Altlasten Sanieren oder riskieren? - Alte Deponien und belastete Böden

Wie steht es um die Aufbereitung und Entsorgung von Altlasten? "Exakt - die Story" geht dieser Frage nach, erinnert an alte Umweltsünden, die die Böden immer noch belasten und zeigt neue Skandale auf.

Abfallaltlasten auf dem Gelände des stillgelegten Biomassekraftwerks Delitzsch
Abfallaltlasten auf dem Gelände des stillgelegten Biomassekraftwerks Delitzsch Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov

Über 400 Millionen Tonnen Müll fallen in Deutschland jährlich an, darunter Hausmüll, Bau- und Abbruchabfall und Industrierückstände - viele davon giftig, gesundheitsgefährdend oder umweltschädlich. Das meiste landet ordnungsgemäß auf dafür vorgesehenen Deponien oder in Behandlungs- oder Verwertungsanlagen. Doch illegale Ablagerungen, historische Altlasten und bürokratische Grauzonen des hochkomplexen Abfallrechts sorgen immer wieder auch für Skandale.

Eine Grafik
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Altlasten in Sachsen: In Sachsen sind im sogenannten Altlasten-Kataster über 21.000 Flächen registriert: 12,5 Prozent davon sind saniert. Knapp die Hälfte ist als ungefährlich eingestuft. Unsanierte Altlasten und Flächen, bei denen die Gefährdung noch nicht abschließend geklärt ist, machen mehr als ein Drittel der Flächen aus. Hier besteht Handlungsbedarf.
Quelle: MDR /Exakt - die Story

Altlasten aus DDR-Zeiten

Der "Silbersee" in Bitterfeld
Der sogenannte Silbersee, die Grube Johannes, ist als Absetzbecken genutzt worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Offiziell sind in Deutschland mehr als 271.000 Flächen als altlastverdächtig erfasst. Einige Flächen sind bereits saniert. Andere, wie der ehemalige DDR-Chemiestandort Bitterfeld-Wolfen, sind laut Fachleuten auf Jahrzehnte hin derart verseucht, dass nur Schadensbegrenzung möglich ist.

Rund 200 Millionen Kubikmeter giftiges Grundwasser müssen hier kontinuierlich abgepumpt und gereinigt werden, um eine Ausbreitung zu vermeiden.

Allein für die Sanierung des sogenannten "Silbersees" haben Bund und Land laut Angaben des Magdeburger Umweltministeriums seit 1992 etwa 350 Millionen Euro ausgegeben.

Harald Rötschke von der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungs- GmbH (MDSE)
Harald Rötschke ist mit der Sanierung des "Silbersees" betraut worden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine komplette Entsorgung der restlichen Giftmüll-Gruben würde laut Schätzungen etwa rund zwei bis drei Milliarden Euro kosten: "Wenn Sie alles wegnehmen wollen", warnt der zuständige Chef-Sanierer Harald Rötschke von der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungs-mbH (MDSE), "müssten Sie das ganze Gebiet auskoffern, acht Quadratkilometer, 40 Meter tief. Unmöglich."

Hintergrund Der "Silbersee" (Grube Johannes) in Bitterfeld

Der sogenannte Silbersee, eine Industriekloake in Bitterfeld, im Februar 1990
Der sogenannte Silbersee, eine Industriekloake in Bitterfeld, im Februar 1990 Bildrechte: IMAGO
Der sogenannte Silbersee, eine Industriekloake in Bitterfeld, im Februar 1990
Der sogenannte Silbersee, eine Industriekloake in Bitterfeld, im Februar 1990 Bildrechte: IMAGO
DDR : Der sogenannte Silbersee , eine Industriekloake in Bitterfeld , im Februar 1990
"In diese Grube Johannes hat die Filmfabrik Wolfen, beziehungsweise die Faserherstellung der Filmfabrik Wolfen überwiegend ligninhaltige Schlämme eingespült. Das sind ungefähr 2,2 Millionen Kubikmeter, die hier eingefüllt worden sind. Das hat dann zu extremen Ausgasungen von Schwefelwasserstoff geführt."
(Quelle: Harald Rötschke von der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungs-mbH (MDSE)
Bildrechte: IMAGO
Abwassersee der Filmfabrik Wolfen bei Bitterfeld.
Über 30 Jahre lang sind die giftigen Chemikalien aus der Filmfabrik ungehindert in den "Silbersee" geflossen. Auf einer Fläche von rund 30 Quadratkilometern sind die Chemikalien über Jahrzehnte längst ins Grundwasser gesickert und haben es vergiftet. (Quelle: MDR/Exakt - die Sory) Bildrechte: imago stock&people
Filmfabrik Wolfen, 1990
Die Filmfabrik Wolfen im Jahr 1990 Bildrechte: imago images / Lutz Sebastian
Der "Silbersee" in Bitterfeld
Seit 25 Jahren laufen inzwischen die Sanierungsarbeiten. Zuständig dafür ist die Mitteldeutsche Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft. Ihre Aufgabe ist es, die Böden zu reinigen und das Gift wieder aus der Erde zu holen. (Quelle: MDR/Exakt - die Sory) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Müllskandal der Gegenwart

Eine Gelände as der Vogelperspektive
Das Gelände des Biomassekraftwerks in Delitzsch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rund 20 Kilometer von Bitterfeld entfernt, in Delitzsch, wächst derweil ein neuer Abfallskandal heran: In einer umfunktionierten Zuckerfabrik sind hier über Jahre Althölzer verbrannt worden. Als Biomassekraftwerk speiste die Anlage die gewonnene Energie ins Stromnetz. Doch inzwischen liegen handfeste Hinweise vor, dass der Betreiber in den letzten Betriebsjahren bis zur Schließung 2016 weit mehr als nur unbehandelte Hölzer zur Verbrennung angenommen hat: Müllberge aus unterschiedlichsten Abfallarten - Plastik, Dämmwolle, alte Filterschläuche - türmen sich heute noch auf dem verlassenen Gelände.

In den alten Hallen des Kraftwerks lagern bis heute Berge aus Sperr- und Sondermüll.
Ein Blick in die Hallen des Biomassekraftwerkes in Delitzsch zeigt Berge aus Sperr- und Sondermüll. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov

Ehemalige Mitarbeiter berichten, am Ende habe man kaum noch Holz verbrannt, stattessen nur "Müll und Dreck". Vor den Lagerhallen liegt ein gigantischer Berg aus Verbrennungsrückständen, mutmaßlich schwer belastet mit giftigen Schwermetallen wie Blei und Cadmium.

Daten zum Standort in Delitzsch

1890 Entstehung der Zuckerfabrik
1946 Demontage
ab 1952 Wiederaufbau
2000 Einstellung der Produktion
2001 Gründung der BKD Biokraftwerk Delitzsch GmbH
2003 Inbetriebnahme des Kraftwerks
2011 Insolvenz der BKD Biokraftwerk Delitzsch GmbH
2012 Übernahme durch GOAZ Energy GmbH
2015 Insolvenz der GOAZ Energy GmbH Übernahme durch Knock on wood GmbH

Quelle:
https://www.delitzsch.de/portal/meldungen/gelaende-von-frueherer-zuckerfabrik-und-biokraftwerk-wird-komplett-umgestaltet-900000449-27640.html
https://www.gruene-fraktion-sachsen.de/fileadmin/user_upload/Positionen_und_Beschluesse/HP_Biomassekraftwerk_Delitzsch_2016-07.pdf

Das Problem liegt jetzt beim Investor, der das Gelände gekauft hat und schon bald zu einem neuen Wohngebiet für rund 1.100 Menschen entwickeln möchte. Er soll auch für die Sanierung der Fläche und die fachgerechte Entsorgung der Abfallrückstände aufkommen. Von einer erhöhten Kontamination will der Unternehmer aber plötzlich nichts wissen. Und auch das zuständige Umweltamt in Delitzsch bestreitet auf Anfrage jede Kenntnis von illegalen Verbrennungen in der Anlage. Zurück bleiben frustrierte Bürger:

Ein Mann sitzt an einem Tisch
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das ist unglaublich. Was für ein Desaster.

Dietmar Mieth | Landwirt

Bilder zum Film Sanieren oder riskieren?

In den alten Hallen des Kraftwerks lagern bis heute Berge aus Sperr- und Sondermüll.
Über 400 Millionen Tonnen Müll fallen in Deutschland jährlich an, darunter Hausmüll, Bau- und Abbruchabfall und Industrierückstände - viele davon giftig, gesundheitsgefährdend oder umweltschädlich. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
In den alten Hallen des Kraftwerks lagern bis heute Berge aus Sperr- und Sondermüll.
Über 400 Millionen Tonnen Müll fallen in Deutschland jährlich an, darunter Hausmüll, Bau- und Abbruchabfall und Industrierückstände - viele davon giftig, gesundheitsgefährdend oder umweltschädlich. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
In den alten Hallen des Kraftwerks lagern bis heute Berge aus Sperr- und Sondermüll.
Illegale Entsorgung und historische Altlasten sorgen immer wieder für bundesweite Skandale. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
"LVZ-Delitzsch"-Lokalreporterin Christine Jacob recherchiert schon lange zu den Zuständen am ehemaligen Biomassekraftwerk.
So recherchiert beispielsweise die "LVZ-Delitzsch"-Lokalreporterin Christine Jacob schon lange zu den Zuständen am ehemaligen Biomassekraftwerk in der Stadt. In einer umfunktionierten Zuckerfabrik sind hier über Jahre Althölzer verbrannt worden. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
Abfallaltlasten auf dem Gelände des stillgelegten Biomassekraftwerks Delitzsch
Als Biomassekraftwerk speiste die Anlage die gewonnene Energie ins Stromnetz. Doch inzwischen verdichten sich die Hinweise, dass der Betreiber in den letzten Betriebsjahren bis zur Schließung 2016 zur Verbrennung auch unterschiedlichste Abfallarten - Plastik, Dämmwolle, alte Filterschläuche - verwendet hat. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
Harald Rötschke, Leiter der MDSE betreut Überwachung und Sanierung des Chemiegeländes Bitterfeld-Wolfen.
Als ein Fass ohne Boden entpuppt sich der ehemalige DDR-Chemiestandort Bitterfeld-Wolfen. Einige Flächen sind auf Jahrzehnte hin derart verseucht, dass nur noch Schadensbegrenzung möglich ist. Um die Überwachung und Sanierung des Chemiegeländes kümmert sich Harald Rötschke von der MDSE. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
Altdeponie Spröda - Aktivist Dietmar Mieth beobachtet den intransparenten Umgang mit gefährlichen Abfällen seit Jahren kritisch
Ortswechsel: Altdeponie Spröda. Seit Jahren beobachtet Aktivist Dietmar Mieth den intransparenten Umgang mit gefährlichen Abfällen auf der sächsischen Mülldeponie kritisch. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
Aktivist Dietmar Mieth beobachtet den intransparenten Umgang mit gefährlichen Abfällen seit Jahren kritisch
Die Reportage "Sanieren oder riskieren?" begibt sich auf Spurensuche von altem Müll und versucht Antworten darauf zu finden, welche technischen und politischen Möglichkeiten es im Umgang mit Altlasten gibt. Bildrechte: MDR/Gabriel Stoukalov
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 20. Januar 2021 | 20:45 Uhr