Zwei Justizbeamte führen einen Mann in Handschellen in den Gerichtssaal.
Alaa S. wurde vom Chemnitzer Landgericht zu neuneinhalb Jahren Haft wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Bildrechte: xcitePRESS

Mehr als neun Jahre Haft Chemnitz-Urteil: Gerichtsreporterin vermutet politische Gründe

Gisela Friedrichsen beobachtet viele Gerichtsprozesse. Die Journalistin war auch in Chemnitz dabei. Sie hat Zweifel am Urteil zum Chemnitz-Prozess, bei dem ein Syrer zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Zwei Justizbeamte führen einen Mann in Handschellen in den Gerichtssaal.
Alaa S. wurde vom Chemnitzer Landgericht zu neuneinhalb Jahren Haft wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Bildrechte: xcitePRESS

Das hohe Strafmaß des Urteils im Chemnitz-Prozess könnte politische Gründe gehabt haben, vermutet Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. Im Gespräch mit MDR AKTUELL sagte sie: "Es war zu befürchten, dass die politische Lage eine Rolle spielen würde bei dem Urteil. Und so ist es eingetroffen." Friedrichsen, die den Prozess von Anfang beobachtet hat, begründet ihre Einschätzung damit, dass es kaum Beweise gegeben habe:

Wenn sich ein Urteil auf einen einzigen Zeugen beruft und sonst nichts in der Hand hat, dann muss man schon fragen, was da noch eine Rolle gespielt hat.

Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen

Laut Friedrichsen habe keine der Personen, die unmittelbar am Tatort gewesen sind, den Tatverdächtigen identifizieren können. "Aber ein Zeuge will aus 60 Metern Entfernung etwas gesehen haben. Erst will er gesehen haben, dass gestochen wurde, dann, dass geschlagen wurde. Er ist ein, nach meinem Eindruck, etwas fragwürdiger Zeuge gewesen. Und der ist nun der Kronzeuge für dieses Urteil." Zeugenbeweise seien die schlechtesten Beweise in der Strafjustiz, so Friedrichsen weiter.

BGH könnte Urteil revidieren

Die Verteidiger des Angeklagten Alaa S., der vom Chemnitzer Landgericht zu neuneinhalb Jahren Haft wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde, legten kurz nach der Verurteilung ihres Mandanten Rechtsmittel ein. Bei der Revision am Bundesgerichtshof könnte das Urteil gekippt werden. Das vermutet auch Gerichtsreporterin Friedrichsen: "Wenn das Urteil tatsächlich nichts weiter enthält als nur die Aussage dieses einen Zeugen, könnte man schon davon ausgehen, dass es keinen Bestand haben wird. Denn das machen die Oberrichter nicht mit, glaube ich."

In ihrer Urteilsbegründung betonte Richterin Simone Herberger, es bestehe kein Zweifel an den Aussagen und der Glaubhaftigkeit des Hauptbelastungszeugen. Er habe den Täter zweifelsfrei erkannt und die Stichbewegungen beschrieben, auch wenn er kein Messer gesehen habe. Unter anderem habe er die Kleidung des Täters exakt beschrieben und weitere Details angegeben, sagte Herberger. Außerdem gebe es weitere Zeugenaussagen. Die Konstruktion einer Falschaussage schloss die Kammer aus.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. August 2019 | 06:38 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 06:38 Uhr