Personalnot Coronavirus: Amtsärzte beklagen Schwierigkeiten

Wie sind wir auf das Coronavirus vorbereitet? Diese Frage rückt auch die Rolle der Gesundheitsämter stärker in den Mittelpunkt. Dabei tritt ein bereits vorhandener Mangel deutlicher zutage: Es gibt zu wenige Amtsärzte.

Wegweiser Gesundheitsamt
In deutschen Gesundheitsämtern fehlen die Amtsärzte. Bildrechte: imago images / Waldmüller

In deutschen Gesundheitsämtern gibt es zu wenige Amtsärzte. Zu dieser Einschätzung kommt der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Dessen Vorsitzende Ute Teichert sagte auf Nachfrage des MDR-Magazins "Hauptsache Gesund": "Schon jetzt kann in den betroffenen Gesundheitsämtern der zusätzliche Arbeitsaufwand nur mit Überstunden und Mehrarbeit geleistet werden. Einzelne Kollegen übernachten schon in den Ämtern." Je mehr Verdachtsfälle und Erkrankte es gebe, desto schneller stoße ein Gesundheitsamt an seine Grenzen, so Teichert. Dann sei es mitunter nicht zu schaffen, jeden Fall nachzuverfolgen.

Die Aufgaben der Gesundheitsämter im Umgang mit dem Coronavirus sind demnach umfangreich: Verdachtsfälle abklären, Abstriche nehmen und an Labore schicken, bestätigte Erkrankungen melden. "Dazu befragen Amtsärzte bestätigte Erkrankte zu Kontakten in den vergangenen 14 Tagen. Die werden nach Risiko priorisiert und kontaktiert, und gegebenenfalls werden Abstriche gemacht", beschreibt Teichert das Prozedere. Die Zahl der Kontakte könne auch einen dreistelligen Personenkreis umfassen. Dies war etwa im nordrhein-westfälischen Heinsberg der Fall, wo ein erkranktes Paar an einer Karnevalssitzung mit mehreren Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern teilgenommen hatte.

Personalschwund in Gesundheitsämtern

Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD)
BVÖGD-Vorsitzende Ute Teichert Bildrechte: MDR/BVÖGD

Gesundheitsämter in Deutschland sind von einem massiven Personalschwund betroffen. "Es gibt in Deutschland circa 2.500 Ärztinnen und Ärzte in 360 Gesundheitsämtern. In den vergangenen 18 Jahren gab es einen Rückgang um rund ein Drittel. Realistisch bräuchten wir in Deutschland circa 1.000 Arztstellen mehr", sagte Dr. Eike Hennig, der Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst Sachsen-Anhalt. Aktuell habe jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt in den Gesundheitsämtern in Sachsen-Anhalt einen Amtsarzt. 30 Arztstellen würden aber in dem Bundesland fehlen. "Das bedeutet für einige Gesundheitsämter, insbesondere in den Landkreisen, einen massiven Personalschwund", erklärte Hennig auf Nachfrage des MDR-Magazins "Hauptsache Gesund". Die kreisfreien Städte, wie Magdeburg, seien noch verhältnismäßig gut besetzt, aber auch hier fehlten Ärzte.

Hohes Durchschnittsalter und unattraktive Bezahlung

Als "bemerkenswert" beschreibt Eike Hennig das Durchschnittsalter der Amtsärzte in Sachsen-Anhalt. Das liege aktuell bei 60 Jahren. Das habe zur Folge, dass in den nächsten Jahren "ein Großteil der Ämter ohne Amtsarzt dastehen wird", so Hennig weiter. Er fordert daher, dass die Attraktivität des Berufes Amtsarzt gesteigert wird. Laut Hennig verdienen Ärzte in Gesundheitsämtern deutlich über 1.000 Euro weniger als Ärzte aus anderen medizinischen Einrichtungen. Auch dieses Ungleichgewicht sorge für eine geringere Attraktivität.

Laut Ute Teichert wurden die Tarifverhandlungen des Marburger Bundes zur Verbesserung der Situation im öffentlichen Gesundheitsdienst im Dezember von der Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) gestoppt. "Unter diesen Bedingungen ist es kaum möglich, Ärztinnen und Ärzte für die Gesundheitsämter zu finden. Wer wechselt schon seinen Job, wenn er dort deutlich schlechter bezahlt wird", kritisiert Ute Teichert.

Personalnot in Zeiten von Coronaviren

Auch in der aktuellen Betreuung von Patienten wirke sich die Personalnot aus. Sie könne im Fall des neuen Coronavirus "die Ermittlungen von Infizierten und Kontaktpersonen erschweren und erhebliche Auswirkungen auf die Eindämmung der Erkrankungsausbreitung und damit für die Bevölkerung haben", warnt Ute Teichert vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Schon jetzt könnten die Gesundheitsämter nicht mehr alle Aufgaben erledigen und müssten darüber hinaus durch zusätzliches Personal aus anderen Bereichen verstärkt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 05. März 2020 | 21:00 Uhr