Kinderpornografie und Missbrauch Missbrauchsfall in Bergisch Gladbach: Ermittlungen gegen potenziell 30.000 Verdächtige

Es sind Fälle von gigantischen Ausmaßen: Im Zusammenhang mit dem Missbrauchfall in Bergisch Gladbach ermitteln die Behörden gegen potenziell 30.000 Verdächtige. NRW-Justizminister Biesenbach zeigte sich zutiefst erschüttert. Es geht um Kinderpornografie und Missbrauch.

Ein Haus wird von der Polizei mit Unterstützung des THW durchsucht.
Vergangenen Herbst wurde in Bergisch Gladbach ein Mann festgenommen. Die Ermittlungen brachten ein internationales Netzwerk von Pädokriminellen ans Licht. Bildrechte: dpa

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchfall in Bergisch Gladbach wird gegen potenziell 30.000 Verdächtige ermittelt. Das teilte NRW-Justizminister Peter Biesenbach am Montag in Düsseldorf mit. Es gehe dabei nicht nur um die Verbreitung und den Besitz von Kinderpornografie, sondern auch um schweren Kindesmissbrauch.

Es handele sich um eine "neue Dimension des Tatgeschehens", sagte Biesenbach. "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im Entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat", sagte er weiter. Was die Ermittlungsgruppe zutage gefördert habe, sei "zutiefst verstörend". Man müsse erkennen, "dass Kindesmissbrauch im Netz weiter verbreitet ist, als wir bisher angenommen haben."

Auslöser war Festnahme in Bergisch Gladbach

Die Ermittlungen waren nach der Festnahme eines Mannes im vergangenen Oktober in Bergisch Gladbach bei Köln ins Rollen gekommen. Inzwischen sind bundesweit 72 Verdächtige identifiziert worden. Zehn waren zuletzt in U-Haft. Sieben Anklagen gegen acht Personen sind bereits erhoben worden. In der Spitze befassten sich mehrere hundert Ermittler mit den Fällen, riesige Datenmengen müssen ausgewertet werden. Inzwischen wird in allen 16 Bundesländern ermittelt.

An diesem Mittwoch soll eine eigene "Task Force" von Cyber-Ermittlern die Arbeit aufnehmen. Sechs Staatsanwälte würden sich dann unter großem Zeitdruck zuerst um die Fälle bemühen, bei denen davon auszugehen ist, dass der Missbrauch von Kindern fortgesetzt werde, sagte Biesenbach.

Anstachelung zum Missbrauch

Peter Biesenbach
Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach. Bildrechte: dpa

Laut dem Justizminister handelt es sich um internationale pädokriminelle Netzwerke mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. In Gruppenchats mit Tausenden Nutzern und in Messengerdiensten seien die Täter wie selbstverständlich mit ihren Missbrauchstaten umgegangen, hätten sich angeheizt und sich Tipps gegeben – etwa, welche Beruhigungsmittel man Kindern am besten verabreiche, um sie sexuell zu misshandeln.

"Wer zögert, wird von den anderen ermutigt und bedrängt, seine Absichten in die Tat umzusetzen", berichtete Biesenbach. In diesen Chats würden auch Verabredungen zum Missbrauch mehrerer Täter an einem Kind getroffen. Die Selbstverständlichkeit der Kommunikation über die Taten sei "in höchstem Maße irritierend" und "zutiefst verstörend". Es sei zu befürchten, dass in einer solchen Atmosphäre die Hemmschwellen sinken und auch solche Männer Missbrauchstaten begingen, die ohne entsprechendes Umfeld davor zurückgeschreckt wären.

Biesenbach kritisierte, dass es noch immer keine Pflicht zur Speicherung und Herausgabe von Verbindungsdaten gebe. Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, Leiter der Cybercrime-Zentralstelle NRW, sagte, es sei deshalb unklar, ob es in allen Fällen gelinge, hinter die Pseudonyme der Kriminellen im Netz zu kommen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Juni 2020 | 15:00 Uhr