Coronavirus So reagieren die Bundesländer auf Impfstoff-Engpässe

Der Druck auf die Corona-Impfkampagne ist immens. Die Ankündigung von Pharmaunternehmen, nicht wie geplant liefern zu können, setzt die Länder dabei zusätzlich unter Druck. Ihre Reaktionen sind so unterschiedlich wie die Impf-Strategien. Ein Überblick.

Am Universitätsklinikum Leipzig bereiten Pharmaziestudentinnen in einer extra eingerichteten Impfambulanz aus einer Ampulle Impfstoff gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 von Biontech/Pfizer Spritzen für die Impfung von besonders gefährdetem medizinischen Personal vor
Ist wegen den Lieferengpässen die Zweitimpfung gefährdet? Bildrechte: dpa

Kurz nach Weihnachten war es soweit: In Deutschland wurden die ersten Menschen mit dem Corona-Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer geimpft. Überall in Deutschland entstanden Impfzentren, mobile Teams schwärmten in Pflegeheime aus.

Doch verfügbare Impfstoff-Dosen sind nach wie vor Mangelware. Mitte Januar zudem die Hiobsbotschaft: Wegen eines Umbaus in einem belgischen Werk könnten Biontech und Pfizer vorübergehend weniger Vakzine liefern. Auch der Hersteller Astrazeneca kündigte verringerte Liefermengen an.

Zweitimpfungen laut Bundesländern nicht gefährdet

Das hat in einigen Bundesländer Folgen: Erstimpfungen mussten teilweise verschoben oder abgesagt werden. Auswirkungen gab es etwa in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Doch müssen Erstgeimpfte nun befürchten, die zweite Impfung nicht rechtzeitig zu bekommen? Diese Sorge ist unbegründet, wie eine MDR-Umfrage bei den Bundesländern zeigt. Demnach sind Zweitimpfungen nicht gefährdet. Alle könnten wie vorgesehen durchgeführt werden, heißt es.

Die Zweitimpfungen sind wichtig, um eine Langzeit-Immunisierung zu gewährleisten. Selbst wenn es zu längeren Wartezeiten zwischen der ersten und der zweiten Injektion käme, sehen Expertinnen – in einem gewissen Rahmen – darin kein Problem.

Teilweise Anpassung der Impfintervalle

Bereits Anfang Januar hatte es angesichts des Impfstoffmangels eine Diskussion darüber gegeben, wann die jeweils zweite Impfung erfolgen muss – und ob es dabei einen Spielraum gibt. Die Umfrage des MDR zeigt nun, dass die Bundesländer unterschiedlich damit umgehen. Schleswig-Holstein – das bei Impfungen bisher besonders schnell vorangekommen war – legte den Zeitraum zwischen der ersten und der zweiten Impfung auf 35 Tage fest, die Regelung gilt für die Vakzine von Biontech und Moderna. In Rheinland-Pfalz sind es bei beiden Impfstoffen 28 Tage.

Beide Bundesländer betonen, dass es dafür logistische Gründe gebe und die Änderungen nicht mit den aktuellen Lieferproblemen zusammenhängen. In anderen Bundesländern gibt es hingegen keine Veränderungen bei den Zeitspannen zwischen erster und zweiter Impfung.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde nach Angaben des Gesundheitsministeriums seit der ersten Kalenderwoche einheitlich nach 28 Tagen das zweite Mal geimpft. Das Impfintervall habe aufgrund der Liefermengenreduzierung nicht angepasst werden müssen. In NRW wird nach 21 Tagen (Biontech) beziehungsweise nach 28 Tagen (Moderna) das zweite Mal ein Vakzin verabreicht. Viele Bundesländer äußerten sich nicht genau zum Zeitraum. Doch welche Spielräume gibt es bei den Impfungen überhaupt?

Stiko macht Vorgaben

Laut Ständiger Impfkommission (Stiko) muss die zweite Dosis bei den Biontech- und Moderna-Impfstoffen nach spätestens 42 Tagen verabreicht werden. Für den Biontech-Impfstoff ist ein Mindestabstand zur ersten Impfung von 21 Tagen nötig, bei Moderna sind es 28 Tage. Anfang des Jahres hatte es bereits eine Diskussion gegeben, ob eine Zweitimpfung zugunsten von mehr Erstimpfungen sogar ganz abgesagt werden könnte. Die Stiko hatte aber dagegen argumentiert.

Expertin fordert Pragmatismus

Christine Falk, Professorin an der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) sieht grundsätzlich kein Problem, wenn die zweite Impfung etwas später erfolgt. Christine Falk sagte dem MDR: "Aus rein immunologischer Sicht ist sogar eine Zweitimpfung bis zu zwei Monaten nach der Erstimpfung möglich."

Sie plädierte deshalb für einen pragmatischen Ansatz bei den Impfungen. "Besonders in den Krankenhäusern macht es einen Unterschied, ob zum Beispiel 500 oder 1.000 Beschäftigte eine Erstimmunisierung erhalten", sagte sie weiter.

Deshalb sollten auch nicht zwingend jeweils 50 Prozent der erhaltenen Impfstoffe von den Bundesländern für die Zweitimpfung eingelagert werden – allerdings muss der Nachschub gesichert sein. Falk betonte aber auch: "Eine zweite Impfdosis muss es immer geben." Nur damit sei, wie aus den Zulassungsstudien ersichtlich, eine längerfristige Immunität gewährleistet.

Immunantwort bereits nach erster Impfung

Ähnlich äußerte sich Monika Brunner-Weinzierl, Fachimmunologin und Professorin an der Unikinderklinik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Sie leitet eine Forschungsgruppe, die sich mit Impfungen gegen Covid-19 befasst. "Eine Verzögerung der Zweitimpfung ist aus meiner Sicht weniger problematisch als das generelle Ausbleiben einer ersten Impfung", sagte Brunner-Weinzierl dem MDR.

Zudem könne es unter Umständen Vorteile haben, länger mit der zweiten Impfung zu warten. "Man könnte erstens insgesamt einen längeren Schutz erzielen und zweitens: Die Immunantwort wird eventuell sogar besser verstärkt", sagte Brunner-Weinzierl.

In der entsprechenden Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums heißt es zu den Zweitimpfungen: "Die Vervollständigung der Impfserie bei Personen, die bereits eine erste Schutzimpfung erhalten haben, hat Priorität vor dem Beginn der Schutzimpfung weiterer Personen, die noch keine Schutzimpfung erhalten haben." Eine Pflicht zur Einlagerung von 50 Prozent des ankommenden Impfstoffs für die jeweilige zweite Impfung gibt es dagegen nicht.

Länder handhaben Einlagerungen unterschiedlich

Wie die Umfrage des MDR unter den Bundesländern ebenfalls zeigt, gehen die Bundesländer sehr unterschiedlich mit Einlagerungen von Impfstoff um. In Sachsen, Thüringen, Baden-Württemberg, Bremen, Hessen und dem Saarland werden generell 50 Prozent der ankommenden Vakzine für die Zweitimpfungen zurückgehalten, in Nordrhein-Westfalen und Bayern zumindest annähernd die Hälfte. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern spricht man allgemein von einer Sicherung durch Rücklage beziehungsweise dem Bilden einer Reserve, ohne Zahlen zu nennen.

Größere Abweichungen für Erstimpfungen in Ländern mit schnellem Impfstart

Betroffen von Einschränkungen bei Erstimpfungen sind vor allem Bundesländer, die bisher besonders gut mit dem Impfen vorangekommen waren. Aus Schleswig-Holstein heißt es dazu, dass die Zahl der Impftermine so kalkuliert sei, dass am Ende einer Woche jeweils noch der Bestand für eine weitere Woche vorhanden sei. "Da die Lieferung immer am Anfang der Woche erfolgt und die verabreichten Impfdosen sich auf das Ende der Woche bezieht, kann es zu Abweichungen in der Berechnung kommen."

Deshalb habe sich Schleswig-Holstein für ein wöchentliches Terminmanagement entscheiden. So seien trotz hoher Erstimpfquote (25.01.2020: 2,98 Prozent Erstgeimpfte) die Zweitimpfungen gesichert, indem im Rahmen der wöchentlichen Steuerung Anpassungen vorgenommen würden.

So würden bei Reduzierungen der Liefermengen entsprechend weniger Erstimpfungstermine geplant und vereinbart. Aufgrund der verringerten Liefermenge des Impfstoffes von Biontech und Pfizer sei die Terminvergabe für die Erstimpfungen momentan ausgesetzt.

Wer bereits die erste hat, kann mit zweiter Dosis rechnen

Aus Rheinland-Pfalz – dem Bundesland mit der zweithöchsten Impfquote (25.01.2020: 2,97 Prozent) – heißt es dazu, die Terminplanung erfolge nach einem rollierenden System. "Es wurde bei jeder Erstterminvergabe auch der Zweittermin geplant, auf Basis der zunächst zugesagten Mengen an Impfstoff durch den Bund."

Doch auch in Bundesländern mit durchschnittlicher Impfquote kommt es zu Verzögerungen. Das Thüringer Gesundheitsministerium prüfe, "ob in geringem Umfang auf eigentlich für Zweitimpfungen vorgesehene Imfpdosen zurückgegriffen werden kann". Dort wolle man die Zeiträume für die Zweitimpfung auch anpassen. Rückmeldungen zu möglichen Impf-Verzögerungen ließen Niedersachsen, Hamburg, Berlin und Brandenburg unbeantwortet.

Einen direkten und länderübergreifenden Zusammenhang zwischen den Lieferengpässen und größeren Zeiträumen zwischen den beiden Impfungen scheint es nicht zu geben. Die Anpassungen der Zeiträume bewegen sich im empfohlenen Rahmen. Wer bereits einmal geimpft wurde, kann also mit der zweiten Dosis rechnen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 27. Januar 2021 | 19:30 Uhr

18 Kommentare

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 4 Wochen

" Nun die Frage, wer hat in dem Moment versagt? Sie, der bestellt hat obwohl schon Bestellungen da waren oder der Lieferant, der die Bestellung annahm?"

Wenn das keine Fangfrage ist, ....

Aber das nutzt dem ,der bestellt hat, auch recht wenig ;-)

Dietmar vor 4 Wochen

In Deutschland werden die Impfdosen für die zweite Impfung zurückgehalten. In GB werden alle Impfdosen geimpft und es werden keine zurückgehalten. Das hat dazu geführt, dass es die erforderliche Nachimpfung nicht oder nur sehr zeitverzögert erfolgen kann und somit der Impferfolg stark in Frage gestellt wird.

Dietmar vor 4 Wochen

AdSdL: Sie bestellen eine Ware und der Lieferant gibt ein Zusage und kann nicht liefern. Die Zusage hat der Lieferant zu einem Zeitpunkt gegeben, als schon andere vor Ihnen bestellt haben. Nun die Frage, wer hat in dem Moment versagt? Sie, der bestellt hat obwohl schon Bestellungen da waren oder der Lieferant, der die Bestellung annahm?