Corona-Pandemie Medizinerin: "Einsam zu sterben, ist bitter"

Mit dem massiven Anstieg der Corona-Infektionen seit Anfang Oktober hat auch die Zahl der Sterbefälle deutlich zugenommen. Besonders stark sind die Zahlen in Sachsen und Thüringen gestiegen. Palliativmediziner raten dringend, die Angehörigen beim Sterben zu begleiten.

Eine Frau schaut aus einem Fenster in einem Hospiz
Eine Frau schaut aus einem Fenster in einem Hospiz. Bildrechte: dpa

Die Nachricht vom Tod kam per Telefon – Corinna Thalheim überraschte sie völlig. Eigentlich hatte sie gehofft, ihre Mutter wieder in die Arme schließen zu können. "Was wäre eigentlich passiert, wenn Corona nicht gekommen wäre?", fragt sich Thalheim bis heute, ohne jemals eine Antwort darauf finden zu können.

Ihre Mutter sollte Anfang April 2020 ein lebensgefährliches Blutgerinnsel im Gehirn entfernt bekommen, doch der geplante OP-Termin wurde vom Leipziger Universitätsklinikum coronabedingt verschoben. Wenige Tage später platzte das Aneurysma, die Mutter musste notoperiert werden, sie wurde ins Koma versetzt. Corinna Thalheim durfte sie auf der Intensivstation nur einmal besuchen, auch ihrem Stiefvater wurde wenig später der tägliche Krankenbesuch verboten. "Ich hätte mich anders verhalten, hätte ich gewusst, dass wir uns nie wiedersehen", erzählt Thalheim, "ich hätte sie gedrückt und gestreichelt und sicher viel geweint."

Sie erinnert sich noch genau an den 20. April 2020. Es war ein Montag. Bund und Länder hatten nach dem ersten Lockdown beschlossen, von diesem Tag an, die Läden wieder schrittweise zu öffnen. "Von der Uniklinik hieß, wenn die da draußen öffnen, müssen wir hier für Besucher schließen, um uns besser zu schützen", erzählt die 48-Jährige. Thalheim wurde nur noch einmal in die Klinik gerufen, um in einem Krankenzimmer Abschied von ihrer verstorbenen Mutter zu nehmen.

Sterbebegleitung in Corona-Verfügungen ausdrücklich erlaubt

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland klagen immer wieder Betroffene, dass sie ihre Familienmitglieder wegen der Corona-Pandemie beim Sterben nicht begleiten durften. Die große Frage ist, warum und wie das geschehen konnte, obwohl die Corona-Beschränkungen etwas ganz anderes regeln?

In den Corona-Verordnungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist derzeit ein allgemeines Besuchsrecht für Krankenhäuser sowie Alten- und Pflegeheime festgeschrieben. Ob es jedoch genehmigt wird, obliegt in letzer Instanz den Krankenhäusern sowie Pflege- und Altenheimen. Sie begründen ihre Entscheidung mit dem aktuellen Infektionsgeschehen in und außerhalb der Einrichtung.

Ärztinnen auf der Covid-Station, einem Bereich der Operativen Intensivstation vom Universitätsklinikum Leipzig.
Mediziner auf der Covid-Station, einem Bereich der Operativen Intensivstation vom Universitätsklinikum Leipzig. Bildrechte: dpa

Krankenhäuser treffen Entscheidungen selbst

So heißt es auf Anfrage von MDR AKTUELL bei der Thüringer Landeskrankenhausgesellschaft (LKHG), die die Interessen von 54 Krankenhäusern im Freistaat vertritt, dass es "keine generelle Festlegung" für alle Häuser gebe. Vielmehr würden die Einrichtungen im Einzelfall entscheiden, "ob und inwieweit ein Besuch unter dem Risikoaspekt vertretbar ist". Dabei werde zwischen ethischen Gesichtspunkten, dem Schutz aller Patienten und dem Schutz des ärztlichen und pflegenden Personals abgewogen. "Das ist in vielen Fällen eine schwierige Entscheidung", heißt es vom LKHG-Vorstand. Angesichts der derzeit hohen Fallzahlen in Thüringen empfiehlt die Gesellschaft den Angehörigen von sterbenden und schwer kranken Patienten, die zuständige Klinik im Freistaat zu kontaktieren, um eine individuelle Genehmigung zu bekommen. Ob sie sie erhalten, bleibt offen.

Angst vor Krankenhäusern wächst

Palliativmedizinerin Christine Vonderlind rät betroffenen Patienten und Angehörigen, ihr Besuchsrecht einzufordern. Sie spürt, dass die stetige Diskussion über die geltenden Kontaktbeschränkungen viele Menschen zutiefst verunsichere. "Es gibt viele Patienten, die sich aus Angst vor Covid-19 förmlich vergraben und alles tun, um nicht ins Krankenhaus zu müssen", erzählt sie. Es ist die Angst, womöglich keinen Besuch mehr im Krankenhaus empfangen zu können, völlig isoliert zu sein und womöglich, einsam zu sterben.

Die Vorstandsvorsitzende des Thüringer Hospiz- und Palliativverbandes betreut seit Jahren schwer kranke und sterbende Patienten in Hildburghausen, einem Landkreis, der derzeit eine der höchsten 7-Tage-Inzidenzen deutschlandweit aufweist. Für gewöhnlich hat die Ärztin für ihre ambulante Palliativversorgung bis zu 30 ehrenamtliche Helfer an ihrer Seite, "die die Patienten zuhause besuchen und ihnen in Gesprächen Halt und Hilfe geben".

Doch die Corona-Pandemie macht ihren ambulanten Einsatz wegen der Kontaktbeschränkungen derzeit unmöglich. "Ich bleibe als Ärztin nunmehr länger vor Ort. Jetzt ist derjenige stärker gefragt, der noch Zutritt hat", erzählt Vonderlind. Ausgleichen kann sie die Arbeit von 30 Ehrenamtlern aber nicht. Viele Patienten sterben einsam, ohne sich verabschieden zu können, sagt sie.

Rathaus und Marktplatz in Hildburghausen
Marktplatz der Thüringer Kreisstadt Hildburghausen, der Landkreis hat seit Wochen eine der höchsten 7-Tage-Inzidenzen deutschlandweit. Bildrechte: imago/Schöning

Lage weiter angespannt

Wenn man Landrat Thomas Müller vom Landkreis Hildburghausen fragt, was er aus der ersten Corona-Welle gelernt habe, sagt er, der Kreis sei von der Krise anfangs stark verschont geblieben. "Wir hatten von Mitte März vorigen Jahres bis Mitte Oktober 100 Corona-Fälle", erzählt der CDU-Politiker am Telefon. "Von Ende Oktober sind bis heute 3.000 Fälle dazu gekommen. Uns fliegt die Sieben-Tage-Inzidenz tagtäglich um die Ohren".

Auf den isolierten Covid-19-Normalstationen des Kreiskrankenhauses wurden am Freitag (Stand: 22. Januar, 9:30 Uhr) nach Angaben der Klinikleitung elf Patienten behandelt, ein weiterer Patient musste auf der Intensivstation beamtet werden. Man stufe die Auslastung "als recht hoch ein" – angesichts der zur Verfügung stehenden Ärzte und Betten, heißt es von der Leitung des Regiomed-Klinikum Hildburghausen auf MDR-Anfrage. Sie hat zurzeit ein generelles Besuchsverbot verhängt.

Dennoch seien Besuche für schwer kranke und sterbende Patienten im Krankenhaus erlaubt, versichert Krankenhausdirektor Michael Renziehausen: "Sterbende Patienten können benennen, wen sie sehen wollen. Allerdings wird nie mehr als ein Besucher pro Zimmer erlaubt sein". Man wolle "einen würdevollen Abschied gewährleisten". Doch habe man Besucher auch abweisen müssen, wenn ihre Gründe nicht unter die derzeitigen Regelungen des Krankenhauses fielen. Wie sie reagiert hätten, wolle man nicht kommentieren, heißt es von der Klinikleitung.

Alten- und Pflegeheime sind Treiber der Pandemie

Auch die Besucherregelungen in Alten- und Pflegeheimen könnensich stark unterscheiden. Sie gehören nach Analysen der Gesundheitsämter zu den Orten mit der größten Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus – neben den Privathaushalten und dem Arbeitsplatz. Fast jeder zweite Tote, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist, ist laut jüngster Statistik des Robert Koch-Institutes über 80 Jahre alt. Viele der Verstorbenen lebten in Pflegeeinrichtungen. Erst am Mittwoch sagte Kanzlerin Angela Merkel angesichts der hohen Todeszahlen in diesen Einrichtungen:

Mir bricht es das Herz, wie viele Menschen da in Einsamkeit gestorben sind.

Kanzlerin Angela Merkel Bundespressekonferenz, 21. Januar 2020

Massiver Mangel an Personal

Auch Palliativärztin Christine Vonderlind hat im Landkreis Hildburghausen erlebt, dass Menschen in Pflegeheimen keinen Besuch von ihren Angehörige empfangen durften, selbst wenn sie im Sterben lagen. Ein Grund dafür sei der massive Mangel an Pflegepersonal. "Ich bin erschüttert, welches Arbeitspensum in den Pflegeheimen geleistet werden muss", sagt die Ärztin. So bleibe neben der Versorgung der Heimbewohner keine freie Minute mehr, um sich um mögliche Besucher zu kümmern.

Probleme dieser Art kennen viele Pflegeheime in ganz Deutschland, in einigen werden sie bereits angegangen. Mancherorts sind Bundeswehrsoldaten im Einsatz: Sie sind für Botengänge zuständig, teilen Essen aus, übernehmen die Schnelltestung von Besuchern, jedoch keine pflegerischen Arbeiten an den Patienten. "Wichtig wäre auch, dass zusätzlich eingestellte Hilfskräfte einen Teil der Bürokratie übernehmen würden. Damit wäre dem Pflegepersonal viel geholfen", meint Vonderlind. Die Organisation solcher mobilen Hilfsteams sieht die Ärztin beim Landratsamt, wo auch das kommunale Gesundheitsamt angesiedelt ist: "Die Heime brauchen dringend Hilfe von regionaler Ebene".

Nicht einsam sterben müssen

Die Palliativmedizinerin kann die sterbenden Heimbewohner mit Schmerzmittel versorgen, das Gefühl vom Alleinsein wird sie ihnen nur schwer nehmen können. "Kein Medikament ist so wirksam wie die Nähe eines vertrauten Menschen. Das ist der beste Garant für ein friedliches Sterben", sagt Vonderlind.

Was aber, wenn die Heimleitung gerade wegen der angespannten Infektionslage keinen Besuch zulässt und den Angehörigen einen Zutritt zum Haus verweigert? Sterben lässt sich schließlich nicht einfach aufschieben, bis die Zahlen wieder sinken. Es trifft die Allerschwächsten, meint die Ärztin: "Man ist als Mensch in zwei Phasen seines Lebens auf direkte menschliche Zuwendung angewiesen: als Säugling und als Sterbender. Einsam sterben zu müssen, ist bitter."

Vonderlind empfiehlt Familien, den sterbenden Angehörigen in solchen Situationen lieber nach Hause zu holen, um den Abschied gemeinsam zu erleben. Der sei für alle Seiten wichtig – auch für die Angehörigen, deren Leben weitergehe: "Betrauern Sie mal jemanden, den Sie nicht verabschieden durften."

Eine Hand hält die Hand eines älteren Menschen
Symbolbild: Die Nähe eines vertrauten Menschen hilft beim friedlichen Sterben, sagen Palliativmediziner. Bildrechte: IMAGO

Palliativmedizin Ihr Ziel ist es, dass Kranke in Würde und geborgen sterben können. Nicht nur die Patienten werden begleitet und unterstützt, sondern auch die Angehörigen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Januar 2021 | 08:54 Uhr