Covid-19-Prävention Nicht-Versicherte fallen durch Kontrollsystem

Wenn jemand Fieber hat und hustet, geht er zum Arzt, wird auf das Coronavirus getestet und muss im Zweifel 14 Tage in Quarantäne. Das Gesundheitsamt erfasst die Kontaktpersonen und informiert diese. Voraussetzung für diesen Ablauf ist, dass die Person versichert ist. Die Dunkelziffer an Infizierten und das Maß der Ausbreitung des Coronavirus bei Nicht-Versicherten ist allerdings offen. Und das birgt Gefahren.

Arztpraxis, Elektronische Gesundheitskarte, Detail von Leonardo-Logo und Datenchip
Eine Krankenversicherung ist eine Voraussetzung dafür, dass an COVID-19 erkrankte Personen in den Gesundheitsämtern registriert werden. Bildrechte: imago images/Martin Bäuml Fotodesign

Annemarie Sass ist Sozialarbeiterin in der Clearingstelle im Leipziger Osten. In Zusammenarbeit mit Ärzten empfängt und berät sie hier Menschen, die krank sind, jedoch nicht zum Arzt gehen können. Und das aus verschiedenen Gründen. Die Lebenssituation sei jedoch oft eine ähnliche, sagt Sass.

"Die Leute arbeiten auf Baustellen, in der Gastronomie, in der Sexarbeit. Das sind oft ausbeuterische Verhältnisse. Dort zu sagen: 'Hey, ich möchte meinen Lohn jetzt haben, ich brauche eine Krankenversicherung', ist schlecht möglich, weil sie bisher unterm Radar geflogen sind."

Angst vor Abschiebung hält von Versicherungsverhältnis ab

Das Problem hätten viele aus sogenannten Drittstaaten. Nach Asylrecht dürfen diese Leute zwar Sozialleistungen und damit auch Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen. Doch viele würden das nicht tun, sagt Sass. Denn sie müssten ihre Identität preisgeben und riskieren damit, abgeschoben zu werden:

"Das bedeutet: Ja, wir haben die Möglichkeiten, dass die Leute versorgt werden, aber es ist keine de facto Möglichkeit, weil es für viele einfach nicht Infrage kommt, ihre Identität preiszugeben und dann die Gefahr einzugehen, hier von ihrer Familie und aus ihrem bestehenden oft undokumentierten Arbeitsverhältnis wegzukommen."

Dabei betreffe es immer mehr Menschen, weil seit den Asylrechtsverschärfungen mehr Länder als Drittstaaten gelten, sagt Sass. Der Großteil in Mitteldeutschland komme dabei aus Vietnam und anderen asiatischen Ländern. Eine weitere, sehr große Gruppe in Ostdeutschland, so Sass, seien Menschen, die aus Osteuropa kommen. Sie würden meist viele Jahre schwarz arbeiten. Wenn sie dann ihre Arbeit verlieren, so Sass, könnten sie oft nicht nachweisen, dass sie sich einen Anspruch auf Leistungen erworben haben.

Auch viele Sexarbeiterinnen aus Osteuropa könnten sich keine Gesundheitsversorgung leisten, sagt Sass weiter. Sie würden arbeitsrechtlich zwar als Selbstständige gelten, könnten sich aber die hohen Beiträge für die Krankenkasse oft nicht leisten.

Tausende Nicht-Versicherte in Leipzig

Auch Deutsche kämen zur Clearingstelle, die aus ganz ähnlichen Gründen aus der Versicherung gefallen sind oder Obdachlose, sagt die Sozialarbeiterin Sass. Nach Schätzungen der Clearingstelle seien es allein für Leipzig zwischen 4.000 und 10.000 Betroffene. So bliebe für Annemarie Sass vieles unentdeckt.

Das heißt natürlich auch, dass die Menschen, die nicht getestet werden, weil sie sich gar nicht getraut haben zum Arzt zu gehen aufgrund von hohen Kosten oder Behördenmeldungsangst, dass die natürlich dann auch weiterverbreiten, denn sie wissen nicht, ob sie Corona haben.

Annemarie Sass Clearingstelle Leipzig

Für die Verbreitung der Coronavirus-Infektionen sei es nicht zuträglich, wenn Menschen nicht zum Arzt gehen können, sagt Sass weiter. Was es demnach bräuchte, wäre die Sicherheit für die einen, dass sie anonym bleiben könnten, für die anderen, dass die Kosten übernommen würden.

Sozialministerin betont bisher geschaffene Angebote

Konkret hieße das, dass es zum Beispiel offenen Sprechstunden gibt oder die Gesundheitsämter die Kosten übernehmen. Zwar hätten Gesundheitsämter eine erweiterte Schweigepflicht, aber in Städten wie Erfurt, Chemnitz und Leipzig wird im Falle eines Tests oder stationären Behandlung wieder das Sozialamt eingeschaltet und damit die Identität preisgegeben, sagt Sozialarbeiterin Sass weiter.

In Dresden kann in sensiblen Fällen das Gesundheitsamt die Kosten übernehmen. Die Details variieren von Stadt zu Stadt, einen einheitlichen Plan gibt es nicht. Sozialministerin Petra Köpping findet die momentane Regelung ausreichend und weist darauf hin, "dass wir für alle Gemeinschaftseinrichtungen Möglichkeiten für Tests geschaffen haben. Zusätzlich haben wir in Dresden und in Chemnitz Praxen, so genannten Flüchlingsambulanzen, die sich in unterschiedlichster Sprache mit den AsylbewerberInnen befassen und wo man tatsächlich erklären kann, was für welche Leistung notwendig ist."

Angebote wurden also geschaffen. Doch die eigentlichen Gründe, warum Menschen nicht zum Arzt gehen, werden nicht angegangen. Osteuropäer und Osteuropäerinnen werden zudem nicht mitgedacht und die Kostenfrage hier gar nicht beantwortet. Dies sei Verantwortung der Arbeitgeber, heißt es aus dem Sozialministerium.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Juni 2020 | 06:50 Uhr