Barrierefreiheit Jeder vierte Bahnhof in Thüringen nicht stufenfrei

Weil Aufzüge und Rampen fehlen, sind noch immer viele Bahnhöfe für Gehbehinderte unerreichbar. In Thüringen zum Beispiel ist mehr als jeder vierte Bahnsteig nicht stufenfrei zugängig, zeigen Zahlen der Deutschen Bahn. Bahn und Freistaat wollen investieren. Doch eine vollständige Barrierefreiheit ist nicht in Sicht.

Blick aus einem Tunnel hinaus auf ein Bahnsteigdach mit rostigen Trägern.
Treppen auf dem Weg zum Bahnsteig können für gehbehinderte Menschen zur unüberwindbaren Hürde werden (Symbolbild). Bildrechte: MDR/André Plaul

Der Bahnhof von Wernshausen ist zurzeit eine einzige Baustelle. Die Station in dem Dörfchen an der Werra in Westthüringen wird komplett erneuert: Bahnsteige, Gleise, Zugänge, auch die Fußgängerunterführung. Sie erhält dann auch gleich noch zwei Aufzüge. Ist der Bahnhof fertig, werden in Thüringen 333 Bahnsteige stufenfrei ausgebaut sein.

Das sei viel zu wenig, kritisiert Dirk Flege vom Verkehrsbündnis "Allianz Pro Schiene". Er verweist auf Zahlen der Deutschen Bahn, wonach in Thüringen noch immer 26 Prozent der Bahnsteige nicht stufenfrei erreichbar sind: "Eigentlich sollte es in diesem Jahrtausend eine Selbstverständlichkeit sein, dass man ohne Barrieren den Bahnsteig erreichen kann. Und davon ist Thüringen noch ganz schön weit entfernt."

Daueraufgabe stufenfreie Bahnhöfe

Insgesamt seien in Thüringen noch immer 177 Bahnsteige nicht stufenfrei – und damit zum Beispiel für Rollstuhlfahrer nicht erreichbar, kritisiert die "Allianz pro Schiene". Aber auch für Ältere ist es schwer, mit Koffern die vielen Stufen vom einen zum anderen Bahnsteig zurückzulegen.

Verglichen mit anderen Bundesländern ist Thüringen fast Schlusslicht beim behindertengerechten Ausbau von Bahnhöfen, nur das Saarland schneidet schlechter ab. Sachsen und Sachsen-Anhalt sind in diesem Ranking immerhin im Mittelfeld.

Doch auch hier gebe es viel zu wenig stufenfreie Bahnhöfe, so Dirk Flege: "Das Thema Bahnhöfe ist hier eine Daueraufgabe für die nächsten Jahre. Und da brauchen wir mehrjährige Investitionsoffensiven, die hohe dreistellige Millionensummen umfassen, jedes Jahr."

Vergleichsweise weniger Geld für Thüringer Bahnhöfe

Dass in Thüringen vergleichsweise wenige Bahnhöfe ausgebaut sind, hat zwei Gründe: Zum einen hat Thüringen mehr Bahnhöfe als andere Bundesländer. In Thüringen kommen 14 Stationen auf 100.000 Einwohner, in Bayern zum Beispiel nur acht. Der zweite Grund, das ist die Deutsche Bahn.

Der gehören die meisten Bahnhöfe. Daher legt sie selbst fest, in welche Station sie investiert und in welche nicht. Thüringen wird dabei eher vernachlässigt, zeigt eine Statistik aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Bundestag. Von 2014 bis 2019 steckte die Bahn insgesamt 27 Millionen Euro in thüringische Bahnstationen. Zum Vergleich: Nach Sachsen floss viermal so viel Geld, nach Sachsen-Anhalt sogar sechsmal so viel.

Prioritätenliste für barrierefreie Bahnhöfe in Thüringen

Die thüringische Landesregierung wolle daher die Bahn dazu bewegen, mehr zu tun, sagt Susanna Karawanskij, Staatssekretärin im Thüringer Infrastrukturministerium: "Also wir wollen natürlich den Anteil der barrierefreien Bahnhöfe steigern, das ist ganz klar. Und da machen wir jetzt gerade eine Prioritätenliste für die nächsten zehn Jahre."

Wieviel Geld die Bahn in Mitteldeutschland in den nächsten Jahren in die Hand nehmen wird, um Bahnsteige zu modernisieren, bleibt unklar. Die Bahn ließ eine entsprechende Anfrage von MDR AKTUELL unbeantwortet.

Übrigens: Um von wirklicher Barrierefreiheit sprechen zu können, reicht es nicht, Aufzüge und Rampen zu bauen. Es erfordert auch Bahnsteige, die sich auf einer Ebene mit den Zugtüren befinden. Und ein Blindenleitsystem. Und akustische und visuelle Fahrgastinformationen. In Thüringen erfüllt derzeit rund ein Viertel der Bahnhöfe all diese Kriterien.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. August 2020 | 05:00 Uhr