Wegen Nachwuchsmangel Pflichtfeuerwehren auch in Mitteldeutschland?

Wenn es brennt, wählt man die 112. So weit, so normal. Aber was passiert, wenn es brennt und niemand kommt? Viele kleine Gemeinden finden kaum Nachwuchs für die Freiwillige Feuerwehr. Eine Lösung: Wenn es zu wenig Freiwillige gibt, muss man sie eben zwingen. Das klingt hart, eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein hat aber genau das inzwischen getan. Seit kurzem ist dort eine Pflichtfeuerwehr im Einsatz. Gibt es das auch in Mitteldeutschland?

Spinde der Feuerwehr mit Feuerwehrkleidung.
Vor allem kleinere Ortschaften in Deutschland haben ein Nachwuchsproblem bei den Freiwilligen Feuerwehren. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Maik Rahaus ist seit 23 Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Donndorf, einem kleinen Ort in Thüringen. Inzwischen leitet der 31-Jährige die Feuerwehr. Etwa fünf Stunden pro Woche investiert er dafür, fährt rund 30 Einsätze im Jahr. Und er weiß ganz genau, warum er diese Zeit investiert: Zum einen sei es toll, anderen zu helfen, die in Not sind. Zum anderen habe ihm das Ehrenamt schon immer sehr viel Spaß gemacht. "Und was ein ganz großer Punkt ist, was weniger mit der Feuerwehr zu tun hat: Das ist diese Kameradschaft untereinander, die Gemeinschaft. Wir gehen ja durchs Feuer, wir Kameraden, wir müssen uns aufeinander verlassen können", erklärt Rahaus.

Problem: Viele Junge ziehen weg

Freiwillige Feuerwehr
Sich aufeinander verlassen können - das ist bei Mitgliedern einer Feuerwehr immens wichtig. Bildrechte: imago/Marc Schüler

Aber das Problem, Nachwuchs zu finden, kennt natürlich auch er. Viele junge Leute verlassen das Dorf irgendwann und arbeiten woanders. Trotzdem gab es in Donndorf und Umgebung bislang nie die Überlegung, Gemeindemitglieder für die Feuerwehr zu verpflichten. Aus gutem Grund, sagt Rahaus: "Man muss sich das ja dann so vorstellen: Die Kommune verpflichtet Leute, die das Ehrenamt eigentlich gar nicht machen wollen, weil sie kein Interesse haben. Und das ist dann schwierig, weil die Kameraden sollen sich ja untereinander verlassen können und nur jemand, der das freiwillig machen möchte - das ist meine Meinung - sollte auch dieses Ehrenamt ausüben."

Bei zu wenig Freiwilligen bleibt nur die Verpflichtung

Menschen die täglich freiwillig durchs Feuer gehen - Freiwillige Feuerwehr
Die Gemeinden sind in der Pflicht: Sie müssen für Brandschutz sorgen und Feuerwehrleute zum Bekämpfen von Flammen schicken können. Bildrechte: colourbox

Aber wenn es trotz aller Bemühungen zu wenig Freiwillige für das Ehrenamt gibt, bleibt nur die Verpflichtung. Denn: Die Gemeinden müssen für Brandschutz sorgen. In den Landesbrandschutzgesetzen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind deshalb Pflichtfeuerwehren verankert. Je nach Bundesland können Männer und Frauen zwischen 18 bis 60 Jahren zwangsweise zur Feuerwehr herangezogen werden, in Thüringen zum Beispiel für einen Zeitraum von maximal zehn Jahren.

Die Kommunen machen allerdings nur selten Gebrauch von diesem Recht. Deutschlandweit gibt es momentan nur fünf solcher Feuerwehren. Das teilte der Deutsche Feuerwehrverband auf Anfrage von MDR AKTUELL mit.

Derzeit keine Pflichtfeuerwehr in Mitteldeutschland

In Mitteldeutschland gibt es momentan keine Pflichtfeuerwehr. Hier sind die Kommunen zurückhaltend. Der sächsische Städte- und Gemeindebund teilte auf Anfrage von MDR AKTUELL mit:

Diese Maßnahme ist (…) nur das letzte Mittel, wenn ein wirksamer Brandschutz auf andere Art und Weise nicht ermöglicht wird. Nach unserer Kenntnis gab und gibt es bislang keine Pflichtfeuerwehr in Sachsen. Es ist zwar teilweise schwierig, die Tageseinsatzbereitschaft abzusichern. Die Probleme haben aber bislang nicht dazu geführt, dass eine Pflichtfeuerwehr gebildet werden muss.

Städte- und Gemeindebund Sachsen

In Sachsen-Anhalt gab es Pflichtfeuerwehr bereits

Ganz anders sieht das Jörg Kolodziej. Er gehört zur Ortsfeuerwehr Pietzpuhl, einer Gemeinde nordöstlich von Magdeburg. Pietzpuhl ist eine der wenigen Kommunen, die vor vielen Jahren eine Pflichtfeuerwehr hatte. 2008 wurde Kolodziej verpflichtet und ausgebildet. Heute ist er Ortswehrleiter in Pietzpuhl – freiwillig. Für ihn war die Verpflichtung damals eine Chance, sagt er heute: "Ich bin der Meinung, dass diese Pflichtfeuerwehr ein Weg ist, den man einschlagen soll, wenn die Möglichkeit da ist beziehungsweise es erforderlich wird, weil doch einige so denken wie ich. Die ziehen irgendwo aufs Land, haben mit der Feuerwehr auch nichts zu tun. Aber wenn man dann erst mal drin ist, dann sagt man: Es ist gar nicht so schlecht." Kolodziej findet: Keine Gemeinde müsse sich dafür schämen, wenn sie diesen Weg gehe.

Das wiederum kann auch Maik Rahaus aus Donndorf nachvollziehen. Wer die Truppe kennenlerne, bleibe bestimmt auch dabei. Trotzdem ist er froh, dass die Donndorfer noch ohne Verpflichtung auskommen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Oktober 2019 | 08:11 Uhr

4 Kommentare

kennemich vor 49 Wochen

Verstehe es nicht ganz?

Wo jetzt die Jungend so schnell nachkommt.

Da sollen sie mal nicht zum Fußball u.ä. geschickt werden, sondern hier einsetzen.

part vor 49 Wochen

Bei manchen Vorort- oder Dorfwehren muß man heute aufpassen das dieses nicht zum Treffpunkt für eine rechte Klientel verkommt, dies schreckt dann natürlich andere Interessierte ab. Überdies ist hier die Politik gefordert, die Bedingungen zu schaffen, das sich ein Ehrenamt wieder lohnt und nicht durch Arbeitgeber sanktioniert werden kann, weitergehend über andere Unzulänglichkeiten. Zudem sollte es heute immer schwieriger werden in sterbenden Gemeinden noch ausreichend junge Leute zu finden. Zur öffentlichen Daseinsvorsorge gehört nun mal auch das Berufswehren entsprechend gefördert werden und nicht mit Notmaßnahmen eine Hilfstruppe aufgestellt wird.

mensrea vor 49 Wochen

Also so weit ich das aus dem Bekannten- und Kollegenkreis verstehe, ist nicht so sehr mangelndes Interesse ausschlaggebend. Vielmehr die Tatsache, dass nur noch wenige Leute vor Ort oder zumindest in akzeptabler Nähe arbeiten. Die Bereitschaft kann also nicht gewährt werden, wenn die Kameraden erst 45 Minuten anfahren müssen. Deswegen halte ich die Pflichtfeuerwehr für problematisch. Erstens, es löst das Problem der langen Anfahrten nicht. Wer 60 km weit weg arbeitet, kann gar nicht helfen. Und das führt, zweitens, zur Ungerechtigkeit, dass es diejenigen trifft, die "dumm" genug sind noch vor Ort zu sein oder, mMn schlimmer, Leuten das Wochenende belegt, das ihnen aber nach einer Woche Arbeit auch zusteht. Die richtige Lösung ist also nicht einfach Anwohner verpflichten, sondern Berufsfeuerwehren bilden. Dafür zahle ich auch gerne Steuern.