Insekten um 80 Prozent abgenommen, sagt Wolfram Günther, Fraktionschef der sächsischen Grünen. Überhaupt seien die Roten Listen in Sachsen lang.

In Sachsen haben nur noch so circa 45 Prozent der Arten keinen Gefährdungsstatus.

Wolfram Günther, Fraktionschef Grüne Sachsen
Gartenschläfer (Eliomys quercinus) klettert einen Ast hinauf,
Der letzte Gartenschläfer wurde in Sachsen 2006 gesehen. Bildrechte: imago/McPHOTO/Liedtke

Das Landesumweltamt spricht auf Anfrage von MDR AKTUELL von gut einem Drittel bedrohter Arten, etwas mehr als 4.000. 1.455 Arten seien bereits ausgestorben. Besonders Amphibien und Kleinsäuger seien betroffen, sagt Günther. Wie der Gartenschläfer, ein kleines Nagetier, zuletzt gesehen 2006.

Dazu kommen Moose, Farne und natürlich alle möglichen Insekten. Die sind besonders wichtig als Bestäuber, aber auch als Nahrungsgrundlage für andere Tiere.

Vor 30 Jahren normal - heute fast ausgestorben

Gerade gebe es das Phänomen, dass Arten, die noch vor wenigen Jahren Allerweltsarten gewesen seien, verschwänden. Etwa vor 30 Jahren sei im ländlichen Raum das Rebhuhn noch etwas völlig normales gewesen. Das hätten die Leute sogar noch gejagt. Die Rebhühner gebe es jetzt praktisch nicht mehr in Sachsen, erklärt Wolfram Günther.

Klar, sagt der Grünen-Politiker, es gebe auch Erfolge zu verzeichnen. So sei der Lachs wieder da, genau wie der Wanderfalke oder der Schwarzstorch. Oder das Birkhuhn, dem man nun im Erzgebirge wieder Brutplätze schaffen wolle.

Man kann sich freuen, wenn man da so ein balzendes Pärchen zeigen kann. Aber das ändert nichts daran, dass uns die biologischen Grundlagen unten wegbröckeln.

Wolfram Günther, Fraktionschef Grüne Sachsen

1.300 Arten in Sachsen-Anhalt ausgestorben

Ähnlich ist die Situation in Sachsen-Anhalt. 1.300 Arten gelten hier laut Landesumweltamt als ausgestorben. Die Gründe seien überall die gleichen, sagt Marten Winter vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig.

Was fressen die Arten oder wo leben sie? Und wenn der Lebensraum oder die Nahrung fehlt, gehen die Arten zurück.

Marten Winter Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig
Rotmilan (Milvus milvus) im Flug, Biosphärengebiet Schwäbische Alb, Baden-Württemberg, Deutschland, Europa
Die Zahl der Brutpaare beim Rotmilan ist deutlich zurückgegangen. Bildrechte: IMAGO/imagebroker

Beim Rotmilan gebe es heute noch gut 2.000 Brutpaare, sagt Winter. In den Sechzigerjahren seien es noch 3.200 gewesen. Ähnlich gehe es der Uferschnepfe, dem Brachpieper oder der Bekassine – und auch dem Vogel des Jahres 2019: „Die Feldlerche ist eine Art, die bis vor kurzem noch sehr häufig war. Auch die ist so stark vom Rückgang betroffen, dass sie gegebenenfalls, wenn jetzt nicht bald reagiert wird, aus unseren Landen verschwunden sein kann.“

Auch die Rotbauchunke, der Hamster und viele Fledermausarten seien gefährdet, sagt Winter. Es brauche mehr Feldforschung auch in der breiten Fläche und nicht nur in den Schutzgebieten, damit die Wissenschaft die richtigen Handlungsempfehlungen für die Politik geben könne.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Mai 2019 | 05:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2019, 11:53 Uhr

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16 Kommentare

09.05.2019 13:52 Ureinwohner 16

Nur ein Beispiel. "Etwa vor 30 Jahren sei im ländlichen Raum das Rebhuhn noch etwas völlig normales gewesen. Das hätten die Leute sogar noch gejagt." Sie hätten sicherlich besser getan, einige Rebhühner am Leben zulassen.

08.05.2019 21:51 Erik 15

Mir fehlt der Hinweis darauf, daß auf den Flächen, die früher brach lagen, mittlerweile intensive Landwirtschaft betrieben wird. Zum größten Teil durch EEG-subventionierte Monokulturen von Mais und Raps, aber auch für Lebensmittel ist der Flächenbedarf seit einigen Jahren gestiegen. Das zum einen durch einen größeren Anteil von Bio-Anbau (das Bio gilt für Mensch und Produkt - für die Wildtiere macht das keinen Unterschied), zum anderen natürlich durch die vergrößerte Bevölkerung.

08.05.2019 19:24 Normalo 14

@ 13 Also das interessiert mich ja nun doch: welche freilebenden Tierarten rottet denn der Wolf aus??? Jahrzehnte lang haben Jäger ihre Aktivitäten damit begründet dass Rehe usw keine natürlichen Feinde haben. Nun ist er da, passt auch wieder nicht? :)
Fürs Insekten- und VögelAUSsterben ist einzig und alleine die industrielle Landwirtschaft verantwortlich. Monokulturen ohne Blüten und Kleinlebewesen so weit das Auge reicht. Da nutzen ein paar unaufgeräumte Gärten (mein Riesengarten wird zur Unfreude meines Nachbarn nur zweimal im Jahr gemäht) nichts wenn bis an den Gartenzaun Gift gesprüht wird.
Finger hoch wer sich noch an buntblühende Straßenränder und insektenverschmierte Frontscheiben erinnern kann.

08.05.2019 16:25 Ekkehard Kohfeld 13

@ Jan 4 Hier kann jeder auf seine Art helfen und für sich Dinge finden, die er/sie besser machen können. Einfach mal im Kleinen anfangen, auch mal bisheriges Handel hinterfragen.
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Richtig als erstes wird man Wolfspate und schützt ein Tier das beim ausrotten der anderen behilflich ist,toller Trick.

08.05.2019 15:52 mattotaupa 12

@#10: "Insekten zu essen, ist doch ... echt makaber" da geht es eher weniger um gefangene insekten, sondern um gezüchtete, da die weit weniger gefüttert werden müssen als säugetiere oder vögel. @#3: sie werden im zuge einer offiziellen aktion umgesiedelt? @#1: "Warum holen wir uns immer mehr Fremde ins Land" lol. deutsche würden natürlich nie zigaretten aus dem autofenster oder müll in die pampa werfen oder wälder für kohle in große löcher verwandeln oder chemie auf felder verbringen oder gar strahlenmüll für sämtliche nachfolger bunkern ... keine sorge, den naturschutz haben deutsche ganz ohne hilfe abgeschafft. "legen sich in Parks auf die Wiesen" hab ich auch schon gemacht. "schmeißen den Müll weg" mach ich täglich, da ich ne vermüllte wohnung nicht toll finde. @#10: was nutzen ihre körner im winter beispielsweise schwalben oder dem milan aus dem artikel bei der brut im frühjahr?

08.05.2019 15:06 REXt 11

Gibt es da jetzt, nach der geplanten CO2 Steuer, auch eine „Aussterbensteuer“?

08.05.2019 13:47 Atze 10

Vergangenen Winter habe ich einen Zentner Sonnenblumenkerne in mehreren Vogelhäusern verfüttert. Bei uns mangelte es nicht an Vogelarten. 3 Häuser weiter hatten die Leute keine Vögel. Woran liegt das?
1. Wir wohnen in einem Haus, das direkt an ein Stück Wald grenzt.
2. Die Leute, die keine Vögel hatten, haben einen aufgeräumten Garten. Da gruselt es einen.
Trotzdem merken wir,dass es viel zu wenige Insekten gibt, deshalb unterstützen wir die Altvögel mit Futter auch jetzt. Die Insekten brauchen Sie für die Brut und wenn zu wenig da sind, dann muss die Brut sterben. So aber fressen die Alten unser Zubrot und es klappt mit der Brut.
Liebe Leute, aber der neue Trend, Insekten zu essen, ist doch in der heutigen Zeit echt makaber. Oder? Eigentlich überholt. MfG

08.05.2019 13:32 Howard 9

Wieder liest man nur in dem Sinne, dass alle anderen Schuld sind. Aber dem ist mitnichten so. Wir sind alle das Problem. Aber der Einzelne sollte sich endlich Gedanken machen. Wahrscheinlich liegt die Ursache für den fortgesetzten Egoismus an unserer zu kurzen Lebensspanne. Innerhalb von 70- 80 Jahre merkt man halt nur wenig von Veränderungen. Aber das gilt nicht mehr. Das Insektensterben kann jeder beobachten. Die Klimaveränderung spüren wir hautnah. Da kann man leugnen und die Natur verantwortlich machen wie man will. Das Artensterben haben wir alle zu verantworten und da gibt es kein leugnen. Wer weiterhin so lebt, wie er jetzt lebt, macht sich mitschuldig am Niedergang der Natur. So einfach ist das. Ich konnte damit schon früher nicht leben und habe mein Leben radikal verändert. Heute verdiene ich sogar (viel) Geld mit Umweltschutztechnologie. Das kann nicht jeder, aber ein einfach mal nachdenken kann jeder.

08.05.2019 13:18 Ekkehard Kohfeld 8

@ Wachtmeister Dimpfelmoser 7
Am stärksten davon betroffen ist der Homo sapiens (lat. für "vernünftiger Mensch", oft auch übersetzt mit "denkender und handelnder Mensch").##
Richtig belegen sogar die PISA - Studien ständig sinkender IQ Rückverwandlung in Primaten oder sogar Lemminge.

08.05.2019 12:54 Wachtmeister Dimpfelmoser 7

Am stärksten davon betroffen ist der Homo sapiens (lat. für "vernünftiger Mensch", oft auch übersetzt mit "denkender und handelnder Mensch").