Assistenzsysteme im Auto Was filmen moderne Autos und was wird gespeichert?

Moderne Autos sind Computer auf vier Rädern. An Bord sind alle möglichen Assistenzsysteme, die dem Fahrer das Leben leichter machen sollen. Die dabei anfallenden Daten werden nicht nur vom Fahrzeug verarbeitet, sondern auch vom Autohersteller. Und diese Daten können bei einem Unfall strafrechtlich relevant sein, wie zuletzt ein Fall in Berlin gezeigt hat. Hier hat das Auto sogar ein Beweisvideo geliefert. Aber: Geht das so einfach? Was filmen moderne Autos und was wird gespeichert?

Verkehrstechnik im Tunnel Berg Bock auf der Autobahn A71.
Spion im Auto? Laut ADAC können Autos unter anderem die GPS-Position und die Geschwindigkeiten an den Hersteller übermitteln. Bildrechte: IMAGO

Der mutmaßliche Unfallfahrer in Berlin hatte eigentlich keine Chance, ungeschoren davonzukommen – dafür war er im falschen Auto unterwegs. Der Raser soll mit einem Tesla eine Ampel umgefahren, das Auto dann stehengelassen und die Flucht ergriffen haben. Kurz darauf stellte er sich zwar aus eigenen Stücken, die Ermittler hätten ihn aber auch so ausfindig gemacht. Denn: Der interne Speicher des Dienstwagens hatte alles bildlich festgehalten.

Ein Elektroauto (Tesla Modell S) wird betankt.
Ein Raser in Berlin hatte bei einer Unfallfahrt die Kamera in seinem Tesla angelassen. Die Videosequenzen überprüft nun die Berliner Staatsanwaltschaft. (Symbolbild) Bildrechte: imago/sepp spiegl

Dazu der Berliner Oberamtsanwalt Andreas Winkelmann: "Die beschuldigte Person hat in dem Fall diese Kamerafunktionalität nicht ausgeschaltet, sodass man im Prinzip sämtliche Fahrten mit dem Fahrzeug nachvollziehen konnte. Insbesondere auch, wie die beschuldigte Person in das Fahrzeug eingestiegen ist und wie danach das Fahrzeug nach dem Unfallgeschehen an der Ampel geborgen worden ist von der Polizei und der Feuerwehr."

Winkelmann bekämpft die zunehmende Raserei in der Hauptstadt. Dafür greift er Daten ab, die durch Raser- und Unfallautos aufgezeichnet wurden. Videos, wie im beschriebenen Fall, gebe es seines Wissens nach nur in einem Tesla, sagt der Oberamtsanwalt. Aber auch das Unternehmen selbst speichere Videosequenzen in einer Cloud – nämlich dann, wenn eine Crash-Botschaft gesendet wird.

Videoaufnahmen im Kampf gegen Raser

An diese Daten komme man aber nur mit einem triftigen Grund, erklärt Winkelmann. In diesem Fall sei der Hersteller ein Zeuge in einem Strafverfahren: "Wenn ein Zeuge Beweismittel zur Aufklärung einer Straftat, insbesondere auch zur Aufklärung einer erheblichen Straftat hat, dann sind die Strafverfolgungsbehörden berechtigt, auf diese Daten Zugriff zu nehmen. Das ist so gelaufen, dass wir eine richterliche Durchsuchungsanordnung erlangt haben, die in das Englische übersetzen lassen haben und dann auf dem Wege der Rechtshilfe vorgegangen sind, um die Daten von Tesla zu bekommen."

Zu diesen Daten gehören auch das GPS-Signal, die Stellung des Gaspedals und die Geschwindigkeiten. Ein Bruchteil der gespeicherten Informationen. Was genau gespeichert wird, wissen nur die Hersteller.

GPS-Position, Geschwindigkeiten, Stellung des Gaspedals etc.

Der ADAC fordert hier eine gesetzliche Regelung. Fahrzeugbesitzer sollten selbst über ihre Daten verfügen können. Der Automobilclub hatte erst kürzlich untersucht, welche Informationen die Autos direkt an die Hersteller übermitteln. ADAC-Sprecher Johannes Boos erklärt, dass das unter anderem die GPS-Position des Fahrzeugs betreffe. Dabei würden Informationen fast minütlich übermittelt.

Teilweise werde aber auch gespeichert, wie oft der Gurtstraffer anspringt. Das ermögliche Rückschlüsse auf den Fahrstil und das Bremsverhalten. Oder wie oft der Fahrersitz verstellt werde. Das deute darauf hin, wie viele Fahrer das Auto nutzen. Ob außer Tesla weitere Hersteller Videos der verbauten Kameras speichern, darüber hat der ADAC keine Informationen.

Datenschutz beim Autokauf

Die hat auch der Leipziger Jurist Jan Vorwerg nicht. Der Fachanwalt für Verkehrsrecht hält es aber für möglich. Schließlich hätten auch andere Hersteller ringsherum Kameras verbaut und seien vernetzt. Sollten Videos erst mal gespeichert vorliegen, hätten auch die Ermittler Zugriff darauf, sagt Vorwerg – auch wenn das Material rechtlich fragwürdig entstanden sei:

Wenn Daten, die nicht ganz datenschutzkonform erhoben wurden, vorliegen, dann ist immer die Überlegung zu treffen: Dürfen die auch verwertet werden?

Jan Vorwerg Fachanwalt für Verkehrsrecht

Und da spiele natürlich schon die Schwere der Tat eine Rolle, sagt Jan Vorwerg: "Da ist natürlich die klare Tendenz: Je schwerwiegender eine Straftat ist, umso eher schlägt das Pendel in Richtung Verwertbarkeit aus." Der Jurist rät Autokäufern, beim Thema Datenschutz genau hinzuschauen. Welche Daten werden gesammelt und welcher Erhebung muss man zustimmen? Im Zweifel, sagt der Jurist, solle man immer das "Nein" ankreuzen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Juni 2020 | 08:26 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 31 Wochen

Dann wird wohl auch bald bei der Erstuntersuchung Neugeborener ein Chip ins Ohr gesetzt... Oder ist das schon unbemerkt geschehen?
Muss aber spätestens vor der Bestattung - hoffentlich im hohen Alter - wieder entfernt werden :)