Corona-Krise Überleben die Vereine in der Pandemie?

Vereine sind sozialer Anlaufpunkt, Trainingsort, Beratungsstelle, Freizeitfüller oder auch das zweite Wohnzimmer. Vereint zu sein ist während der Corona-Pandemie schwieriger denn je. Wie kommen Vereine durch die Krise?

Information über abgesagte Termine in einem Schaukasten
Chöre, Fußballvereine, Kegelclubs – wie kommen mitteldeutschlands Vereine durch die Corona-Pandemie? Bildrechte: imago images/Patrick Scheiber

Die Sänger des Männerchors Radebeul treffen sich regelmäßig zu Proben. Seit 176 Jahren gibt es den Gesangsverein, im Jahr 1997 wurde er mit der Zelter-Plakette vom Bundespräsidenten ausgezeichnet – das höchste Verdienstzeichen für die Pflege der Chormusik. Die Sängerrunde von Radebeul ist einer der ältesten Chöre in Sachsen. Doch dann kam die Pandemie, die viel veränderte. "Der soziale Kontakt war bis Februar immer gut, man traf sich zu den Proben und unterhielt sich zwischendurch. Und dann war der Kontakt plötzlich abgerissen", sagt der Vorsitzende des Chorvereins, Jürgen Tobianke.

Der Kampf ums soziale Überleben

Im Radebeuler Verein kämpfen sie in Corona-Zeiten nicht um ihr wirtschaftliches Überleben, sondern um das soziale. Das, was den Chor ausmache, sei das Zusammensein. Gerade für die älteren Vereinsmitglieder sind plötzlich alle Kontaktmöglichkeiten weggefallen, sagt Tobianke. "Manche haben nur ein einfaches Telefon, welches man auch altersbedingt nicht einfach durch ein Smartphone ersetzen kann."

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind Vereine aus Kultur, Brauchtum, Sport und Sozialem unverzichtbar. Während etwa professionelle Sportvereine in der Pandemie um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen, stellen sich kleinere Vereine auf dem Land ganz anderen Herausforderungen. Fehlendes Geld ist für die oftmals ehrenamtlich geführten Vereine nicht das Hauptproblem. Bei einer mitteldeutschlandweiten Umfrage des Meinungsbarometers MDRfragt gaben im August mehr als ein Drittel der Befragten an, Vereine seien unverzichtbar für die Gesellschaft. Und die Corona-Krise macht den Befragten zu schaffen. Die Hälfte der Teilnehmer gab an, dass ihr Vereinsleben durch die Beschränkungen bis heute eingeschränkt ist.

Bundesstiftung: Vereine "sind der Kitt unserer Gesellschaft"

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es aktuell 68.084 eingetragene Vereine. Rund 10 Vereine kommen damit auf 1.000 Einwohner. Ihr Erfolg misst sich nicht am Vereinskonto, sondern den Aufgaben und Zielen, die sich die Menschen setzen.

Frank Krätzschmar, Vorsitzender der Thüringer Ehrenamtsstiftung
Frank Krätzschmar Bildrechte: dpa

Für die Gesellschaft seien Engagement und Vereinsleben unabdingbar, findet auch Frank Krätzschmar von der Thüringer Ehrenamtsstiftung. Seit 2002 unterstützt die Organisation ehrenamtliches Engagement strukturell und finanziell mit Mitteln aus dem Haushalt des Freistaates. "In Thüringen sind 40 Prozent der Bevölkerung ehrenamtlich tätig. Wenn die von heute auf morgen aufhören würden, würden zentrale Dinge in der Gesellschaft nicht mehr funktionieren", sagt Krätzschmar. 

Wie wichtig dieses Engagement ist, hat inzwischen auch die Bundespolitik erkannt. Schon vor Beginn der Pandemie sollte das zivilgesellschaftliche Engagement gestärkt werden. Die Gründung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt ist das Ergebnis der Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse", die von der Bundesregierung 2019 eingesetzt wurde. Das gemeinsame Vorhaben dreier Bundesministerien hatte ihre Gründung im März 2020 zur Folge – mitten in der Pandemie. "Viele Vereine und Organisationen werden durch das ehrenamtliche Engagement ihrer Helferinnen und Helfer getragen", sagt Mario Schulz von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. "Sie sind der Kitt unserer Gesellschaft."

Karnevalisten sehen Brauchtum und Kultur gefährdet

Es ist nicht die fehlende Motivation oder ein Mitgliederschwund, der den Kitt mancherorts bröckeln lässt. Beim Bennunger Karneval Club im Südharz machen sich die Mitglieder Sorgen um das, was weder mit einer Videokonferenz noch mit Geld auszugleichen ist, sagt Stefan Gaßmann.

Karnevalsveranstaltung
Vor Corona-Zeiten: Eine Party des Bennunger Karnevalsclubs. Bildrechte: Kathrin Welzel

Er ist Vereinsvorsitzender des Karnevalsclubs und sieht Brauchtum und Kultur gefährdet. Schließlich findet der Karneval zur kalten Jahreszeit statt, wird meistens in geschlossenen Räumen gefeiert und lebt von der Geselligkeit – in Zeiten der Pandemie kaum vorstellbar. Außerdem finanzieren sich die Clubs durch die Eintrittskarten maßgeblich. Für den Karnevalsverein in Bennungen seien sie die Haupteinnahmequelle, sagt Gaßmann. Ein Jahr könnten sie den Ausfall der Trainings, Planungstreffen und Prunksitzungen überstehen, sagt er. "Das werden wir schon irgendwie verkraften. Aber wenn wir zwei, drei Jahre keine Karnevalsveranstaltungen stattfinden lassen können, sehe ich das schon als bedrohlich für den Verein."

Ländlicher Raum besonders betroffen?

Die Pandemie trifft nicht alle Vereine gleichermaßen, sagt der Vorsitzende der Thüringer Ehrenamtsstiftung Krätzschmar. "Vor allem die Strukturen auf dem Land haben nicht das intensive Vereinsleben wie in der Stadt, manche veranstalten nur einmal im Jahr das Erntedankfest oder die Kirmes. Und dieses eine Fest kann eben nicht stattfinden." Der Höhepunkt des Vereinslebens sei somit oftmals passé – die Ausgaben aber blieben bestehen. In der Stadt gäbe es oft größere Strukturen und mehrere Veranstaltungen über das Jahr hinweg. "Das kann besser aufgefangen werden", so Krätzschmar.

Mario Schulz, Referent der Bundesstiftung für Engagement und Ehrenamt, sieht Akteure auf dem Land und in der Stadt gleichermaßen von der Krise betroffen. "Das Virus macht keinen Unterschied zwischen Land und Stadt. Die konkreten Auswirkungen auf die Gesellschaft hängen von den konkreten Beschränkungen vor Ort ab." Trotzdem sei es für Engagierte und Ehrenamtliche in ländlichen und strukturschwachen Räumen aufgrund fehlender Infrastruktur und Netzwerke weitaus schwieriger, Angebote aufrechtzuerhalten. Bei der Erhaltung von Strukturen, im Nachwuchs- und Mitgliederbereich und vor allem der Digitalisierung wolle man künftig den engagierten Akteuren unter die Arme greifen.

Aktuell keine Austrittswelle aus den Vereinen

Mitgliederschwund und mangelnde Motivation sind dabei nicht das Problem, im Gegenteil: Während des ersten Lockdowns überstieg das spontane Engagement sogar den Bedarf, wie Engagement-Forscher Holger Krimmer sagt. "Das informelle Engagement, das besonders zu Beginn der Krise stark zugenommen hat, ist zwar vergänglich." Als Strohfeuer oder Krisenszenario wolle der Wissenschaftler diese Hilfen aber nicht werten. 

Auch ein massiver Schwund von eingetragenen Vereinen und Mitgliedern ist aktuell noch nicht zu sehen, stellt Holger Krimmer fest. Die Entwicklung geht seit Jahren in eine bestimmte Richtung, wie er sagt. "Wir haben schon seit 20 Jahren eine Zunahme von Abgängen und eine Abnahme von Zugängen. Dass sich diese beiden Kurven irgendwann berühren und nachfolgend ein negatives Wachstum entsteht war aus unserer Sicht zu erwarten."

In Sachsen seien die Mitgliederzahlen in den Sportvereinen seit 2003 kontinuierlich gestiegen, wie Annegret Müller vom Landessportbund Sachsen sagt. Aufgrund der Corona-Pandemie rechne man dort im kommenden Jahr mindestens mit einer Stagnation des Mitgliederwachstums. Probleme haben insbesondere Angebote im Reha-Bereich, die oftmals von Menschen aus der Risikogruppe wahrgenommen werden. Auch Kurssysteme, die zusätzlich zu langfristigen Mitgliedschaften funktionieren, gefährden die Stabilität mancher Vereine.

Soforthilfen mildern Existenznöte

Allerdings fürchten neben den kleineren Vereinen ebenso große Amateur-Sportvereine um ihre Existenz, auch in der Stadt. Hauptamtliche Mitarbeiter und laufende Kosten für Sporthallen sind durch ausbleibende Einnahmen nur schwer zu verkraften, wie der Landessportbund Sachsen mitteilt. Für existenzbedrohte Sportvereine stellt der Freistaat nun 10 Millionen Euro zur Verfügung, um ihren wirtschaftlichen Ruin abzuwenden. Maximal 10.000 Euro kann ein Verein einmalig erhalten, der unverschuldet in der Pandemie in Existenznot geraten ist.

Das sei auch dringend nötig, sagt die Sprecherin des Landessportbund Sachsen. Im Frühjahr hätten die Vereine bewiesen, dass sie Solidarität und Zusammenhalt leben. Junge Mitglieder seien für ältere einkaufen gegangen und Übungsleiter hätten Trainingspläne für die Jugendmannschaften erstellt, sagt Müller. Trotz erprobter Hygienekonzepte steht das Vereinsleben nun wieder still. Damit werden die Vereine erneut auf eine harte Probe gestellt – die finanzielle Entlastung ist dabei nur eine Säule, die durch Soforthilfen stabilisiert werde.

Ein Modell der Vereinsfinanzierung stellen Events und Sponsoring dar. Solche Vereine sind nun stärker auf finanzielle Hilfen angewiesen. "Besonders ab dem Jahreswechsel sehe ich dieses Modell eher bedroht", wie Engagementforscher Krimmer sagt. Das beträfe vor allem Sponsorenverträge und Spenden von Unternehmen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage keine Unterstützung mehr zusichern könnten. Das Spendenvolumen von Unternehmen an Organisationen werde oftmals unterschätzt. "Vor allem die Sektoren Sport und Kultur profitieren davon – bisher." Wie und ob die Vereine die Krise überstehen, hänge maßgeblich von der Dauer der Beschränkungen ab.

Direkter Kontakt ist kaum ersetzbar

Doch helfen die vom Staat geförderten Sonderfonds und Fördertöpfe für Digitalisierung, Nachwuchsgewinnung und andere  finanzielle Ausgleiche den Vereinen beim Überleben? Einerseits ja, denn so kann die wirtschaftliche Existenz gesichert werden. Andererseits ist ein Verein kein Wirtschaftsunternehmen, das nur auf Gewinn ausgerichtet ist, sondern vom Miteinander lebt.

Auch Beratungsstellen und Solidaritätsprojekte merken in der Krise, wie wichtig der Kontakt von Angesicht zu Angesicht ist. In Gräfenhainichen bei Dessau hat man dies während des ersten Lockdowns stark zu spüren bekommen. Ulf Künemund ist einer der Initiatoren von "Offen Bunt Anders". Das Projekt ist an die Volkssolidarität angegliedert und unterstützt Geflüchtete bei ihren Problemen mit Behörden, bietet ein Café zum Austausch und Nachhilfe für Jugendliche an. Mit den Kontaktbeschränkungen lag das Vereinsleben komplett brach, wie Künemund sagt. "Das Flüchtlingscafé, eines unserer wichtigsten Anlaufpunkte, musste geschlossen werden. Das hatte Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen." Gerade im Bereich der Flüchtlingsarbeit erschwere es die Kommunikation, wenn man sich nicht sehen kann. Mimik und die Verständigung mit Gesten seien oftmals unerlässlich. 

Mit Soforthilfen und Sonderfonds können viele Vereine ihren finanziellen Ruin abwenden und die laufenden Kosten decken. Für den Gesangsverein in Radebeul, den Karnevalisten in Bennungen oder dem Solidaritätsprojekt in Gräfenhainichen ist dies nur ein Trostpreis – für die sozialen Einbußen, die wirtschaftlich und strukturell nicht auszugleichen sind.

Dieses Thema im Programm: MDR um 4 | 17. November 2020 | 16:00 Uhr