Tag der Menschen mit Behinderung Personalmangel schon vor Corona ein Problem für die Inklusion

Die Corona-Krise stellt Schülerinnen und Schüler mit Behinderung sowie deren Eltern vor eine besondere Herausforderung. Wie Inklusion trotz Corona gelingen kann und welche Probleme es auch schon vor der Pandemie im gemeinsamen Unterricht gab - darüber spricht der ehrenamtliche Geschäftsführer vom Sachsen-Anhalter Behindertenverband.

Schüler kommunizieren untereinander im bilingualen Unterricht auf Deutsch und Gebärden mit den Lehrerrinnen
Für eine gelungene Inklusion an Schulen braucht es ausreichend Personal. Bildrechte: dpa

Frank Schiwek ist ehrenamtlicher Geschäftsführer vom Allgemeinen Behindertenverband Sachsen-Anhalt (ABiSA), der auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung aufmerksam macht. Er arbeitet hauptberuflich als Förderschullehrer im gemeinsamen Unterricht, also für Kinder mit und ohne Behinderung, an einer Sekundarschule. Er sieht im Personalmangel das größte Problem für Schülerinnen und Schüler – sowohl mit als auch ohne Behinderung. Das sei jedoch kein Thema, das erst mit der Corona-Krise aufkam.

MDR AKTUELL: Im ersten Lockdown im Frühjahr waren deutschlandweit die Schulen geschlossen. Nun findet der Unterricht zwar größtenteils statt. Vereinzelt gibt es aber dennoch lokale Schließungen wegen sehr hoher Infektionszahlen oder Corona-Fällen an den Schulen. Wie wirken sich Schulausfälle auf Kinder mit Behinderung aus?

Frank Schiwek: Wenn wir von einem inklusiven Schulsystem sprechen, gehen wir ja davon aus, dass wir gleiche Bedingungen schaffen wollen. Das heißt, Schulausfälle sind eigentlich genauso nachteilig für Kinder mit wie für die ohne Behinderung. Dennoch ist die Situation für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf schwieriger, weil mit einer Schulschließung immer ein Abbruch einer speziellen Förderung einhergeht. Denn Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung können häufig nicht durch ihre Eltern beim Homeschooling aufgefangen werden.

Was sind die größten Probleme für Eltern, die Schulkinder mit Behinderungen haben?

Frank Schiwek, ehrenamtlicher Geschäftsführer vom Allgemeinen Behindertenverband Sachsen-Anhalt
Der Geschäftsführer vom Allgemeinen Behindertenverband Sachsen-Anhalt, Frank Schiwek, beschäftigt sich als Förderschullehrer auch beruflich mit dem Thema Inklusion. Bildrechte: Nadine Schiwek

Das große Problem ist, dass die Kinder teilweise zu Hause betreut und beschult werden müssen, wenn die Schule ausfällt. Da stoßen Eltern, was das Zeitbudget angeht, ganz oft an ihre eigenen Grenzen. Das muss dann mit dem Arbeitgeber abgestimmt werden, wenn das Kind zu Hause betreut werden muss.

Ein Thema, zu dem wir sehr viele Anfragen von Eltern bekommen haben, ist etwa die Maskenpflicht im Unterricht. Da gibt es nun teilweise Ausnahmen, damit auch Kinder mit Höreinschränkungen kommunizieren können. Denn das Lippenlesen und die gesamte Mimik sind da ganz wichtig und das geht mit Maske schlecht.

Welche Forderungen ergeben sich aus der schwierigen Betreuungssituation an die Politik?

Gerade im Bereich des öffentlichen Dienstes wurde sehr großzügig mit Freistellungen umgegangen. Da haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Das ist natürlich in der freien Wirtschaft nicht in diesem Maße gegeben. Es wäre also im Rahmen aller Hilfspakete, die für die Wirtschaft geschnürt werden, auch angemessen, finanzielle Mittel bereitzustellen, um Eltern von Kindern mit Behinderung die Möglichkeit zu geben, Auszeiten zu nehmen, um für die Kinder da zu sein, wenn Schulen oder andere Betreuungseinrichtungen ihre Dienste nicht anbieten können.

Über die Schulbildung wird während der Corona-Pandemie sehr viel diskutiert. Bekommen Schülerinnen und Schüler mit Behinderung in der Debatte ausreichend Gehör?

Ich denke, dass die Interessensvertretung, wie zum Beispiel der Landeselternrat, auch für Förderschülerinnen und Förderschüler beziehungsweise für Kinder im gemeinsamen Unterricht spricht. Und zum großen Teil sind ja keine Sonderregelungen notwendig, sondern es geht einfach darum, dass alle Kinder gute Chancen bekommen, gesund durch diese Krise zu kommen und dass die Schulen dabei trotzdem ihrem Bildungsauftrag gerecht werden.

Gibt es durch die Krise im Unterricht dennoch konkrete Nachteile für Kinder mit Behinderung?

Im inklusiven Unterricht ist es schwierig, wenn es zu Ausfällen von Lehrern kommt. Denn der Betreuungsbedarf von Kindern mit Behinderung wird ja in der Regel durch Zweitlehrer abgedeckt, die teilweise im Unterricht dabei sind und teilweise auch gesonderte Fördermaßnahmen anbieten. Wenn die nun ausfallen – vielleicht auch aus Betreuungsgründen für eigene Kinder – dann ist es natürlich schwierig für die Kinder im Unterricht und auch für die anderen Lehrer, dieses Konzept noch aufrecht zu erhalten.

Was könnte diese Situation verbessern?

Das grundlegende Problem – und das hat aber nur am Rande etwas mit Corona zu tun – ist der Personalmangel an den Schulen. Der schlägt sich auch auf den gemeinsamen Unterricht nieder. Denn Inklusion kann nur dann gelingen, wenn wir sie personell in den Schulen sichern können. Wir dürfen also weder die Schülerinnen und Schüler noch die Lehrerinnen und Lehrer mit diesem Modell alleine lassen. Sie brauchen Unterstützung durch Fachpersonal, um die bestmögliche Förderung leisten zu können.

Petra Krause erklärt an der Tafel. 30 min
Petra Krause erklärt an der Tafel. Bildrechte: MDR/Mia Media
Lehrer Chris Bergmann im Unterricht 29 min
Lehrer Chris Bergmann im Unterricht Bildrechte: MDR/Mia Media

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 03. Dezember 2020 | 19:30 Uhr