Covid-19 Warum sterben in China so viele Menschen am Coronavirus?

Während die wenigen Coronavirus-Fälle in Deutschland glimpflich verlaufen sind, starben in China über 1.600 Menschen. Ein Blick auf die Belastungen für das chinesische Gesundheitssystem und die Zählweise der Infektionen.

Medizinisches Personal untersucht den Zustand eines Patienten im Krankenhaus Jinyintan in Wuhan.
Untersuchung im Krankenhaus Jinyintan in Wuhan - die Metropole gilt als Ausbruchsort der Krankheit und als am stärksten betroffene Region. Bildrechte: dpa

Auch am Sonntag veröffentlichten die chinesischen Behörden wieder neue Zahlen zum Coronavirus – wie inzwischen an jedem Tag. Diesmal meldete die nationale chinesische Gesundheitsbehörde 2.009 Neuinfektionen, insgesamt wurden damit seit Ausbruch der Krankheit Ende Dezember in der Volksrepublik rund 68.500 Infizierte registriert. 1.665 Menschen starben laut offiziellen Statistiken. Mit Abstand die meisten in der Provinz Hubei, in der auch die Stadt Wuhan liegt.

Coronavirus Das Virus trägt inzwischen die Bezeichnung Sars-CoV-2. Die Erkrankung, die es verursacht, wird Covid-19 genannt.

Auch außerhalb Chinas gibt es inzwischen viele Infizierte, doch größere Ausbrüche blieben bisher aus. Insgesamt wurden 526 Infizierte in 25 Ländern gemeldet. Je einen Todesfall gab es in Japan und den Philippinen, zudem wurde am Samstag der Tod eines chinesischen Touristen in Frankreich gemeldet. Einen weiteren Todesfall gab es in Hongkong, was in den Statistiken mal zu China gerechnet wird, mal nicht.

Insgesamt fällt aber auf: Während in China 2,4 Prozent der Corona-Infizierten starben, waren es außerhalb der Volksrepublik – je nach Zählweise – nur 0,6 bis 0,8 Prozent. Doch woran liegt das?

Überlastetes Gesundheitssystem

Experten machen dafür vor allem zwei Gründe aus: Zum einen müsse man die Belastungen für das Gesundheitssystem in den am stärksten betroffenen Gebieten in Zentralchina bedenken, sagt Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz.

Alleine in der Metropole Wuhan mit rund elf Millionen Einwohnern gebe es insgesamt fast 33.000 Krankheitsfälle (Stand Freitagmorgen, 14.02.2020) und knapp 7.500 schwere Fälle. "Das ist eine Belastung der Gesundheitssystem-Ressourcen, die schwierig zu bewältigen ist", erklärte Grünewald. Als Vergleich solle man sich die verfügbaren Betten in Sachsen ansehen, "dann versteht man den enormen Kraftakt der Versorgung Schwer- und Schwerstkranker alleine in Wuhan".

Zum Vergleich: In Sachsen mit seinen rund vier Millionen Einwohnern gab es laut Statistischem Landesamt im Jahr 2017 insgesamt fast 26.000 Krankenhausbetten. Ein Krankheitsausbruch wie in Wuhan wäre also auch für das hiesige Gesundheitssystem eine große Herausforderung.

Überlastete Mediziner, zu wenig Schutzkleidung

Betten stehen in einem Kongresszentrum, das zu einem provisorischen Krankenhaus umgebaut wurde.
Weil es zu wenige Kliniken in den betroffenen Regionen gibt, wurden Behelfskliniken eingerichtet. Auf dem Bild ein Kongresszentrum in Wuhan. Bildrechte: dpa

Seit dem Ausbruch der Krankheit gibt es Berichte von teils katastrophalen Zuständen in den Krankenhäusern in Wuhan. "Meine Kollegen haben keine Zeit zum Essen oder Trinken, sie schaffen es nicht einmal, auf die Toilette zu gehen", berichtete eine dort tätige Ärztin der Nachrichtenagentur AFP. Wuhans stellvertretender Bürgermeister hatte zudem den massiven Mangel an Atemschutzmasken und Schutzausrüstung eingeräumt. Zuletzt hatte auch der Tod des Coronavirus-Entdeckers, einem chinesischen Augenarzt, für Aufsehen gesorgt.

Ob sich die Situation langsam verbessert oder eher noch schlimmer wird, ist unklar. Die chinesischen Behörden hatten kürzlich zwar öffentlichkeitswirksam eine Klinik aus dem Boden gestampft. Den neuen Krankenhausbetten stehen aber auch täglich hunderte Neunfektionen gegenüber.

Stimmt die Statistik?

Thomas Grünewald vom Klinikum Chemnitz weist noch auf einen anderen Punkt hin: Die Erfassung der Infektionen. Aus seiner Sicht hat die hohe Sterblichkeit von Coronavirus-Infizierten in China unter anderem damit zu tun, dass mehr schwerere und bedrohlichere Fälle, milde Krankheitsverläufe dagegen nicht erfasst würden.

Unterschiedliche Zahlen Während die chinesische Gesundheitsbehörde am Sonntag insgesamt 68.500 Corona-Infizierte meldete, ging die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 51.857 Infizierten aus.

Der Grund für die unterschiedlichen Zahlen liegt in der Zählweise. Die Zahlen der WHO beziehen sich auf labortechnisch-bestätigte Fälle. Die Behörden in China rechnen allerdings noch Fälle hinzu, die lediglich klinisch-diagnostiziert sind.

In der Regel werden die Zahlen der chinesischen Behörden herangezogen. Ohnehin gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus.

Und auch der Vergleich zwischen Erkrankten innerhalb und außerhalb Chinas ist aus seiner Sicht problematisch: Denn die Erkrankten außerhalb Chinas würden keinen Querschnitt der Gesamtbevölkerung darstellen, da es sich vor allem um Reisende handele.

"Daten nicht belastbar"

Ähnlich äußert sich Prof. Gérard Krause, Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Für ihn sind die Sterblichkeitsdaten aus China "derzeit nicht belastbar". Man wisse nicht, auf wie viele insgesamt Erkrankte sich die bekannte Zahl der Todesfälle beziehe. Das hat laut Krause damit zu tun, dass die Fallmeldungen aus China derzeit lediglich ohne einen verlässlichen Zeitbezug, wie etwa dem Erkrankungs- oder Diagnosedatum, vorliegen.

Unklar sei zudem, "wie groß die Untererfassung bei den Fallmeldungen ist". Schon lange gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer an Erkrankungen mit dem Coronavirus in China aus - etwa weil sie nicht gemeldet oder nicht weitergegeben werden.

Zahlen könnten sich noch ändern

Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hatte kürzlich angemahnt, alle Zahlen aus China seien mit Vorsicht zu genießen. Es könne nicht erwartet werden, dass in einem so großen Land wie China an jedem Ort dieselbe Zählmethode angewandt werde. Die Daten zeigten aber zumindest Tendenzen.

Laut Prof. Gérard Krause könnten sich die Zahlen langfristig noch ändern: "Oft ist es so, dass an Anfang einer Epidemie mit einem neuen Erreger die Sterblichkeit höher eingeschätzt wird, und diese dann mit einer besseren Datenlage nach unten korrigiert werden kann", sagt er.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Februar 2020 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2020, 16:35 Uhr