Ein Messgerät wird in ein Rohr gehalten
In alten Gasrohren von damals eine deutliche erhöhte radioaktive Strahlung festgestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Radioaktivität Das verstrahlte Erbe der DDR-Erdgas-Förderung

Es knackt ordentlich, wenn man Geigerzähler an bestimmte Zaunpfähle in Gärten in der Altmark hält: Diese waren früher Gasförderrohre, die in Bohrlöchern steckten. Eine Gefahr, die bis heute unter und auf der Erde lauert.

Ein Messgerät wird in ein Rohr gehalten
In alten Gasrohren von damals eine deutliche erhöhte radioaktive Strahlung festgestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Altmark schlummert ein begehrter Stoff in der Erde: Geologen entdeckten das größte Erdgasvorkommen Europas bei Salzwedel. Ein Segen für die junge DDR, denn die Großbetriebe brauchten Gas und ohne eigene Quellen musste es aus teurer Import-Steinkohle gewonnen werden. Bald förderten Kumpel Milliarden Kubikmeter aus über 450 Bohrlöchern. Viele zog es in die Erdgasbetriebe, denn sie waren Arbeitgeber in der DDR, der Spitzenlöhne zahlte.

Die versteckte Gefahr

Ein Mann vor einem Maschendrahtzaun
Wienhold Weber arbeitete ungeschützt, dann trafen ihn zwei Kilogramm Quecksilber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch für die Teams an den Bohrlöchern hatte die Gasförderung auch ihre Schattenseiten. Denn das heimische Erdgas und die Bohrschlämme waren sehr giftig. Vor allem das Gas aus der Altmark enthielt viel Quecksilber. Viele Kumpel wussten nicht, was sie im Schlamm und Grubenwasser mit nach oben holten. Blei, Cadmium, Arsen, vor allem aber Quecksilber.

Wienhold Weber wartete in Cheine die Mess- und Regeltechnik und säuberte die Schalter der Förderanlage. Weber arbeitete nahezu ungeschützt, ohne Atemmaske oder gasdichten Chemikalien-Anzug. So wie viele seiner Arbeitskollegen damals.

Ich habe diese Geber rausgezogen. Und beim Rausziehen sind ungefähr ein bis zwei Kilogramm Quecksilber runtergetropft und mir voll auf den Körper. Die ganze Luft war silbrig und hat geglänzt, weil das in feinen Perlen auseinanderstob, als es runtertropfte.

Wienhold Weber Früherer Erdgasarbeiter

Weber hat das Quecksilber heute in seinen Knochen, in den Nieren und im Gehirn. Es richtet schon in kleinen Mengen enormen Schaden an. An einigen Tagen kann er nur mit Mühe laufen. Seit seinem 41. Lebensjahr ist er arbeitsunfähig und lebt von einer kleinen Rente. Weber leidet an Kräfteschwund, Panikattacken, nervösen Störungen und Lähmungserscheinungen.

Die Sanierung eines mit Radon belasteten Hauses durch Experten ist teuer. 30 min
Die Sanierung eines mit Radon belasteten Hauses durch Experten ist teuer. Bildrechte: MDR/GhostCat

Das schleichende Gift

Das gerahmte Foto eines Mannes neben einem Grab
Rudolf Herold verstarb 2017 - seine frühere Arbeit hatte ihn krank gemacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch andere Arbeiter sind von den giftigen Stoffen betroffen. Rudolf Herold gehörte zum Spitzenpersonal der VEB Erdgasförderung. Er war Leiter des Zentrallabors. Der tägliche Umgang mit den giftigen Stoffen habe auch ihn krank gemacht, berichtet er uns bei den Dreharbeiten 2016: "Ich habe festgestellt bekommen, dass ich ein Karzinom in der Blase habe, berufsbedingt. Also durch die Dinge mit denen ich früher mal zu tun hatte, also Quecksilber, Blei, radioaktives Material."

Nicht nur ihn hat seine frühere Arbeit krank gemacht. In alten Gasrohren von damals stellt MDR-exakt bei den Dreharbeiten über acht Mikrosievert pro Stunde an radioaktiver Strahlung fest. Das ist das Hundertfache der natürlichen Radioaktivität. Wäre man dieser Strahlung auf Dauer ausgesetzt, würde man die gesetzlich zulässige Jahresdosis weit überschreiten. Manchen Kumpeln wurde das möglicherweise zum Verhängnis.

Ich kenne mehrere, die Hodenkrebs hatten, schon zur DDR-Zeit. Also denen Hoden-Lymphdrüsen entfernt wurden. Auf die warmen Erdgasrohre konnte man sich im Winter ja schön draufsetzen.

Rudolf Herold Früherer Laborleiter VEB Erdgas

Herold verstarb 2017 im Alter von 68 Jahren. Seine Witwe erhielt posthum einen Ablehnungsbescheid auf den Antrag um Anerkennung einer Berufskrankheit. Sein Tumor sei angeblich nicht durch die Arbeit im Erdgasbetrieb verursacht worden. Die Witwe hat gegen die Ablehnung mithilfe eines Anwalts Widerspruch eingelegt. "Ich möchte eigentlich, dass es eine Gerechtigkeit gibt für meinen Mann und für die vielen Erdgas-Kumpel, die an diesen Schadstoffbelastungen gestorben sind", sagt Ingrid Herold. 50 Jahre Erdgasförderung in der Altmark - für viele ist das kein Anlass zum Feiern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - Die Story | 13. November 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2019, 05:00 Uhr