Corona-Zahlen Wann ist ein Risikogebiet ein Risikogebiet?

Während die Oberbürgermeister von Städten wie Magdeburg und Halle ihre Städte längst zu Corona-Hotspots erklärt haben, mit deutlich mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche, braucht das RKI zum Teil einige Tage, um nachzuziehen. Warum ist das so?

Stoffmasken im Schaufenster einer Schneiderei
Ob und wann ein Gebiet als ein Risikogebiet eingestuft wird, entscheidet nicht das RKI, sondern das entscheiden die jeweiligen Kommunen, Landkreise oder Länder. Bildrechte: imago images/Future Image

Die Stadt Halle lädt tagtäglich zu einer Pressekonferenz. Am vergangenen Sonnabend hatte Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) nichts Gutes zu berichten. Erstmals wurden in der Saalestadt in den vergangenen sieben Tagen so viele Corona-Neuinfizierungen registriert, dass eine kritische Marke übertroffen wurde. Die sogenannte 7-Tage-Inzidenz lag bei 54,05 und damit höher als 50. Der Wert gilt als besondere Warnstufe. Die Politik verschärft beim Übertreten die Regeln – und stuft die betroffenen Regionen als Risikogebiete ein. Die Folgen sind in den meisten Fällen gravierend – für Bewohner ebenso wie für Besucher.

RKI erklärt Halle auch drei Tage später noch nicht zum Risikogebiet

Wer jedoch auf die Veröffentlichung des Robert Koch-Institutes (RKI) schaut, kann sich vermeintlich etwas entspannen. Selbst drei Tage nach der schlechten Nachricht von Halles Oberbürgermeister, steht dort die Stadt Halle im deutschlandweiten Vergleich gut da. Am (heutigen) Dienstag ist die Region auf der RKI-Webseite noch immer gelb markiert, es wird eine 7-Tage-Inzidenz von 49 angegeben. Rot, also ein Risikogebiet mit 50 und mehr wöchentlichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, ist in Sachsen-Anhalt lediglich der Landkreis Jerichower Land. Auch für Magdeburg, in der bereits am Montag der Wert auf fast 80 gestiegen war, weist das RKI mit 45,5 noch einen wesentlich niedrigeren Wert auf. Dabei hat Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) die Landeshauptstadt am Montag zum Corona-Hotspot erklärt.

Doch wann ist nun eine Region ein Risikogebiet und wann nicht? Welche Zahlen gelten? Und warum scheint gerade das RKI, das den virologischen Takt der Republik vorgibt, keine aktuellen Zahlen zu veröffentlichen? Viele Menschen schauen täglich auf die für sie so wichtigen Veröffentlichungen. Etwa, weil Firmen ihren Mitarbeitern davon abraten, in "rote" Gebiete zu reisen. Oder weil in den Allgemeinverfügungen der Bundesländer ab dem kritischen Wert verschärfte Regeln gelten, wie zum Beispiel das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der Öffentlichkeit oder die Beschränkung von privaten Feiern und öffentlichen Zusammenkünften.

RKI hat nicht die aktuellsten Zahlen

Das RKI fasst die Zahlenmisere in einem Satz zusammen. "Die Gesundheitsämter und Länder haben immer die neueren Zahlen", sagt eine Institutssprecherin dem MDR und nennt auch die Gründe dafür, die sehr verschieden sein können. Es gebe unter anderem einen zeitlichen Verzug bei der Übermittlung der Zahlen. "Zum Beispiel wenn das Gesundheitsamt bereits Fälle an die Landesstelle übermittelt hat, diese aber noch nicht vom Land an das RKI übermittelt worden sind", erklärt die RKI-Sprecherin. Ein weiterer Grund für vermeintlich verspätete Zahlen sei der Datenstand zu jener Uhrzeit, die das RKI verwendet, nämlich 0 Uhr. Gesundheitsamt oder Länder verwendeten für ihre Situationsberichte möglicherweise einen anderen Datenstand.

Die 7-Tage-Inzidenz basiert laut Robert Koch-Institut auf dem Meldedatum der Fälle. Das sei der Zeitpunkt, wann dem Gesundheitsamt der Fall bekannt wird. "Es kommt vor, dass ein Gesundheitsamt einen Fall aber erst am nächsten Tag in der Software erfasst, so dass er dann erst am übernächsten Tag bei uns in der Statistik auftaucht." Auch dieser Effekt sei also nicht ungewöhnlich. Das RKI weise immer darauf hin, dass es durch den Meldeverzug zu einer Unterschätzung der Inzidenz kommen könne, vor allem bei dynamischen Entwicklungen. Das erklärt die unterschiedlichen Zahlen, etwa für Halle oder Magdeburg.

Über Risikogebiete entscheiden Kommunen

Hinzu kommt: Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie veröffentlicht das RKI die Daten aufgrund des großen Informationsbedürfnisses täglich. Da die Daten laut Institut jedoch automatisiert und elektronisch übermittelt und bewertet werden, können für die Berichterstattung nicht einzelne Datensätze manuell am gleichen Tag korrigiert werden, falls etwas zu korrigieren wäre. "Die Korrektur erfolgt auf Ebene des Gesundheitsamtes und kann meist nur mit ein bis zwei Tagen Verzögerung durchgeführt werden."

Ob und wann ein Gebiet als ein Risikogebiet eingestuft wird, entscheiden übrigens nicht die Mitarbeiter des Robert Koch-Institutes, sondern die Politiker der jeweiligen Kommunen, Landkreise oder Länder. Warum es allerdings in Chemnitz zu einer Datenlücke von rund einer Woche gekommen ist, erklärt das RKI nicht. Dort war der kritische Inzidenz-Wert am Montag vor einer Woche überschritten worden. Bis Sonntag änderte sich am Status der Stadt auf der RKI-Webseite nichts.

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1 Kommentar

wo geht es hin vor 5 Wochen

Mal ein einfaches Rechenbeispiel, um den Irrsinn dieser "Evidenzmarke" zu verdeutlichen: ein Gebiet (Stadt, Lankreis usw.) hat genau 100.000 Einwohner. Davon werden 50 positiv getestet. Man ist damit "Risikogebiet". Am gleichen Tag stirbt ein Mensch weniger, wie einer geboren wird. Man hat damit 100.001 Einwohner und schwups ist man kein "Risikogebiet" mehr. Jetzt werden die Oberschlauen daherkommen und sagen: ja aber man muß ja irgendwo eine Grenze festlegen. Nein: muß man nicht. Das einzig Entscheidente sind die Krankenhauskapazitäten und die Anzahl der tatsächlich schwer Erkrankten. Nichts anderes. Und da sehen selbst jetzt die Zahlen noch sehr entspannt aus. Das Einzige, was hier nicht entspannt ist, ist die Hysterie, die von den interessierten Kreisen geschürt wird. Und wie ansteckend die ist - ja da wird selbst Corona blass.