Coronavirus Marburger Bund fordert Erfassung von Klinikpersonal

Die Ärztegewerkschaft "Marbuger Bund" fordert ein elektronisches Meldesystem für mit Sars-Cov-2 infiziertem Klinikpersonal. Niemand wisse genau, wie viele Beschäftigte infiziert und wie viele Ärzte darunter seien, sagt die Gewerkschaftsvorsitzende Susanne Johna. Es gebe eine hohe Dunkelziffer. In Ländern wie Italien und Spanien würden die Daten elektronisch erfasst. Soweit sei man in Deutschland noch nicht. Das sei ein Versäumnis.

Das Robert Koch-Institut (RKI) geht laut Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung von mindestens 2.300 an Covid-19 erkrankten Klinik-Mitarbeitern in Deutschland aus. Das, erklärt das RKI selbst, sei eine vorsichtige Schätzung und schließe die niedergelassenen Ärzte zum Beispiel nicht mit ein.

Der Marburger Bund spricht von erheblichen Versäumnissen im Meldesystem. Die erste Vorsitzende der Gewerkschaft, Susanne Johna, sagt:

Susanne Johna
Dr. Susanne Johna sitzt dem Marburger Bund vor. Bildrechte: dpa

"Ich gehe davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist und ich verbinde das auch mit einer Forderung, dass es wichtig wäre, die getrennte Erfassung nach Berufsgruppen von denjenigen zu machen, die im medizinischen Bereich tätig sind. Es ist wichtig, dass wir einen klaren Hinweis darauf haben, wie viel Personal in Deutschland betroffen ist. Und wir sehen ja auch, dass andere Länder das tun."

Keine elektronische Datenerhebung in Deutschland

Johna spricht von den stark von Corona betroffenen Ländern Italien und Spanien, die ihre Daten bereits elektronisch erheben. Soweit sei man in Deutschland noch nicht – und deswegen in Verzug. Um die Ausbreitung des Virus unter dem Klinikpersonal einzudämmen, sei neue Schutzkleidung, vor allem Atemschutzmasken, von größter Bedeutung.

RKI-Chef Lothar Wieler hatte zuletzt außerdem eine strikte räumliche Trennung der Covid-Infizierten und Verdachtsfälle von anderen Patienten in Kliniken und Praxen angemahnt. Was so selbstverständlich klinge, sei aber gar nicht so einfach, heißt es vom Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene der Uniklinik Jena.

Über die Hälfte aller Infizierten ohne Symptome

Über die Hälfte der Personen, die das Virus in sich tragen, zeige nämlich überhaupt keine Symptome, erklärt Institutsleiter Mathias Pletz:

"Selbst wenn man in der Notaufnahme ein sehr hohes Verdachtsmoment hat und jeden Patienten mit leicht erhöhter Temperatur  gleich isoliert und wegen des Verdachts überprüft, können einem trotzdem einige Patienten entgehen, die vielleicht mit einem Knochenbruch ganz regulär aufgenommen werden und dann am zweiten, dritten Tag tatsächlich doch Fieber bekommen und das Virus ausscheiden."

Jena: Betroffene meist privat infiziert

Auch unter dem Klinikpersonal in Jena habe es Covid-Fälle gegeben. Der überwiegende Teil der Betroffenen habe sich aber nicht in der Klinik, sondern privat infiziert, sagt Pletz. Seit etwa zwei Wochen habe es keinen weiteren Infektionsfall mehr unter den Beschäftigen gegeben. Seit Mitte März ist es im Jenaer Klinikum Pflicht, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen.

Noch unübersichtlicher als beim Klinikpersonal ist die Lage bei den niedergelassenen Ärzten. In Sachsen etwa lässt sich über genaue Infektionszahlen nur spekulieren.

20 Praxen in Sachsen geschlossen

Belastbare Daten kann auch die Kassenärztliche Vereinigung nicht liefern. Laut Landeschef Klaus Heckemann sind derzeit 20 Praxen im Freistaat aus Quarantänegründen geschlossen. Um weitere Ausfälle in der medizinischen Versorgung zu verhindern, sieht auch er nur einen Ausweg: Jeder niedergelassene Arzt benötige eine ausreichende Menge an Schutzmasken, um das Infektionsrisiko beim Arzt-Patienten-Kontakt so gering wie möglich zu halten.

Schutzmasken seien aber auch in Sachsen Mangelware. Im Moment seien die Aufgaben noch zu bewältigen, sagt Heckemann. Die Zahl der Infizierten werde aber auch in Sachsen steigen – und dann stehe man vor einem großen Problem.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. April 2020 | 06:08 Uhr