Zahlenspiele Wann Corona-Infektionszahlen korrigiert werden

Rebecca Nordin Mencke
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Immer mehr Städte und Landkreise in Deutschland sind Corona-Risikogebiet. Entscheidendes Kriterium: die Zahl der Neuinfektionen. Schon häufig wurden die Statistiken aber auch korrigiert – die Gründe sind vielfältig.

Mitarbeiter der Feuerwehr und des Gesundheitsamtes
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen ist entscheidend dafür, welche Schutzmaßnahmen in Kraft treten. Immer wieder kommt es jedoch zu Anpassungen der Zahlen. Bildrechte: dpa

Sächsische Schweiz/Osterzgebirge berechnet Inzidenz ohne Hotspot

Rein rechnerisch kommt der Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge am 19. Oktober auf 56,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Das geht aus Daten des Projekts "Risklayer" am Karlsruher Institut für Technologie hervor. Auch nach Daten des Robert Koch-Instituts hat der Landkreis die kritische Marke von 50 überschritten. Das Landratsamt erklärt dagegen, die Inzidenz liege bei 39,9 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Grund für die deutlich niedrigere Inzidenz ist, dass Corona-Fälle aus einem Seniorenheim herausgerechnet wurden. Der Landkreis beruft sich dabei auf die Sächsische Corona-Schutz-Verordnung. Wörtlich steht dort:

Für den Fall eines konkreten räumlich begrenzten Anstiegs der Infektionszahlen (Hotspot) sind entsprechend begrenzte Maßnahmen zu treffen. Der Vollzug des Infektionsschutzgesetzes bleibt unberührt. Im Falle des Anstiegs von Infektionszahlen in einer Arbeitsstätte ist die Landesdirektion Sachsen, Abteilung Arbeitsschutz, zu informieren.

Sächsische Corona-Schutz-Verordnung, § 7 Abs. 2

Eine Inzidenz ab 35 gilt als Warnmarke, ab der erste Verschärfungen zur Eindämmung der Virusverbreitung in Kraft treten. Ab einer Inzidenz von 50 können weitergehende Kontaktbeschränkungen in Kraft treten.

Anmerkung In den Darstellungen zu den Coronavirus-Fallzahlen von MDR AKTUELL Online geben wir die Sieben-Tage-Inzidenz an, die sich aus den Neuinfektionszahlen in Bezug auf die Einwohnerzahl des entsprechenden Kreises oder der entsprechenden Stadt ergibt. Wir unterscheiden dabei nicht zwischen unterschiedlichen Ausbruchsorten und rechnen so beispielsweise keine Ausbrüche in Pflegeheimen heraus, wie es der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge unter Berufung auf die Sächsische Corona-Schutz-Verordnung getan hat. Auf diese Weise möchten wir Vergleichbarkeit und Transparenz unserer Übersicht weiterhin gewährleisten.

Hamburg korrigiert Einwohnerzahl nach oben

Am 19. Oktober überschreitet Hamburg erstmals seit dem 9. April wieder die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Die Gesundheitsbehörde gibt einen Inzidenzwert von 50,6 an. Aus rechtlicher Sicht entscheidend sind jedoch die Daten des Robert Koch-Instituts: dieses gab den Inzidenzwert für Hamburg am selben Tag mit 42,9 an. Grund für die Differenz sind zeitliche Verzögerungen bei der Erfassung der Fälle beim RKI.

Zugleich hatte Hamburg noch Ende September seine Einwohnerzahl deutlich nach oben korrigiert. Zählten die Behörden bis dahin noch 1,847 Millionen Hamburgerinnen und Hamburger, waren es ab dem 30. September 1.899.160 Einwohner. Die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen wird damit erst ab 950 Fällen überschritten, zuvor genügten dafür 900 Fälle.

Fünf Corona-Fälle verschwinden aus Leipzig-Statistik

Im Juni meldet das Land Sachsen mehr als eine Woche lang 600 bestätigte Coronavirus-Infektionen in Leipzig, dann sinkt die Zahl plötzlich auf 595. Grund für die Korrektur war dem Gesundheitsamt zufolge, dass fünf der Fälle zwar in Leipzig positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden, ihren Wohnort jedoch außerhalb der Messestadt haben. Die Infektionsfälle werden nach dem Wohnort-Prinzip gezählt. Dass die Fälle durch das Land noch vergleichsweise lange der Stadt Leipzig zugeschlagen wurden, lag an der verzögerten Übermittlung der Korrektur durch die Stadt.

Fast 400 Fälle weniger in München

Eine deutlich drastischere Korrektur der Fallzahlen unternimmt ebenfalls im Juni die bayerische Landeshauptstadt. Melden die Gesundheitsbehörden am 5. Juni noch 6.932 Infektionen mit Sars-CoV-2, sind es am 10. Juni nur noch 6.564 – ein Rückgang um 368 Fälle. Das sind ungefähr so viele, wie es zu dem Zeitpunkt bundesweit Neuinfizierte pro Tag gibt.

Wie der Tagesspiegel damals berichtete, begründete die Stadt München die Anpassungen mit einem Software-Update. Demnach wurden nur noch laborbestätigte Fälle in die Statistik aufgenommen, sogenannte klinisch-epidemiologische Fälle dagegen nicht. Dabei handelt es sich um Erkrankte, die zunächst noch als Corona-Infizierte gezählt wurden, weil sie Covid-19-Symptome aufwiesen und Kontakt zu einer bestätigt infizierten Person hatten. Getestet wurden sie allerdings nicht.

Kritiker der Umstellung der Zählweise wenden ein, dass damit auch tatsächlich Infizierte in den Dunkelzifferbereich verdrängt werden. Der Rückgang um fast 400 Fälle in München liegt dem Bericht zufolge aber auch daran, dass bisherige Doppelerfassungen bei unterschiedlichen Wohnsitzen herausgerechnet worden seien. Auch Umzüge wurden demnach berücksichtigt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Oktober 2020 | 14:00 Uhr