Folgeerkrankungen Von Corona genesen, aber nicht gesund

Alexander Laboda
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Rund 280.000 Menschen in Deutschland haben eine Sars-Cov-2-Infektion angeblich bereits überstanden. Ein Teil dieser Genesenen berichtet aber über Folgeerkrankungen und Langzeitschäden. Tausende Menschen sind betroffen.

Ein Krankenhausbett
Wer als Covid-19-Patient das Krankenbett verlassen hat, ist meist noch nicht vollständig geheilt. Bildrechte: dpa

Olaf Peschke gehörte Mitte März zu den ersten Patienten mit einer Coronavirus-Infektion in Deutschland. Nach einem Ski-Urlaub im Zillertal erkrankte der heute 60-Jährige schwer an Covid-19, verbrachte zehn Tage auf der Intensivstation und wurde zeitweise beatmet. Das berichtete er bereits im Sommer einer MDR-Reporterin.

Jetzt, rund sieben Monate nach dem positiven Corona-Test, geht es Peschke zwar wieder gut. Genauso wie vor der Erkrankung ist es aber nicht: "Ich spüre im Vergleich zu vorher leichte Defizite bei sehr hohen Belastungen – aber das ist Jammern auf hohem Niveau", erzählt der Software-Entwickler. Er könne wieder voll arbeiten und bei einer Computertomographie sei kürzlich von seiner beidseitigen Lungenentzündung nichts mehr zu sehen gewesen.

Über 80 Prozent Genesene

Olaf Peschke hat die Corona-Infektion überstanden und gilt als genesen. Damit gehört er zu einer großen und wachsenden Gruppe. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind mittlerweile rund 284.000 Menschen in Deutschland von einer Sars-Cov-2-Infektion genesen – das sind reichlich 83 Prozent der insgesamt gut 348.000 Infektionsfälle. Doch was bedeutet das konkret? Und sind diese Menschen tatsächlich gesund?

Über die Zahl der Genesenen muss man zunächst wissen, dass sie gar nicht offiziell erhoben wird. Es handelt sich lediglich um eine Schätzung, wie das RKI auf seiner Internetseite erklärt. So gehen die Experten zum Beispiel davon aus, dass Menschen die keine schweren Symptome hatten und die nicht in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, spätestens nach 14 Tagen wieder genesen sind.

Hinzu kommen Menschen, die zwar im Krankenhaus behandelt wurden, aber ebenfalls zwei Wochen nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus keine Symptome mehr haben. Wer erst später merkt, dass er noch gesundheitliche Probleme hat, gilt also womöglich als genesen, obwohl er sich krank fühlt.

Folgeerkrankungen bei Tausenden Menschen

So viel zur Statistik. Doch wie geht es den Menschen nach der akuten Erkrankung tatsächlich? Prof. Dr. Andreas Stallmach leitet seit August die Post-Corona-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena. Nach der Behandlung von mehr als 100 Patienten sagt er:

Für einen Teil der Betroffenen gilt: genesen ja, gesund nein.

Prof. Dr. Andreas Stallmach Uniklinikum Jena

Wie hoch dieser Anteil sei, hänge vom Krankheitsverlauf zu Beginn ab, erklärt Stallmach. Nehme die Sars-Cov-2-Infektion einen milden Verlauf, liege der Anteil der Patienten mit Folgeerkrankungen bei etwa zehn Prozent. "Bei einem mittleren oder schweren Verlauf liegt der Anteil jedoch bei 50 Prozent". Dieses Verhältnis zeigten nicht nur internationale Studien aus China oder Italien, sondern auch die Erfahrungen in der Praxis.

Laut RKI haben etwa 14 Prozent der diagnostizierten Fälle einen schwereren und etwa fünf Prozent einen kritischen Krankheitsverlauf. Nimmt man nun die genannten Anteile der Behandelten mit Folgeschäden hinzu, ergibt sich rechnerisch eine Zahl von aktuell bis zu 35.000 Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Problemen nach einer Corona-Infektion – ein ausverkauftes mittleres Fußballstadion.

Viele Organe betroffen

Mit Blick auf die Bandbreite der Folgeerkrankungen ist diese Zahl noch besorgniserregender. Denn das Spektrum ist extrem groß. Patienten berichten im Gespräch mit Journalisten und den Ärzten immer wieder von chronischer Müdigkeit, Erschöpfung, anhaltenden Atemproblemen bis hin zu Depressionen, Gedächtnislücken oder dem dauerhaften Verlust des Riechsinns.

Klinikdirektor Stallmach hat für die vielen verschiedenen Beschwerden – er nennt auch noch Schlafstörungen und Herz-Kreislauferkrankungen – eine Erklärung: "Anders als anfänglich angenommen, löst Sars-Cov-2 keine reine Lungenkrankheit aus. Vielmehr ist es eine Blutvergiftung, die alle Organe betreffen kann, vom Herz bis zu den Nieren. Folglich können auch die Folgeerkrankungen verschiedene Organsysteme betreffen."

Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena
Prof. Dr. Andreas Stallmach Bildrechte: MDR/ Universitätsklinikum Jena

Der Mediziner ist allerdings weit davon entfernt, Panik zu verbreiten. Die Intensität der Folgeerkrankungen sei ganz verschieden ausgeprägt: "Es gibt Leute, die ihre Leistungsfähigkeit nach Wochen bei 90 Prozent sehen oder die nicht mehr richtig riechen können. Und es gibt Leute, die sind gar nicht mehr leistungsfähig. Da ist der Leidensdruck entsprechend wesentlich höher." Stallmach schätzt die Zahl der Behandlungsbedürftigen daher aktuell auf maximal 15.000.  

Bei Corona-Patient Olaf Peschke dauerten Reha und Wiedereingliederung viele Wochen. Ein Schicksal, das er anderen Menschen gerne ersparen würde: "Für mich gibt es da keine Diskussion. Wenn wir stärkere Einschränkungen brauchen, um dieses Virus einzudämmen, müssen wir die machen. Eine Maske zu tragen, ist kein Vergleich zu dieser schweren Erkrankung, die real ist."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Oktober 2020 | 17:30 Uhr

129 Kommentare

Querdenker vor 5 Wochen

Die „Gesellschaft für Virologie“ hat ganz aktuell eine Stellungnahme herausgegeben, wo Langzeitfolgen auch mit erwähnt werden.

siehe „g-f-v 19. Oktober 2020 Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie zu einem wissenschaftlich begründeten Vorgehen gegen die Covid-19 Pandemie“

Zitat: „Eine mögliche Komplikation einer überstandenen COVID-19-Erkrankung stellt auch das sogenannte „long COVID“-Syndrom dar, das verschiedene Spätschäden an Atemwegen, Gefäßen, dem Nervensystem oder anderen Organen zusammenfasst, welche die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und vermutlich auch Lebenserwartung enorm einschränken 14 .“

Grosser Klaus vor 5 Wochen

Wichtig scheint mir auch die Debatte, was es meint, mit dem Virus auf absehbare Zeit leben zu müssen und welche Rolle der Selbstverantwortung dabei zukommt.
Wir können nicht damit rechnen, dass die Regierung das Problem löst und wir können auch nicht damit rechnen, dass der Spuk mit der Impfung verschwindet.
Noch was: Sperrstunden, Ausgangssperren und Grenzschließungen sind alles Instrumente totalitärer Staaten zur Vermeidung unerwünschter politischer Machtkämpfe. Sie sind keine generischen Mittel zur Seuchenbekämpfung. Deshalb wirklich die Frage, ob wir wirklich in die Mottenkiste vordemokratischer Repressionen zurückgreifen müssen oder ob uns keine moderneren Instrumente einfallen, die es zu entwickeln gilt. Da gäbe es doch ganz andere Möglichkeiten.

JanoschausLE vor 5 Wochen

Oh, Gera hatte zum Beispiel sehr wenig Infektionen im Frühjahr. Der benachbarte HLK dafür recht viel, aber, mit Einführung der Maskenpflicht gingen auch hier die Infektionszahlen zurück