Affen sind zu Versuchszwecken an den Armen fixiert.
Ein gravierender Missstand: Bei den Tierversuchen müssen keine Tierärzte dabei sein. Bildrechte: Cruelity Free International/SOKO Tierschutz

Tierversuche in Deutschland FAKT-Recherche zeigt: Tiere leiden, weil die Politik schläft

Seit 2012 Jahren gelten in der EU einheitliche Regeln im Umgang mit Tierversuchen. Gegen Deutschland läuft ein Verfahren wegen Nichteinhaltung. "FAKT" zeigt, wie die Tiere wegen dieses politischen Zeitspiels leiden.

Affen sind zu Versuchszwecken an den Armen fixiert.
Ein gravierender Missstand: Bei den Tierversuchen müssen keine Tierärzte dabei sein. Bildrechte: Cruelity Free International/SOKO Tierschutz

2,8 Millionen Tiere sind nach Angaben der Bundesregierung 2017 bei Tierversuchen eingesetzt worden. 80 Prozent davon waren Nagetiere, wie Mäuse oder Ratten. Geforscht wurde im Labor auch an Fischen, Kaninchen und Vögeln. In der Bilanz aufgeführt sind zudem 3.500 Affen und Halbaffen. Die Zahlen von 2018 müssen noch ausgewertet werden.

Die Statistik würde sicher anders aussehen, wenn die Bundesregierung die einheiltichen Vorgaben der EU im Umgang mit Tierversuchen umgesetzt hätte. Die Frist dafür lief 2012 aus. Die Regeln sollten einerseits dazu führen, dass die Experimente mit Tieren auf das Nötigste begrenzt und alternative Forschungsmethoden gefördert werden.

"Ein großes Maß an legalem Tierleid"

Ein Hund liegt auf schmutzigen Kacheln.
Ein Bild aus dem Material, das "FAKT" von den Tierschützern vorliegt. Bildrechte: Cruelity Free International/SOKO Tierschutz

"FAKT" und der "Süddeutschen Zeitung" liegen Bilder vor, die aus dem Labor "LPT" (Laboratory Pharmacology and Toxicology) in Niedersachsen stammen sollen. Die Bilder zeigen, wie Hunde bei Tierversuchen für die Wissenschaft stark bluten. Affen wehren sich gegen die sie fixierenden Fesseln. Katzen wird mit Gewalt Blut abgenommen. Die Aufnahmen stammen von den Tierschutzorganisationen Cruelity Free International und der Augsburger Tierschutzorganisation SOKO Tierschutz. Friedrich Mülln ist in der 2012 gegründeten SOKO Tierschutz e.V. aktiv. Für ihn sind die Bilder Belege geduldeter Tierquälerei.

Wir haben hier natürlich ein großes Maß an legalem Tierleid. Man darf nicht übersehen, Tierversuche sind weitgehend vom Tierschutzgesetz ausgeschlossen. Man darf da Sachen machen mit Tieren, die einen normalerweise ins Gefängnis bringen würden.

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz e.V. FAKT

Friedrich Mülln weiß, wovon er redet. Die Tierschützer haben einen Mann in das Versuchslabor in Mienenbüttel eingeschleust. Monatelang hat dieser dort gearbeitet und die Zustände heimlich dokumentiert. Die Bilder liegen "FAKT" und der "Süddeutschen" vor. "FAKT" hat das zuständige Veterinäramt Harburg kontaktiert und um einen Termin gebeten. Der Behörde wurden schriftlich vorab tierschutzrelevante Fragen zu dem Labor gestellt. Das Veterinäramt führte daraufhin eine Kontrolle vor Ort vor.

Friedrich Mülln
Friedrich Mülln gehört zur SOKO Tierschutz e.V. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Dessen Leiter Thorsten Völker schätzt dier Lage gegenüber "FAKT" ein: "Nach meinem Eindruck haben wir hier Käfige in der Größe von ungefähr einem Kubikmeter. Und das ist definitiv nicht ausreichend, um Affen dort dauerhaft zu halten. Das bedeutet, dass wir es hier mit einem Rechtsverstoß zu tun haben." Das Veterinäramt hat ein Verfahren gegen "LPT" eingeleitet.

Angeprangertes Labor nach eigenen Angaben bisher unauffällig

Der Kopf eines Affen klemmt in einer Schraubzwinge.
Auch dieses Foto soll in dem Labor in Niedersachsen entstanden sein. Bildrechte: Cruelity Free International/SOKO Tierschutz

"FAKT" und die "Süddeutsche" konfrontieren "LPT" mit den Vorwürfen. Die Antwort: Bisher habe es keine Beanstandungen gegeben. Das Labor führe präklinische Studien durch, bevor Substanzen am Menschen getestet werden. Aber nicht nur die Situation der Tiere bei den Versuchen stehe im Fokus der Tierschützer, sondern auch, dass ausländische Unternehmen Versuche in deutschen Laboren durchführen lassen würden. Friedrich Mülln kritisiert, die Aufträge kämen aus der ganzen Welt, die Tiere auch.

Das führt dann zu so absurden Situationen, dass ein Pharmakonzern aus Südkorea Affen in Niedersachsen quälen lässt, oder Hunde aus den USA nach Mienenbüttel in Niedersachsen gebracht werden, um dort an schweren Blutungen und Vergaben von Medikamenten einen grausamen Tod zu erleiden.

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz e.V. FAKT

EU-Vorgabe: Auch Ängste der Tiere sollen dokumentiert werden

Die Bundesregierung ist unter Druck. Seit Sommer 2018 läuft ein sogenanntes Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland. Deutschland müsse bei der Verankerung des Tierschutzes im Gesetz nachbessern, so der Vorwurf aus Brüssel. 20 Punkte stehen auf der Mängelliste. Beanstandet wird unter anderem, dass die Fachkenntnis der an Tierversuchen teilenhmenden Forscher nicht nachgewiesen muss.

Renate Künast
Renate Künast spricht bei FAKT von "schweren Mängeln" bei der Umsetzung der EU-Vorgaben in Deutschland. Bildrechte: imago images/photothek

Das sieht auch Renate Künast, die tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen so. "Die Sachkunde von denen, die Versuche durchführen, ist nicht ausreichend geregelt", sagt sie. Eklatant sei auch, dass keine Tierärzte bei den Versuchen dabei sein müssten. "Unglaublich eigentlich", zeigt sich Künast empört. Zudem seien die Kontrollen unzureichend, denn es gebe hier keine Schwerpunktprüfungen.

Tierärzte müssen bei den Versuchen nicht dabei sein. Unglaublich eigentlich.

Renate Künast FAKT

Kritik an der Nichtumsetzung der EU-Vorgaben bei der Durchführung von Tierversuchen in Deutschland kam vor wenigen Wochen auch vom Deutschen Tierschutzbund. Zu den neuen Anforderungen zähle, auch die Ängste der Versuchstiere - neben möglichen physischen Beeinträchtigungen - zu dokumentieren. Auch dies sei Deutschland schuldig geblieben.

Änderungen bis 2020 in Aussicht gestellt

Die Bundesregierung hat der EU in einem Schreiben mitgeteilt, dass Deutschland bei den Gesetzen im Umgang mit Tierversuchen nachgebessern wolle. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat bestätigt, dass es in dieser Angelegenheit eine Stellungnahme gab, wollte aber nicht auf Details eingehen.

Grundsätzlich geplant sind Änderungen im nationalen Recht verändert. Damit soll eine Klage am Europäischen Gerichtshof verhindert werden. Der Bund hat bei der Kommission einen Zeitaufschub erbeten, weil die Verabschiedung der Änderungen einige Instanzen durchlaufen muss. November 2020 könnten sie aber per Gesetz gelten, kündigte die Bundesregierung der EU-Kommission an.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 15. Oktober 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 17:00 Uhr

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Tierversuche am Schwein 3 min
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MDR AKTUELL Sa 20.10.2018 22:54Uhr 02:58 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/chip-statt-tierversuch100.html

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