Corona-Pandemie Corona-Verstöße melden - Hilfe oder Denunziantentum?

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt wieder stark an. Viele Städte und Kommunen verschärfen ihre Corona-Schutzmaßnahmen. Damit die Schutzmaßnahmen auch eingehalten werden, hat die Stadt Essen ein Meldeportal eingerichtet. Auf dem können Bürger Verstöße gegen Corona-Maßnahmen anzeigen. Auch anonym. Kritiker wittern darin die Förderung von Denunziantentum und Blockwartmentalität.

Junge Leute im Treptower Park in Berlin bei einer illegalen Goa-Party
Diese Party hätte nicht anonym gemeldet werden müssen (Archivbild) Bildrechte: imago images/Travel-Stock-Image

Übernachtungsangebote für ortsfremde Touristen oder einfach kein Mund-Nasen-Schutz - insgesamt elf verschiedene Verstöße gegen die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen lassen sich auf dem Meldeportal der Stadt Essen anzeigen.

Meldeportal Essen Corona-Verstöße
Sorgt für Kritik: Meldeportal der Stadt Essen Bildrechte: dpa

Das Portal sorgt für Kritik bei Bürgern und in der Politik. Gerd Landsberg vom Deutschen Städte-und Gemeindebund warnte im Deutschlandfunk, das Portal befördere eine Blockwart-Mentalität. Das seien harte Worte, findet Professor Ute Frevert. Die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung sagt: "Das ist ein Begriff, den man eindeutig mit dem Nationalsozialismus verbindet. Aus einer Zeit, in der Denunziation gewissermaßen zum 'Volksgenossen-Sein' gehörte."

Blockwarte seien die gewesen, die zuständig gewesen seien, für eine bestimmte nachbarschaftliche Region und dort eben auch alles ganz genau im Auge gehabt hätten- die, die Leute auf etwas ihrer Meinung nach Falsches hingewiesen oder sie sogar angezeigt hätten. "Blockwart" sei das Hässlichste an Denunziantentum, das man sich heute vorstellen könne, erklärt Frevert.

Polizei will Mithilfe der Bürger nicht missen

Doch ist es gleich Denunzieren, wenn Bürger Verstöße gegen die Corona-Schutzmaßnahmen melden? Generell sei die Polizei auf die Mithilfe der Bürger angewiesen, meint Hagen Husgen, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Sachsen:

Hagen Husgen
Hagen Husgen Bildrechte: dpa

Also wir sind schon froh, wenn die Bürger ein bisschen mit aufpassen, was in ihrem Umfeld passiert.

Hagen Husgen, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Sachsen

Husgen sagt, das sei so wie im ganz normalen Leben, und Corona gehöre ja jetzt leider mit zum allgemeinen Alltagsbild. Allerdings müsse man gerade das Thema Corona differenziert betrachten. Das sieht auch Husgens Kollege in Thüringen, Kai Christ, so:

Kai Christ
Kai Christ Bildrechte: dpa

Was wir nicht brauchen sind irgendwelche Wild-West-Manieren; Sheriffs, die da jetzt Kontrollen machen.

Kai Christ, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Thüringen

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Thüringen hat jedoch viel Verständnis für Bürger, die auf Verstöße empfindlich reagieren. Immerhin gehe es ja auch immer um die persönliche Gesundheit.

Schmaler Grat zwischen Mithilfe und Denunzieren

Doch sei es, wie bei anderen Ordnungswidrigkeiten auch, ein schmaler Grat zwischen Mithilfe und Denunzieren, sagt Christ: "Wenn wir Falschparker zum Beispiel betrachten. Und dass dann Leute irgendwelche Kennzeichen aufschreiben und das listenweise an die Polizei geben. Das geht uns persönlich zu weit."

Statt Anzeigen würde sich Christ eher wünschen, dass sich die Menschen gegenseitig freundlich auf Fehlverhalten hinweisen.

Historikerin: Unterschied liegt in der Motivation

Für Historikerin Ute Frevert liegt der Unterschied zwischen Denunzieren und Mithilfe in der Motivation. Frevert hat sich in ihrer Karriere viel mit dem Thema Gefühle in Politik und Gesellschaft beschäftigt und sagt: "Wo die Sorge um die Abwehr von Gefahr da ist und auf der anderen Seite möglicherweise ein häufig auch von Selbstgerechtigkeit oder auch von einer gewissen Misanthropie geleiteten Attacke auf die lieben Mitmenschen, die ja alle irgendwas falsch machen, genau da sollte sich jeder Einzelne fragen, welche Gefühle eine Rolle spielen. Ist es wirklich die Sorge, ist es die Angst, das unverantwortliche Verhalten Einzelner? Oder ist es das Gefühl: 'Dem zeig ich es jetzt aber."

Was auch die Motivation für eine Anzeige sein mag: Ein Meldeportal für Verstöße gegen Corona-Maßnahmen wie in Essen lehnen die Landesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft in Thüringen und Sachsen beide ab.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Oktober 2020 | 05:00 Uhr