Dialektik der Corona-Krise Forscher und Mediziner diskutieren über richtigen Umgang mit der Pandemie

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Kurz nach Bekanntgabe der Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern regte sich Kritik. Und es kam die Frage auf, ob solch kurzfristige Aktionen überhaupt etwas bringen. Die Meinungen darüber sind geteilt.

Angela Merkel nimmt im Bundestag ihre Mund-Nasenbedeckung ab.
Kanzlerin Merkel hat zusammen mit den Länderchefs einen Teil-Lockdown für November vereinbart. Bildrechte: dpa

These. Antithese. Synthese. Die Wissenschaft funktioniert grob vereinfacht nach dem dialektischen Prinzip. Es werden Theorien aufgestellt und begründet, sie werden angezweifelt oder widerlegt, und danach ist man für gewöhnlich schlauer. Auch im Umgang mit der Corona-Pandemie haben sich die Meinungen gewandelt. Bestes Beispiel: die Maskenpflicht, die viele Experten im Frühjahr noch für unnötig hielten.

Doch jetzt, kurz vorm zweiten Lockdown, tritt dieses Prinzip besonders deutlich hervor. So sagt der Virologe Alexander Kekulé: "Inzwischen ist es so, dass es zwei Fronten gibt. Die eine Front ist die, die sagt, wir können so nicht weiter machen. Wir müssen jetzt die Nachverfolgungen aufgeben und stattdessen die Risikogruppen schützen. Die Diskussion ist weltweit." Das sei jetzt auch in Deutschland angekommen. Deutschland sei nicht das einzige Land, wo sich die Wissenschaft in zwei Lager teile.

Fokus auf Risikogruppen

Das eine Lager hat gerade ein viel diskutiertes Positionspapier veröffentlicht, unterschrieben von rund 50 Ärzte-Verbänden, anerkannten Virologen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Stephan Hofmeister sagte MDR AKTUELL, dass man anders als im März sehr viel mehr über die Verbreitung des Virus wisse. Man könne jetzt besser eingrenzen, wer gefährdet sei.

Es brauche ein Risikogruppen-adaptiertes, ein zielgerichtetes und vor allem ein Konzept, das die Bevölkerung freiwillig mittrage, meint Stephan Hofmeister. Deshalb sei es zwar aktuell richtig, die privaten Kontakte einzuschränken. Verbote seien auf die Dauer aber nicht zielführend.

Ablehnung von Verboten

Stattdessen setzen sich die Mediziner in ihrem Positionspapier für eine Priorisierung der Kontaktnachverfolgung ein, für Schnelltests in Seniorenheimen, die Nutzung von FFP2-Masken und die Einhaltung der AHA-Regeln.

Porträt von Prof. Uwe Janssens: Mann mit kurzen, grauen Haaren, ohne Bart und Brille, mit weißem Kittel. Hintergrund gelblich, unscharf mit Muster und Dreiecken.
Chefarzt Uwe Janssens spricht sich für den Lockdown aus. Bildrechte: MDR/Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)

Doch es gebe eben auch das andere Lager, sagt Alexander Kekulé: "Ich würde fast sagen, das hat ein bisschen was mit der Nähe zum Robert Koch-Institut zu tun. Die Gesellschaft für Virologie, die da ganz nah auf Schulterschluss ist, da passt kein Blatt Papier zwischen das RKI, das Gesundheitsministerium und diese Leute."

Alexander Kekulé sagt, es gebe noch eine wichtige Gruppe, und das seien die Intensivmediziner. Einer von ihnen, Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, sagte bei einer Pressekonferenz nach Verkündung des neuen Lockdowns:

Die Aussage, dass ein Lockdown nichts gebracht hätte, die kann man nicht so stehen lassen.

Uwe Janssens Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin

Chefarzt für Lockdown

Uwe Jannssens verweist auf das israelische Beispiel, wo ein richtiger Lockdown gemacht wurde. Seine Vereinigung sei der Meinung, dass das, was die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten beschlossen haben, jetzt richtig sei.

Unterstützung dafür bekommt Janssens von der London School of Medicine. Die Forscher haben untersucht, was ein kurzer, geplanter Lockdown bringt. Eine Art vorbeugende Pause. Sie empfehlen dafür einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. Dann würden die Infektionszahlen auf ein kontrollierbares Maß sinken und die Schäden hielten sich in Grenzen.

Fazit: Wir befinden uns mitten drin im wissenschaftlichen Ringen um den richtigen Umgang mit der Pandemie. Und bis aus These und Antithese Synthese wird, könnte es noch etwas dauern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

46 Kommentare

DER Beobachter vor 3 Wochen

Würde gern Zusatzdaumen geben... Das "Long-Covid-Syndrom" betrifft im übrigen nicht nur Erkrankte der "Risikogruppen", wie man sehr gut nachlesen kann, wenn man nur will. Wäre sicher richtig, wenn der MDR mehr Mut aufbrächte, darüber zu berichten...

DER Beobachter vor 3 Wochen

"Wenn es in Deutschland und Europa weiter so drunter und drüber geht..." Immerhin erkennen Sie, dass auch in den anderen Ländern noch keine sicherere Strategie im Umgang mit der Pandemie existiert. Und wo praktizieren Sie dann? Oder ist das Fettpölsterchen schon dick genug? Oder gehören Sie auch zu denen, die sich gerade so gern als kompetentes medizinisches Personal darstellen...? Sollte ich mich irren, bitte ich um Entschuldigung!

DER Beobachter vor 3 Wochen

Rund 10 000 Stammpatienten? Alle Achtung! Wie schaffen Sie das nur, allen der Arzt des Vertrauens zu sein und dabei keine Kunstfehler zu machen... ???