Jahresbericht der Drogenbeauftragten Suchthilfesystem wegen Corona vor "Jahrhundertaufgabe"

MDR-Volontär Lukas Paul Meya
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Die Corona-Pandemie setzt die bestehenden Präventions- und Behandlungsangebote für Drogenabhängige unter Druck. Eine "Jahrhundertaufgabe" nennt es die Bundesdrogenbeauftrage Daniela Ludwig im aktuellen Jahresbericht. Gleichzeitig entstehe neues Suchtverhalten, etwa bei Kindern durch verstärkten Medienkonsum. Wirklich absehbar sind die Folgen der Corona-Pandemie jedoch noch nicht.

Ein Schild im Fenster einer Drogen- und Alkoholberatungsstelle
Suchtbeauftragte des Bundes fordert, dass Hilfsangebote für Bedürftige trotz Pandemie offen bleiben. Bildrechte: imago/Ina Peek

Daniela Ludwig (CSU) ist als Drogenbeauftragte primär dafür zuständig, die Drogenpolitik der Bundesregierung in der Öffentlichkeit zu vertreten. Höhepunkt dieser Arbeit ist der Jahresbericht, in dem die Lage des Drogenkonsums in Deutschland, die Zustände in den Einrichtungen und die durchgeführten oder geplanten gesetzlichen Maßnahmen vorgestellt werden.

Eine Mann sitzt an einem Tisch mit Weinflasche und Glas im Hintergrund ein Mädchen.
Alkoholsucht ist mit Abstand der häufigste Behandlungsgrund in der Suchtarbeit. Bildrechte: IMAGO

Auch wenn die Corona-Pandemie den Verantwortlichen gegenwärtig das größte Kopfzerbrechen bereitet – die Daten und Entwicklungen im Bericht beziehen sich auf die Jahre 2018 und 2019. Demnach ist Alkoholabhängigkeit die häufigste Suchterkrankung: Die Hälfte aller ambulanten und 65,4 Prozent aller stationären Behandlungen entfallen darauf.

Behandlungs- und Beratungsstellen unter Druck

Alarm schlägt die Bundesbeauftrage jedoch bei einem anderen Thema. Die Kontaktbeschränkungen und Hygienevorgaben erschwerten die Suchtarbeit. Vor allem zu Beginn des Lockdowns im März war die Sorge groß, dass Bedürftige nicht ausreichend versorgt werden können.

Daniela Ludwig (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, spricht während der Vorstellung des Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung im Haus der Bundespressekonferenz.
CSU-Politikerin Daniela Ludwig Bildrechte: dpa

Die Corona-Pandemie stellt alle Akteure vor immense Herausforderungen und schafft neue Suchtgefahren. Elementar wichtig ist, dass Beratungsstellen, niedrigschwellige Hilfsangebote und Suchtkliniken für alle Bedürftigen offen bleiben. Denn der Bedarf ist größer denn je!

Daniela Ludwig Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Gleichzeitig stieg die Zahl der Drogentoten zwischen 2018 und 2019 unabhängig von Corona um 9,6 Prozent auf 1.398 an. Haupttodesursache sind dabei Überdosen von Opioiden wie Heroin. Oft sterben die Abhängigen dabei an Atemstillstand. Das Nasenspray "Naloxon" soll in diesen Situationen helfen – Ludwig will es flächendeckend in der "Szene" verbreiten.

Ebenfalls wichtig: Ersatzsubstanzen. Süchtige erhalten saubere Substitute für Opioide von niedergelassenen Ärzten. Um diese Ausgaben zu gewährleisten, wurden in der Pandemie die Regeln dafür angepasst. Ärzte können nun größere Dosen herausgeben und Apothekenboten einsetzen. Ein Problem bleibt: Laut Bericht sind es insbesondere ländliche Regionen in Mitteldeutschland, in denen Opioid-Abhängige vergeblich nach subsituierenden Ärzten suchen. Ein runder Tisch mit den kassenärztlichen Vereinigungen soll das ändern – bis jetzt ergebnislos.

Weitere Maßnahmen gegen das Rauchen

Junge dunkelhaarige frau sitzt auf der terrasse eines cafes und raucht eine zigarette
Jedes Jahr sterben in Deutschland 127.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Bildrechte: dpa

Trotz sinkender Raucherzahlen, insbesondere bei Jugendlichen, gehen aktuell 13,3 Prozent alle Todesfälle auf das Rauchen zurück. Für Raucher, so Ludwig, sei das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs doppelt so hoch wie für Nichtraucher. Rauchen sei das "größte vermeidbare Gesundheitsrisiko", heißt es im Bericht.

Einen Schritt in diese Richtung stellt die Änderung des Tabakerzeugnisgesetzes vom Juli 2020 dar: Nacheinander wird ab Januar 2022 Außenwerbung für herkömmlichen Tabak und später auch für Erhitzer und E-Zigaretten verboten. Weiterhin gilt auch für E-Zigarren und dazugehörige Nachfüllbehälter zukünftig das Tabakrecht. Das bedeutet schärfere Vorgaben für die Inhaltsstoffe, die beim "Dampfen" inhaliert werden. Auch die Kosten fürs Rauchen sind gestiegen, mittlerweile entfallen pro Zigarette 16,36 Cent an reiner Steuer.

Beim Glückspiel bleibt es bei Appellen

Online-Casino auf Tablet
Glücksspiel verlagert sich zunehmend in den digitalen Raum. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Die Risiken von Glücksspielsucht spricht der Bericht zwar an. Angesichts der derzeitigen Diskussionen um den weniger regulierten und kontrollierten Bereich des Online-Spielens bleibt der Drogenbeauftragen nur der Appell an die Innenminister: Die "intensive" Werbung im Fernsehen "zur besten Sendezeit" sei zu verhindern. Den schleswig-holsteinischen Sonderweg, Online-Kasinos zu erlauben, sodass Nutzer faktisch das Verbot in anderen Bundesländern umgehen können, greift der Bericht nicht explizit auf – vielmehr verweist Ludwig auf den 2021 in Kraft tretenden neuen Glücksspielstaatsvertrag.

Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen schnellt in die Höhe

Die coronabedingten Einschränkungen lassen Kinder und Jugendliche vermehrt zu digitalen Medien greifen, so erste Studienergebnisse. Ein kleiner Teil von ihnen nutzt so exzessiv Computerspiele und Social Media, dass Mediziner von einer Sucht sprechen – die Drogenbeauftragte will mit Aufklärungskampagnen gegensteuern – und wünscht sich höhere Kinder- und Jugendschutzauflagen für Internetdienste, zum Beispiel Handy-Apps.

Crystal-Meth kommt vermehrt aus den Niederlanden

Für Mitteldeutschland von besonderem Interesse dürfte eine kleine Randnotiz im Bericht sein. Die Verbreitung von Crystal Meth hat sich laut Bericht "grundlegend gewandelt". Demnach sind die Zeiten vorbei, in denen Meth aus den östlichen EU-Nachbarländern gekommen war und vor allem in Mitteldeutschland und Bayern vorzufinden war. Sichergestelltes Methamphetamin kommt mittlerweile überwiegend aus den Niederlanden. Was zur Neuordnung auf dem Markt geführt hat, ist dem Bericht nicht zu entnehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 26. November 2020 | 17:45 Uhr