Geschönte Angaben im Divi-Intensivregister? Intensivbettenmangel deutlich größer als offiziell angegeben

Der Mangel an Intensivbetten für Covid-19-Patienten in den sächsischen Corona-Brennpunkten ist deutlich größer als offiziell gemeldet. Das zeigt ein Abgleich der  freien Behandlungskapazitäten im "Divi-Intensivregister" mit internen Bettenlisten der Krankenhäuser von fünf sächsischen Landkreisen.

Mediziner behandeln einen Patienten auf der Intensivstation des Ausbildungs- und Forschungskrankenhauses Sancaktepe Sehit Prof.Dr. Ilhan Varank an, auf der Corona-Patienten behandelt werden.
Intensivbetten für Corona-Patienten werden in sächsischen Krankenhäusern knapp. Bildrechte: dpa

In Bettenlisten, die dem ARD-Magazin "Fakt" vorliegen, melden Kliniken täglich der Krankenhausleitstelle freie Betten zur Behandlung der Covid-19-Patienten. Bereits vergangene Woche lag demnach die Gesamtzahl der freien Intensivbetten in den Landkreisen Bautzen, Dresden, Sächsische Schweiz Osterzgebirge, Görlitz und Meißen bei lediglich rund 20. Mit 50 freien Intensivbetten wies das offizielle "Divi-Intensivregister" mehr als doppelt so viele Intensivbetten für diese Landkreise aus.

Besonders widersprüchlich sind die Angaben des Zittauer Klinikums Oberlausitzer Bergland in dem besonders von der Pandemie betroffenen Landkreis Görlitz. Vergangene Woche sorgte die Klinik bundesweit für Schlagzeilen, weil ein Chefarzt aufgrund fehlender Behandlungskapazitäten von "Triage" sprach. Damit ist die Entscheidung gemeint, welche Patienten man noch behandeln kann, wenn die Kapazitäten nicht für alle reichen.

Die Klinik dementierte später die Triage-Berichte. Allerdings: Die interne Bettenliste wies zu diesem Zeitpunkt tatsächlich null freie Betten aus. Doch im offiziellen "Divi-Intensivregister" meldete Zittau zu dieser Zeit noch immer verfügbare Bettenkapazitäten.

Kritik aus dem sächsischen Corona-Krisenstab

Ein Mitglied des sächsischen Corona-Krisenstabs, das anonym bleiben will, kritisiert gegenüber FAKT, dass Krankenhäuser dem Intensivregister mehr Betten meldeten, als sie hätten: "Das Divi-Intensivregister genießt ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit und der Politik. Wenn mit Bettenzahlen getrickst wird, taugt die Datenbank nichts. Sie fällt als Frühwarnsystem für entstehende Engpässe bei der Versorgung von Covid-19-Patienten aus".

Der Insider vermutet, Kliniken würden offiziell mehr Intensivbetten melden, weil sie für freie Covid-19-Betten Ausgleichszahlungen erhielten. Im April unterzeichnete Gesundheitsminister Jens Spahn eine Verordnung, wonach Krankenhäuser tagesaktuell freie Betten im "Divi-Intensivregister" melden müssen.

Klinik räumt unterschiedliche Angaben indirekt ein

Zwei der Kliniken mit auffällig abweichenden Angaben in der Divi-Datenbank und der internen Bettenliste haben auf schriftliche Anfragen geantwortet. Das Klinikum Görlitz erklärt abweichende Angaben mit krankem oder in Quarantäne befindlichem Personal, wodurch freie Betten nicht belegt werden könnten. Die Bettenliste für die Krankhausleitstelle seien tatsächlich "praxisrelevanter und pragmatischer" als das "Divi-Intensivregister".

Die Oberlausitz-Klinik Bautzen widerspricht den Vorwürfen: "Die Realität, die wir gerade in den deutschen Krankenhäusern erleben, ist wohl etwas komplexer als die 'Divi-Datenbank' sie darstellt." Ausgleichsbeträge oder "Freihaltepauschalen" beziehe man nicht.

Unregelmäßigkeiten sind bereits auch der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) aufgefallen, die das offizielle Intensivbettenregister betreibt. Das belegt ein Appell der Divi und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) von Anfang November: "Durch Rückmeldungen von Rettungsdiensten und regionalen Stichproben war in der vergangenen Woche aufgefallen, dass die Zahlen der noch verfügbaren, unmittelbar für die Versorgung von Intensivpatienten freistehenden Betten, nicht zu 100 Prozent stimmen kann. Genau das ist für eine unmissverständliche Interpretation der Daten und der sich daraus ergebenden Planung in der gesamten Republik unerlässlich."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | ARD Tagesthemen | 22. Dezember 2020 | 21:45 Uhr