Erfolgsmodell statt Zeitbombe Dharavi in Indien: Asiens größter Slum hat Corona unter Kontrolle

Anfang April wurde der erste Mensch in Dharavi positiv auf Corona getestet. Dharavi ist einer der größten Slums der Welt – man kennt ihn aus dem oscarprämierten Film "Slumdog Millionär". Hier leben laut Schätzungen fast eine Million Menschen auf einer Fläche, die so groß ist wie der Tiergarten in Berlin. Mehr als 1.200 Corona-Fälle gab es dort im Mai, in der letzten Woche im Juni waren es noch 270.

Medizinische Mitarbeiter in Schutzkleidung untersuchen in Dharavi, einem der gröߟten Slums Asiens, Bewohner auf Corona-Symptome.
Medizinische Mitarbeiter in Schutzkleidung untersuchen in Dharavi Bewohner auf Corona-Symptome. Bildrechte: dpa

Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, offene, bestialisch stinkende Abwasserrinnen, zu viel Armut und Hunger, nur wenige haben eine eigene Toilette. Weil im Film die dreckige Seite des Landes zu sehen ist, ist der Streifen "Slumdog Millionär" in Indien gar nicht so gut angekommen wie im Rest der Welt. Aber die Erfolgsgeschichte vom Straßenjungen aus dem Slum Dharavi, der am Ende bei der Show "Wer wird Millionär" abräumt, hat dann doch einige Inderinnen und Inder begeistert.

Eine Toilette für 1.000 Menschen

Auf ein Happy End würden die Menschen von Dharavi nun auch in Wirklichkeit hoffen, erzählt uns Krishna Tambave am Telefon. Der 43-Jährige hat wie so viele in der Ausgangssperre seine Existenz verloren, er hatte einen kleinen Laden mit Lederwaren, den er schließen musste.

Ärmere Menschen mit improvisierten Mundschutzmasken sitzen während der aufgrund der Corona-Krise verhängten Ausgangssperre vor ihrer Baracke in Dharavi, einem der größten Slums Asiens.
Bewohner des Slums von Dharavi Bildrechte: dpa

Als Anfang April der erste Corona-Fall in seinem Viertel bekannt wurde, habe er sich große Sorgen gemacht und berichtet, in einem Raum würden teilweise bis zu 15 Wanderarbeiter leben. Die Menschen hätten auch in der Ausgangssperre den Raum verlassen müssen, um Essen zu besorgen oder um sich in den öffentlichen Waschräumen zu waschen.

Bis zu 1.000 Leute teilen sich Tambave zufolge eine Toilette. Anfang Mai hätten dann endlich die ersten Züge starten können und viele Wanderarbeiter seien zurück in ihre Dörfer gefahren. Damit seien auch die Fälle weniger geworden.

Agieren statt Reagieren

Die Rückkehr der Arbeiter in ihre Heimat sieht Kiran Dighavakar von der Stadtregierung in Mumbai als einen Grund an, warum die Zahlen der Corona-Infizierten in dem Slum doch nicht derart in die Höhe gegangen sind, wie viele befürchtet hatten. Aber dies sei nicht der Hauptgrund, betont Dighavakar, der sich um die Organisation in Dharavi kümmert. Sein Erfolgsrezept: Agieren statt Reagieren.

Sei es noch am Anfang ziemlich holprig gelaufen, habe man dann die Quarantäne-Stationen optimal ausgestattet. Die Menschen hätten dreimal am Tag etwas zu essen bekommen, es sei sauber gewesen, es habe Ärzte und Medikamente gegeben. Als sich das bei den Leuten herumgesprochen habe, seien sie freiwillig und gern in die Quarantäne-Stationen gegangen.

Statt die eigene Familie und Nachbarn anzustecken, haben sie erkannt, dass es besser ist, sich selbst einzuweisen.

Kiran Dighavakar Stadtregierung Mumbai

Außerdem hätten Hilfsorganisationen und die Behörden Masken an die Bewohner verteilt, erzählt Dighavakar.

Ärzte durften weiter praktizieren

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg waren aber vor allem die Ärzte im Slum. Anfangs mussten auch sie ihre Praxen schließen in der Ausgangssperre, dann haben sie die Behörden davon überzeugt, dass sie arbeiten wollen. Denn die Menschen in Dharavi würden ihnen vertrauen, sagt Dr. Anil Pachnekar, der seit mehr als 35 Jahren in Dharavi praktiziert.

Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens misst die Körpertemperatur von Bewohnern in Dharavi, einem der gröŸten Slums Asiens. Indien ist weltweit das Land mit den drittmeisten Corona-Fällen.
Mitarbeiter des Gesundheitswesens messen in Dharavi die Temperatur der Bewohner Bildrechte: dpa

Pachnekar erzählt, die Mediziner seien von Tür zu Tür gegangen und hätten an jeder Ecke die Leute untersucht. Man habe auch über Lautsprecher immer wieder gesagt, warum die Menschen Masken tragen sollten und dass sie ihre Hände waschen müssten. Dies habe sehr geholfen.

Die lokalen Ärzte hätten bei Hunderttausenden Menschen die Temperatur gemessen und den Sauerstoffgehalt im Blut. Wer Symptome hatte, wurde aufgefordert, gleich in die Quarantäne-Stationen zu gehen, wo sie sofort auf Corona getestet wurden.

Außerdem wurden nach Angaben von Pachnekar Schulen, Hochzeits- und Turnhallen zu Stationen umfunktioniert. Kritische Patienten seien in die umliegenden Krankenhäuser gebracht worden. Dank dieser Strategie sei es gelungen, die Todesrate niedrig zu halten: 80 Menschen seien an den Folgen des Coronavirus hier gestorben. Die Behörden statteten die Ärzte mit Schutzkleidung aus. Den Job machen sie allerdings derzeit, ohne dafür Gehalt zu sehen.

Vorbeugung mit Hydroxychloroquin

Dr. Anil Pachnekar schwört auch auf das Medikament Hydroxychloroquin, das die Mediziner die ganze Zeit zur Vorbeugung eingenommen hätten.

Zwei Monate lang haben wir das Medikament benutzt. Keiner unserer Helfer, die das regelmäßig genommen haben, hat sich in der Zeit mit Corona angesteckt.

Dr. Anil Pachnekar Arzt in Dharavi

Anfangs hatten die Behörden noch überlegt, jeden Einwohner im Slum mit dem Medikament zu versorgen. Aber die Nebenwirkungen seien zu groß, gerade für ältere Menschen und für diejenigen, die an Herzproblemen leiden, sagt Pachnekar. Nach 90 Tagen "Corona-Krieg", wie eine Zeitung in Mumbai titelt, fahren die Behörden ihr Engagement jetzt langsam zurück.

Angst vor dem Coronavirus bleibt

Angst vor dem Virus haben die Menschen im Slum aber bis heute. Der Lederwarenhändler Krishna Tambave hatte sich auch mit dem Virus infiziert. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zwischenzeitlich so sehr, dass er in eine Klinik musste. Heute ist er gesund. Die Leute aus seinem Viertel aber würden das anders sehen.

Als ich zurückgekommen bin aus der Klinik, sind meine Nachbarn vor mir weggerannt. Sie schauen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten.

Krishna Tambave Lederwarenhändler in Dharavi

Tambave sagt, die Reaktionen seiner Nachbarn seien so gewesen, als hätte er sich komplett verwandelt. Dies sei gerade sein größtes Problem.

Dharavi als Erfolgsmodell

Der Kampf gegen das Virus in Dharavi gilt als Erfolgsmodell in Indien. In der Hauptstadt Neu-Delhi wollen die Behörden in den armen Vierteln nun ähnlich vorgehen. Fälle aufspüren, nachverfolgen, testen und behandeln. Auf die Menschen zugehen, statt die Armen zu stigmatisieren, darauf wollen nun auch andere Städte im Land setzen.

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt in Indien aber noch immer stark an: Mehr als 820.000 Menschen haben sich bislang angesteckt und zuletzt kamen täglich mehr als 25.000 Infizierte dazu.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Juli 2020 | 05:00 Uhr

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