MDR Kulturwoche Zukunft der Clubkultur: Keine Partys ohne Impfschutz?

Nastassja von der Weiden
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

DJs, Livekünstler und -künstlerinnen, Techniker und Technikerinnen und Mitarbeitende in Clubs und Konzertlocations stehen seit bald einem Dreivierteljahr vor einer inhaltlichen wie finanziellen Leere. Gab es im Sommer noch Alternativen wie Biergärten mit DJ-Booth und Open-Airs mit Maske und Abstand, stehen Clubbetreibende und Kulturstätten im November mit leeren Händen vor dem neuen Shutdown. Wie soll es weitergehen? Welche Hoffnungen setzen Clubs in Corona-Schnelltests?

Ein leerer Club
Bitterer Alltag: Die Leere im Club. Die Macher und Macherinnen des "objekt klein a"-Clubs in Dresden bauen ihren Club nun digital nach, um ihn wieder zum Leben zu erwecken. Bildrechte: Objekt Klein A/David Pinzer

In Mitteldeutschland gibt es einige, sogar weltbekannte, alternative Clubs. Clubkulturgeschichte hat nicht nur die Leipziger Distillery als einer der ersten Technoclubs in Ostdeutschland geschrieben, auch das Institut fuer Zukunft ist bundes- und weltweit bekannt – für ein spezielles, besonders gutes Booking. Hierfür wurde der Club, der unweit der Distillery liegt, vor zwei Jahren mit dem APPLAUS-Preis der Initiative für Musik ausgezeichnet. Doch nun sind beide Clubs seit März geschlossen.

Der Leipziger Club IFZ
Clubs in Mitteldeutschland bangen um ihre Existenz. Bildrechte: imago images / Thomas Dietze

Überbrückt haben sie den Sommer zwar mit einem Biergarten-Angeboten, zurück in den Club geht es aber vorerst nicht: Derzeit können Clubs weder mit Hygienekonzept, noch unter freiem Himmel Veranstaltungen durchführen. "Der Lockdown light fühlt sich für Kulturschaffende nicht 'light' an", sagt Kordula Kunert vom Livekommbinat Leipzig e.V., dem Zusammenschluss von zwölf Clubs und Livespielstätten in Leipzig.

Sie ist die Vorstandsvorsitzende des Vereins und regelmäßig mit den Teams der Clubs im Austausch. Einige Betreiber hätten sich gerade gerüstet, wieder zu eröffnen, mit genehmigten Hygienekonzepten, weniger Publikum und Abstand.

Es wurden Tickets verkauft, jetzt wird alles wieder storniert und verlegt. Man weiß aber gar nicht wohin: Frühjahr oder Herbst 2021? Frühjahr 2022?

Kordula Kunert Livekommbinat Leipzig e.V.

Steht die Clubszene vor dem Aus?

Der Erfurter Club "Kalif Storch", den es seit fünf Jahren gibt, hatte seit März nur drei Wochen geöffnet. Das Team war nach abgeschlossenen Umbaumaßnahmen bereit, in eine neue Saison zu starten, mit Kino, Konzerten und DJs – dann kam der zweite Lockdown: "Die Situation ist genau die gleiche wie vor einem halben Jahr. Man ist nur noch etwas deprimierter", sagt Geschäftsführer Hubert Langrock im Gespräch mit MDR AKTUELL.

Trotzdem gehe es dem Club "prinzipiell ganz okay", man wisse ja bereits, was nun auf die Mitarbeitenden zukomme. Clubs wie das Kalif Storch, in denen bis März regelmäßig Partys und Konzerte stattfanden, würden auch im Dezember nicht wieder öffnen, konstatiert Langrock. "Man muss sich ständig neu erfinden in der Kulturbranche derzeit. Nur wofür das Ganze?", sagt er. Wie es weitergehen soll, weiß er noch nicht: "Wir müssen von Monat zu Monat entscheiden. Wir wollen natürlich weitermachen."

Zwischen Wollen und Können

Alle Veranstaltungen wegen Corona abgesagt: Plakatwand an einem Club
Veranstaltungen in Clubs und Konzertlocations sind auch im November abgesagt. Bildrechte: imago images / snapshot / M. Krause

Damit ist er nicht alleine. Auch die Betreiber des "transit" in Chemnitz und des Dresdener "objekt klein a" wollen die Wintermonate nutzen, neue Ideen zu verwirklichen, strukturell umzudenken und die Clubstätten am Leben zu erhalten. "Die Insel der Jugend" in Magdeburg, APPLAUS-Preisträger 2019, hofft auf eine Saison im neuen Jahr.

Der Plan war eigentlich deutlich ambitionierter: Sachsen-Anhalt sollte bundesweit eine Vorreiterstellung in Sachen Clubbetrieb einnehmen. Clubs sollten hier ab dem 1. November mit 60-prozentiger Auslastung wieder eröffnen. So stand es in der Corona-Verordnung des Landes – doch dann stiegen die Infektionszahlen wieder.

Nun stehen auch hier die Clubs wieder am Anfang. Der Betreiber der Insel der Jugend, Michael Conrad, zeigt sich enttäuscht von der Politik. Die Situation werde immer bedrohlicher für seinen Club, denn finanzielle Unterstützung habe er bisher keine bekommen: "Ich habe anfangs ein Wohlwollen der Politik erkannt. Dieses Wohlwollen ist nicht mehr erkennbar. Politiker scheinen es als hip zu empfinden, sich mit uns zu unterhalten, aber einen Tag später ist alles vergessen. Egal mit welcher Fraktion man spricht."

Ob die Insel der Jugend als Club überleben wird und im nächsten Jahr wieder mit Veranstaltungen starten kann, ist nicht zuletzt abhängig von der Kulanz des Vermieters. "Ob wir weitermachen, hängt davon ab, ob wir weitermachen können", sagt Conrad und ergänzt:

Michael Conrad, Betreiber des Magdeburger Clubs "Insel der Jugend", vor seinem Club
Michael Conrad, Betreiber des Magdeburger Clubs "Insel der Jugend", vor seinem Club Bildrechte: Leonard Schubert

Clubbetreiber wird man nicht, um unendlich viel Geld zu verdienen, sondern um sich kulturell und politisch zu engagieren. Man lebt mehr oder weniger für seinen Club.

Michael Conrad Betreiber der Insel der Jugend

Theke, Bar, Technik, Büro: mal offen, mal zu

Schlechter als um die Motivation, die Clubs am Leben zu halten, steht es um die Personalfrage, da sind sich die befragten Clubbetreibenden aus Mitteldeutschland einig. Techniker und Technikerinnen, Barpersonal und nicht zuletzt regelmäßig gebuchte DJs sind von den Öffnungen und Schließungen stark betroffen.

Felix Buchta vom Club "objekt klein a" (OKA) sagt: "Schlimmstenfalls suchen sich die Leute – im Zuge der ersten Welle ist das schon vielfach geschehen – andere Jobs. Dann sind sie vielleicht verloren, weil man den jetzt gefundenen Job nicht einfach so wieder hergibt, für das prekäre Clubleben."

Alternative Ideen: Virtuelles Feiern

Um dem Club wieder Leben einzuhauchen, setzt das OKA auf Virtual Reality. Livestreams mit DJs aus leeren Clubs gab es über den Sommer zu Hauf, die Idee des Dresdener Clubs geht aber darüber hinaus. Der Club wurde photogrammetrisch vermessen und wie in einem 3D-Videospiel nachgebaut. Die Besucher und Besucherinnen können dann, visualisiert als Smiley, virtuell durch den Club tanzen, mit anderen chatten oder bestenfalls direkt sprechen. An dieser Funktion werde gerade noch gearbeitet, berichtet Buchta.

Hoffnungsschimmer: Corona-Schnelltests an der Clubtür

Wie kann ein geregelter Clubbetrieb, mit sogenannten Tanzlustbarkeiten, wieder starten? Und wann? Ein Hoffnungsträger ist die Idee, sensible Schnelltests am Einlass einzuführen. Das Leipziger Livekommbinat und der Livekomm-Bundesverband wollen diese Idee gemeinsam mit der Clubcommission Berlin in der Politik einbringen.

Mit der Sicherheit eines Tests an der Tür könnte man einen Normalbetrieb bestenfalls wieder aufnehmen, so die Hoffnung. Der Lockdown kam aber auch hier dazwischen: Gremiengespräche waren schon geplant und wurden verschoben.

Blick auf einen Corona-Schnelltest
Könnten Corona-Schnelltests am Einlass die Lösung für Kulturlocations werden? Bildrechte: dpa

"Corona wird uns nicht nur diesen Winter beschäftigen. Ich denke, dass ein Schnelltest-Verfahren Zukunft hat, auch wenn man an größere Events und an Sportveranstaltungen denkt. Wenn man weg von der Kultur geht, sind sie aber auch maßgeblich für Pflegeheime", sagt Kunert und ergänzt, dass mit Schnelltests eine viel größere Testkapazität erreicht werde, ohne die Gesundheitsämter maßgeblich mehr zu belasten.

Was aus dem Hoffnungsträger Schnelltests wird, bleibt abzuwarten. "Wer soll die Tests bezahlen und wie soll das an der Clubtür funktionieren?" fragt der Betreiber des Kalif Storch, Hubert Langrock, und äußert Skepsis. Wenn die Tests subventioniert werden würden, könne er es sich vielleicht vorstellen, aber: "Ohne Impfstoff gibt es keinen Weg zum normalen Partybetrieb."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2020 | 13:15 Uhr