Corona-Hotspot Warum sind die Corona-Infektionszahlen in Sachsen so hoch?

Sachsen verzeichnet derzeit bundesweit die höchste Rate an Neuinfektionen binnen 7 Tagen je 100.000 Einwohner. In den Krankenhäusern ist die Situation angespannt. Inzwischen gelten in den meisten Regionen Ausgangsbeschränkungen. Doch warum sind die Corona-Infektionszahlen im Freistaat überhaupt so hoch?

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Ende Oktober 2020 bei einer Diskussionreihe der Volkshochschule
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt strengere Corona-Regeln in Aussicht. Bildrechte: imago images / Sven Ellger

In den meisten der Regionen Sachsens gelten derzeit Ausgangsbeschränkungen. Haus oder Wohnung dürfen nur noch mit triftigem Grund verlassen werden. Zudem wurden die Maskenpflicht ausgeweitet und Alkoholverbote erlassen. Geholfen hat das bislang kaum - der Freistaat ist der neue Corona-Hotspot Deutschlands: In fünf Landkreisen liegt der Inzidenzwert inzwischen sogar bereits bei mehr als 400.

Hotspot Sachsen

Deshalb hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ab Januar einen härteren Lockdown angekündigt. Falls die Corona-Infektionszahlen bis Weihnachten nicht sinken, würden nach Weihnachten die Kindergärten nicht mehr öffnen können, sagte Kretschmer am Mittwoch.

Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz analysiert mit seinen Kollegen vom Institut für Medizinische Informatik und Epidemiologie an der Uni Leipzig regelmäßig die aktuelle Corona-Entwicklung in Sachsen und sieht gleich mehrere Ursachen für die hohen Infektionszahlen im Freistaat.

Sachsen älter als andere Bundesländer

Der Wissenschaftler sagte MDR AKTUELL, dass vor allem die Altersstruktur in Sachsen ausschlaggebend für die Entwicklung sei. Das Bundesland habe bundesweit den höchsten Altersdurchschnitt und ältere Menschen würden sich vor allem auch untereinander stärker anstecken.

Genau das sehen wir auch, dass Sachsen vor allem im oberen Altersbereich deutlich höhere Inzidenzen aufweist als der Bundesdurchschnitt.

Markus Scholz | Epidemiologe Universität Leipzig

Corona im Grenzverkehr

Eine weitere Rolle könne die geographische Lage und der Grenzverkehr zu Polen und Tschechien spielen. In den beiden Nachbarländern seien die Zahlen bereits früher gestiegen. Allerdings ist noch unklar, wie groß die Rolle des Grenzverkehrs bei den Infektionen tatsächlich ist, meint Scholz.

Trotz der steigenden Anzahl an Neuinfektionen in Tschechien durften Sachsen für 24 Stunden und ohne Testpflicht bei der Rückkehr ins Nachbarland fahren. Eine ähnliche Regelung gab es auch lange Zeit für Tschechen, die nur für einen kurzen Zeitraum nach Sachsen einreisten. 

Infektionsschwerpunkt: privates Umfeld

Ein Blick auf die Verteilung der Neuinfektionen zeigt aber auch, dass große Städte wie Dresden oder Leipzig bislang vergleichsweise glimpflich durch die Krise kommen. Ein Punkt, warum von der Corona-Ausbreitung vor allem die ländlichen Regionen Sachsens betroffen sind, könnte Gesundheitsministerin Petra Köpping zufolge im privaten Umfeld der Betroffenen liegen - einem Haupttreiber für die hohen Fallzahlen, meint Köpping:

Petra Köpping Sozialministerin Sachsen exakt
Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese enge freundschaftliche Bande, diese engen Familienfeiern, vielleicht auch im Dorf, dass man sich trifft, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird.

Petra Köpping | SPD Sachsens Gesundheitsministerin

Hohe Dunkelziffer

Der Epidemiologe Markus Scholz weist aber auch auf ein Problem hin: "Je stärker die Inzidenzlage ist, desto weniger wirksam werden die Instrumente". Daher sei das Infektionsgeschehen in Sachsen Scholz zufolge als "außer Kontrolle" zu bezeichnen.

Eines dieser Instrumente ist der Test auf das Coronavirus. Ein konsequentes Testen könnte helfen, wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen. Die stetig steigende Positivenquote bei Tests in Sachsen, also der immer höhere Anteil positiver Tests an den Gesamttests, deutet Scholz zufolge allerdings auf eine sehr hohe Dunkelziffer hin – Gegenmaßnahmen kommen demnach zu spät und bleiben so wirkungslos. Stattdessen seien zunehmend infizierte Menschen unterwegs statt in Quarantäne. Sie sorgen dann unwissend für eine Verbreitung des Virus.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Dezember 2020 | 16:46 Uhr

89 Kommentare

ElBuffo vor 6 Wochen

Der MP und so ziemlich jeder andere Politiker, der auf Wählerstimmen für eine Wiederwahl angewiesen ist, will seiner Wählerschaft gefallen. Die komplette Risikogruppe ist übrigens wahlberechtigt. Kita- und Schulkinder nicht. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, warum man ständig den Scheinplacebo Kita- und Schulschließung hervorholt. Das soll die Hochrisikogruppe irgendwie davon ablenken, dass sie es vor allem mit dem eigenen Verhalten in der Hand hat. Schon gar nicht will man dieser Gruppe gezielt Maßnahmen auferlegen, die die Kontakte beschränken. Obwohl genau dort das Problem bzw. dessen Lösung liegt.

Janes vor 6 Wochen

Wo geht es mit ihnen nur hin? Zunächst sollten sie lesen und verstehen lernen.

Und dann scheinen sie wirklich nicht zu wissen, wie die Politik funktioniert.

adler123 vor 6 Wochen

Das ist nicht nur in Sachsen so. Ist hier in Thüringen genauso. Vor 2 Wochen wurde in einer Klasse(3.) der Grundschule ein Kind positiv getestet. Diese Klasse wurde in Quarantäne geschickt. Dann wurden in anderen Klassen infizierte festgestellt (27.11.). Am 3.12. schon..wurden die anderen Klassen(1. und 2.) in Quarantäne geschickt. Natürlich sind die Eltern keine Bezugspersonen und dürfen weiter arbeiten gehen. Nun betreuen Oma und Opa die Enkel.....sind je Rentner und haben Zeit.