Inklusion Wohnen in Sachsen: Hürden für Menschen mit Behinderung

Für viele ist es ein großer Moment: das Elternhaus verlassen und selbstständig sein. Auch junge Menschen mit Behinderung haben diesen Traum, wollen so gut es geht ihr eigenes Leben leben. Sachsen bekennt sich zum UN-Ziel des selbstbestimmten Wohnens für Menschen mit Behinderung. Aber in der Praxis gibt es noch viele Hürden.

Geistige Behinderung
Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention erkennt das Recht von Menschen mit Behinderungen an, selbstbestimmt zu wohnen. Bildrechte: dpa

Nicht mehr bei den Eltern leben – trotz Behinderung: Acht jungen Leipzigern konnte dieser Wunsch erfüllt werden. Auch der schwer geistig behinderte Markus lebt in der WG im Leipziger Stadtteil Connewitz. Unterstützt werden der 24-Jährige und die anderen, wenn es nötig ist, von mehreren Pflegern, erzählt Markus' Mutter Sabine Maruschke.

Ich war sehr bewegt, als mein Sohn das erste Mal in seinem Leben in der Wohngemeinschaft für mich einen Teller in den Geschirrspüler gemacht, was nachgeräumt hat, was zu Hause nie passiert wäre.

Sabine Maruschke

Ohne Engagement der Eltern geht's nicht

Dafür, dass ihr Sohn so gut wie möglich selbstständig leben kann, haben Maruschke und ihr Mann jahrelang gekämpft. Gemeinsam mit anderen Eltern mussten sie ein Wohnobjekt finden, einen Käufer und jemanden der es umbaut, Gelder akquirieren und einen Pflegedienst organisieren.

"Das kann natürlich nicht sein, dass Eltern, die so verschieden sind wie ihre Kinder, sich selbst darum kümmern müssen. Es ist auch so, dass ich jetzt nahezu jede Woche einen Anruf bekomme, von Eltern, die fragen, ob in der Wohngemeinschaft noch ein Platz frei ist."

Behindertenverband fordert mehr Unterstützung

Der Bedarf scheint groß. Doch das inklusive Wohnen dieser Art ist ohne Engagement der Eltern kaum möglich, bestätigt Jürgen Dürrschmidt, Chef des Allgemeinen Behindertenverbands in Sachsen.

"Es ist an der Zeit, dass die in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebenen Menschenrechte im Wohnbereich auch in Sachsen umgesetzt werden. Und wenn dort Wünsche geäußert werden, dass sie in einer solchen ambulant betreuten Wohnform leben wollen, dann muss man wirklich alle Form der Unterstützung geben, dass das entstehen kann."

Inklusives Wohnen in Sachsen

Das Land unterstütze Eltern auf diesem Weg, könne solche Wohngemeinschaften aber nicht selbst initiieren, teilt der zuständige Kommunale Sozialverband Sachsen KSV mit. Eine Verlagerung vom stationären hin zum ambulant betreuten Wohnen, wie es die UN-Konvention fordert, habe es aber auch in Sachsen bereits gegeben.

Der KSV sieht wie der Behindertenverband allerdings zwei große Hürden für die selbstständige Unterbringung: den Mangel an Pflegekräften und fehlenden Wohnraum. Und so erlebt es auch Thomas Naumann vom Selbsthilfenetzwerk Sachsen.

Besonders in Städten seien Wohnungen mit ausreichend Räumen sowie großen Bädern und Küchen selten. "Im ländlichen Raum gibt es einfach Bauwerke, die das eher hergeben, so große Bauernhöfe. Auf der anderen Seite ist natürlich die Infrastruktur in Städten besser und ggf. auch Versorgung durch Betreuer. Da dreht man sich im Kreis mit den Problematiken."

Wie das sächsische Sozialministerium reagiert

Auch im sächsischen Sozialministerium ist das Problem bekannt. Ein möglichst selbstbestimmtes Wohnen könne aber nicht von jetzt auf sofort verordnet werden, heißt es von Ministerin Köpping.

Der Weg zum möglichst eigenständigen Wohnen von Menschen mit Behinderung werde aber unterstützend begleitet. Der Aufwand für Angehörige, Freunde und Vereine bleibt also erst mal groß. Aber er lohnt sich, bekräftigt die Leipzigerin Sabine Maruschke.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Januar 2020 | 05:00 Uhr

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