Blick in die Menge bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig
Über 70.000 Menschen waren am 9. Oktober in Leipzig auf die Straße gegangen. Bildrechte: dpa

Der Tag der Entscheidung Darum knickte die DDR-Staatsmacht ein

Mindestens 70.000 Menschen haben am 9. Oktober 1989 friedlich in Leipzig demonstriert. Diese Menschenmasse hat die Sicherheitsorgane am Ende vom Eingreifen abgehalten. Dabei war das im Vorfeld noch ganz anders geplant.

Blick in die Menge bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig
Über 70.000 Menschen waren am 9. Oktober in Leipzig auf die Straße gegangen. Bildrechte: dpa

Noch am 8. Oktober 1989 hat Erich Honecker die Order herausgegeben, jegliche weitere Demonstrationen zu unterbinden. Die Staatsmacht hatte sich hierfür gut vorbereitet, wie Bürgerrechtler Thomas Rudolph in seinem dreibändigen Werk "Weg in den Aufstand: Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR von August 1987 bis Dezember 1989" belegt. Das Regime hätte demnach auf 14.500 Mann zurückgreifen können. "Rund 8.000 Kampfkraft aus dem Wehrbezirkskommando, der Volkspolizei, der Staatssicherheit, der Kampfgruppen und den eigenen Sicherheitskräften des SED- Apparates. Zusätzlich - und das ist das eigentlich Interessante - standen 6.500 NVA-Angehörige in Bereitschaft. Darunter auch 13 Hundertschaften der Luftstreitkräfte, also vermutlich Fallschirmspringereinheiten", sagt Rudolph.

Tobias Hollitzer
Tobias Hollitzer ist heute Leiter des Stasimuseums in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie Dokumente belegen, ließ der inzwischen verstorbene Stasioberst Klaus Rosentreter die Listen der Oppositionellen aktualisieren, die im Krisenfall schlagartig verhaftet und in Lager gesperrt werden sollten. Nur eine davon ist erhalten geblieben. Darauf stehen Pfarrer, Superintendenten und junge Bürgerrechtler wie Tobias Hollitzer. Heute ist er Leiter des Stasimuseums in Leipzig. Hollitzer ist sich sicher, die SED habe am 9. Oktober "endgültig mit dieser Protestbewegung aufräumen wollen".

OBM von Leipzig sagte 1989: "Es geht um die Machtfrage"

Am Vormittag des 9. Oktobers versammelte der Oberbürgermeister Dr. Seidel im Leipziger Rathaus die engsten Vertrauten um sich. Heimlich konnte die Krisensitzung mitgeschnitten werden. Zu hören ist darauf ein angespannter Oberbürgermeister, der wie bei den vorangegangenen Demonstrationen auf Polizei und Staatssicherheit setzte. "Da muss eingegriffen werden, Schluss, das kann sich der Staat und können wir uns nicht mehr bieten lassen. Warum nicht? Weil es um die Machtfrage geht“, ist in der Aufzeichnung zu hören.

Thomas Hauf
Toningenieur Thomas Hauf hat die "Machtfrage"-Rede vom Leipziger Oberbürgermeister Dr. Seidel am 9.10.1989 heimlich mitgeschnitten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Mitschnitt stammt von Toningenieur Thomas Hauf, der aushilfsweise Dienst im Rathaus hatte. Hauf, der selbst regelmäßiger Teilnehmer der Friedensgebete war, wurde die Brisanz der Versammlung damals schnell klar. "Die ersten Sätze, die er [Anm.: der Oberbürgermeister] sagte, erschienen mir so brisant, [ ...] Da habe ich mir schnell ein Band gesucht und habe es eingelegt, auf Start gedrückt und es einfach gemacht“ , erinnert sich Hauf.

Organisierte Opposition hatte "Kontakte in die SED-Führung hinein"

Unterdessen waren auch die Bürgerrechtler alarmiert und bereiteten sich auf den Abend vor. "Die organisierte Opposition in Leipzig hat Kontakte in die SED-Führung hinein gehabt", erklärt Thomas Rudolph. So war durchgesickert, dass die DDR offenes Kriegsrecht verhängen wollen werde. Im Rosenholz seien Panzerspähwagen zu sehen gewesen, "die offensichtlich mit scharfer Munition ausgerüstet waren". Einige der Oppositionellen haben in Krankenhäusern gearbeitet. "So dass wir sehr gut darüber informiert waren, dass an Ärzte Passierscheine für die Innenstadt ausgegeben wurden, dass Blutkonserven bereitgestellt worden", erklärt Rudolph.

Per Telefon war er damals mit dem ZDF verbunden. Der Sender verbreitete in der Nachrichtensendung den Appell der Leipziger Bürgerrechtsgruppen zur Gewaltlosigkeit. "Gewalt schafft immer nur Gewalt. Gewalt löst keine Probleme. An die Einsatzkräfte appellieren wir, enthaltet euch der Gewalt, reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt. Wir sind ein Volk", war Rudolph im Westfernsehen zu hören. Der Aufruf wurde auch als Flugblatt unter den Demonstranten verteilt.

An die Einsatzkräfte appellieren wir, enthaltet euch der Gewalt, reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt.

Thomas Rudolph ZDF, 09.10.1989

Gewaltszenarien an den Vortagen

Polizist packt Demonstrant
In rund einer Woche waren bis zum 9. Oktober 2.800 Menschen bei Demonstrationen verhaftet worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie aus einem Dokument des Innenministeriums hervorgeht, wurden zwischen dem 2. und 9. Oktober knapp 2.800 Personen bei Demonstrationen verhaftet, von denen rund 600 noch in Haft saßen. Am 7. Oktober war die Polizei noch mit aller Härte gegen die friedlichen Demonstranten in Leipzig vorgegangen. Selbst Frauen wurden zu Boden geschlagen. Auf einem Video der Staatssicherheit ist dokumentiert, welche Tortur Helene Guse erleiden musste. "FAKT" erzählt sie, die Polizei habe mit Gummiknüppel und Schild auf sie eingeschlagen. "Dann hat mich meine Tochter dort noch rausgezogen", sagt sie.

Martina Helene Guse
Martina Helene Guse wurde bei einer Demonstration am 7.10.1989 noch zusammengeknüppelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Martina Guse ging zum Arzt und wurde krankgeschrieben. Auch am 9. Oktober war sie in Leipzig wieder unter den Demonstranten. Sie spricht heute von "Wahnsinnsmassen", die sich dort eingefunden hatten. Peter Römer war zu diesem Zeitpunkt Bereitschaftspolizist. Am 7. Oktober hatte er sich geweigert,  mit dem Schlagstock auf Demonstranten wie Martina Guse einzuprügeln. Daraufhin drohten ihm seine Vorgesetzten Gefängnis an, wenn er sich am 9. Oktober nicht bewährt. "Wir saßen auf diesem Polizei-Lkw, eigentlich gestandene Männer, Anfang, Mitte 20 und haben vor Angst so gezittert, dass der Lkw fast gewackelt hat. Es waren alle nur darauf bedacht, ja nicht zum Einsatz zu kommen." Es sei "eine unglaublich bedrückende Stimmung“ unter ihnen gewesen, erinnert sich der ehemalige Bereitschaftspolizist.

Überraschend: Staatsmacht ordnet Gewaltverzicht an

Ein bislang wenig beachtetes und unveröffentlichtes Dokument ist das handschriftliche Telefonprotokoll des Chefs der Staatssicherheit in Leipzig. Darin vermerkte Generalleutnant Manfred Hummitzsch, der SED-Chef Helmut Hackenberg, dem er weisungsgebunden war, hätte den Befehl gegeben: "So lange wie möglich nichts machen.“ Da war noch nicht klar, dass derartige Massen demonstrieren werden. 18:45 Uhr hat nach der Niederschrift Mielkes Stellvertreter Rudi Mittag angerufen. Er sei "strikt dagegen einzugreifen". Diese Order sei eine halbe Stunde später wiederholt worden.

Thomas Rudolph
Thomas Rudolph ist sich sicher, die DDR-Führung hatte nicht eingegriffen, um nicht international an den Pranger gestellt zu werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass selbst die Führung von SED und Staatssicherheit den Verzicht auf Gewalt am 9. Oktober ausdrücklich angeordnet haben, ist so noch nicht dargestellt worden. "Das Entscheidende war die internationale Öffentlichkeit, die es der Diktatur erschwert hat, gegen die gegen die Demonstranten vorzugehen", ist sich Thomas Rudolph sicher. "Über die Niederschlagung der Bewegung in China ist weltweit berichtet worden. Und ein solches Ereignis wollte die DDR-Führung offensichtlich nicht wiederholen, sich nicht international an den Pranger stellen lassen. Und deswegen hat sie auf Gewalt verzichtet", erklärt er.

Über die Niederschlagung der Bewegung in China ist weltweit berichtet worden. Und ein solches Ereignis wollte die DDR-Führung offensichtlich nicht wiederholen, sich nicht international an den Pranger stellen lassen. Und deswegen hat sie auf Gewalt verzichtet.

Thomas Rudolph FAKT

Damit fehlte den Verantwortlichen am Ende die Skrupellosigkeit zum Massaker. Einsatzkräfte waren ausreichend vorhanden. Die Friedfertigkeit der Demonstranten machte ihnen den Gewaltverzicht jedoch möglich. Am Abend des 9. Oktober 1989 waren über 70.000 Menschen in Leipzig auf die Straße gegangen. Das SED-Regime hat vor der friedlich demonstrierenden Masse kapituliert. In Leipzig wird alljährlich mit dem Lichtfest an diesen historischen Moment erinnert.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 05. November 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2019, 10:00 Uhr

Literaturtipp

Thomas Rudolph/u.a.: Weg in den Aufstand - Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR von August 1987 bis Dezember 1989:
- Band 1: 10/2014
- Band 2: 10/2017
- Band 3: in Vorbereitung.