Coronavirus-Pandemie  So kommt die Zahl der Genesenen zustande

In Deutschland gilt die Hälfte der bestätigten Sars-CoV-2-Infizierten inzwischen als "genesen". Dabei werden die Geheilten gar nicht offiziell erfasst. Wie aussagekräftig sind die Zahlen angesichts einer unbekannten Dunkelziffer an Infektionen? Und sind die Genesenen jetzt immun?

Ermando Armelindo Piveta, ein 99-jähriger Kriegsveteran, wird aus dem Armeekrankenhaus entlassen.
Ein 99-jähriger Spanier wird nach überstandener Covid-19-Erkrankung aus dem Krankenhaus entlassen. Bildrechte: dpa

Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Deutschland ist die Hälfte der mit Sars-CoV-2 infizierten Menschen wieder gesund. Das Robert Koch-Institut meldete am 13. April mehr als 64.000 Infizierte als genesen bei bundesweit 123.000 bestätigten Ansteckungen. Die Behörden in Sachsen-Anhalt zählten 626 Patienten als wieder gesund nach landesweit 1.210 bestätigten Fällen. Weltweit registrierte die Johns-Hopkins-Universität Mitte April 1,92 Millionen bestätigte Infektionen und knapp 460.000 Genesene.

Zahl der Genesenen ist eine Schätzung

Das Infektionsschutzgesetz schreibt vor, dass Gesundheitsbehörden den Tag der Erkrankung, der Diagnose und gegebenenfalls den Todeszeitpunkt melden. Für die Genesenen gibt es hingegen keine Meldepflicht.

Das Verbraucherschutzamt Sachsen-Anhalt erläutert: Bei den Genesenen handelt es sich um eine Schätzung. Die Angaben ergeben sich aus der Zahl der Infizierten mit leichter Erkrankung, von denen man nach zweiwöchiger Isolation annimmt, dass sie genesen sind. Dazu kommen klinische Fälle, die 14 Tage nach Entlassung aus dem Krankenhaus ohne Symptome als genesen gelten. Dezernentin Carina Helmeke vom Landesamt erklärte MDR AKTUELL, seit Mitte April würden in der Schätzung für Sachsen-Anhalt auch asymptomatische Fälle als genesen gezählt, von denen man annehme, dass sie zwei Wochen nach Meldedatum gesund seien.

Symptomatische Fälle mit unbekanntem Erkrankungsbeginn und Dyspnoe (Atemprobleme) sowie Pneumonie (Lungenentzündung) werden demnach nicht berücksichtigt. Zuständig sind Helmeke zufolge die regionalen Gesundheitsämter, die im Einzelfall und unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit diese Maßnahmen anordnen. Sie entschieden vor Ort und in Kenntnis der Situation.

Das RKI nennt als Kriterien für eine Genesung eine mindestens zweiwöchige Quarantäne mit 48 Stunden ohne Symptome. Nach einem schweren Krankheitsverlauf sind vor einer Entlassung aus der Klinik zudem zwei abschließende negative Sars-CoV-2-PCR-Tests im Abstand von 24 Stunden vorgeschrieben. Im Einzelfall kann insbesondere bei Risikopatienten vorsichtiger vorgegangen werden.

Sind Genesene immun?

Das Robert Koch-Institut legt sich da nicht fest. Ersten Studien zufolge entwickeln Patienten nach einer Sars-CoV-2-Infektion spezifische Antikörper. Das RKI verweist dazu auf Versuche an Rhesusaffen, frühere Erkenntnisse zu Sars-Infektionen sowie Plausibilitäts- und Machbarkeitsannahmen. Demnach gehen Experten bei genesenen Patienten von einem sehr geringen Reinfektionsrisiko aus. Unklar ist laut RKI, wie regelhaft, robust und dauerhaft dieser Immunstatus ist. Erfahrungen mit anderen Coronaviren wie Sars und Mers deuten demnach auf eine Immunität von bis zu drei Jahren hin.

Um das genauer zu bestimmen, sind laut RKI Längsschnittstudien über einen längeren Zeitraum nötig. Für zusätzliche Unsicherheit sorgten jüngst Nachrichten aus Südkorea, wonach sich Dutzende Patienten nach überstandener Sars-CoV-2-Infektion erneut mit dem Virus angesteckt haben. Die WHO prüft derzeit die Fälle.

Wie verlässlich sind die Test-Daten?

Es ist bisher nicht bekannt, wie viele Menschen in Deutschland eine Sars-CoV-2-Infektion tatsächlich durchgemacht haben. Das will das Robert Koch-Institut durch verschiedene Studien herausfinden. Dabei soll dann untersucht werden, ob sich im Blut der Studienteilnehmer Antikörper gegen Sars-CoV-2 befinden. Das gilt als sicherer Hinweis auf eine durchlebte Infektion. Solche Studien laufen derzeit im besonders stark betroffenen Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und in Bayern.

Hintergrund sind Erkenntnisse, wonach Coronavirustests ungenau sein können. Vor allem am Beginn einer Infektion können Patienten bereits Viren in sich tragen, aber der Test bleibt negativ. Deshalb wurden etwa bei Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einem Infektionsverdacht mehrere Tests durchgeführt. Dazu erläutert Carina Helmeke vom Verbraucherschutzamt Sachsen-Anhalt: Die wiederholte Testung von Verdachtsfällen ist eine Einzelfallentscheidung des zuständigen Gesundheitsamtes. Sollte bei anhaltender Covid-19-Symptomatik der Test negativ ausfallen, wird eine Wiederholung empfohlen.

Welche Rolle spielt die Dunkelziffer der Ansteckungen?

Viele Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus verlaufen ohne Symptome oder mit leichten Erkältungssymptomen und bleiben unerkannt. Außerdem werden wegen begrenzter Laborkapazitäten nicht alle Verdachtsfälle getestet. Untersuchungen des Imperial College in London und der Columbia University in New York gehen für China von einer hohen Zahl unerkannter Infektionen aus, gerade zu Beginn der Pandemie.

In Österreich wurde bei zufälligen Stichproben eine dreifach höhere Dunkelziffer ermittelt. Für Deutschland gehen Experten gemessen am geringen Anteil positiver Proben trotz umfangreicher Tests von einer geringen Dunkelziffer aus. Eine realistische Gesamtzahl der Infektionen und damit der Infektionsrate kann nur durch repräsentative Stichproben ermittelt werden.

"Diamond Princess" als Testlabor

Eine Orientierung bieten die Fallzahlen vom Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, das nach Infektionen an Bord wochenlang unter Quarantäne stand. In der Zeit wurden alle Passagiere und Besatzungsmitglieder getestet. Von den gut 3.700  Passagieren an Bord waren knapp 700 mit dem neuen Coronavirus infiziert, also etwa 20 Prozent. Knapp die Hälfte von ihnen zeigte keine Symptome. Das Durchschnittsalter der Menschen an Bord betrug 58 Jahre. Alle sieben Todesfälle waren älter als 70. Die Todesrate (Letalität) lag bei 1,2 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. April 2020 | 13:00 Uhr