Blumenwiese mit Löwenzahn
Blüht gerade wieder: der Löwenzahn. Bildrechte: colourbox

Neues Material für Reifen Forscher entwickeln Löwenzahn-Kautschuk

Blumig gelb blüht er gerade wieder auf Wiesen und Äckern in Mitteldeutschland: der Löwenzahn. Es gibt Menschen, die machen aus der Pflanze Salat. Materialforscher der Fraunhofer-Institute in Münster und Halle wollen den Saft des Löwenzahns zur Herstellung von Kautschuk nutzen. Der wird dringend in der Reifenindustrie gebraucht. Denn nur Kautschuk gibt einem Reifen maximale Elastizität und Stabilität.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Blumenwiese mit Löwenzahn
Blüht gerade wieder: der Löwenzahn. Bildrechte: colourbox

Man nennt ihn Pusteblume, Ringelstock oder Sonnwendig. Löwenzahn hat viele Namen. Vielleicht kommt demnächst ja der Begriff Gummiblume dazu. Denn Dirk Prüfer arbeitet am Fraunhofer Institut in Münster daran, aus dem milchigen Löwenzahnsaft Kautschuk zu gewinnen. Der wird vor allem für Auto-Reifen gebraucht. "Der Bedarf steigt ständig. Gerade durch Länder wie Indien und China, wo immer mehr Menschen Auto fahren wollen", erklärt Prüfer

Das sei das Motiv, um eine alternative Quelle zu entwickeln auf Basis des Löwenzahns. Nicht nur um unabhängiger von Importen zu werden, sondern auch zum Schutz der Regenwälder. Prüfer:

Es ist halt sehr dramatisch, dass viele Urwälder abgeholzt werden, um da Kautschuk-Bäume anzupflanzen.

Dirk Prüfer Fraunhofer Institut Münster

Erste Löwenzahn-Reifen in 10 Jahren

Reifen mit synthetischem Kautschuk aus Löwenzahn
So sieht er aus, der Reifen aus synthetischem Kautschuk mit Löwenzahn. Bildrechte: Fraunhofer IAP/Till Budde

Prüfer setzt auf heimischen Acker. Für seine Löwenzahnforschung hat er einen Industriepartner gewonnen. Der Reifenhersteller Continental baut in Anklam auf 30 Hektar Löwenzahn an. In fünf bis zehn Jahren will das Unternehmen die ersten Reifen mit Löwenzahn-Gummi verkaufen.

Auch die Materialforscher am Fraunhofer Institut in Halle beschäftigt die Frage, wie man den wachsenden Kautschukbedarf decken kann. Der Chemiker Mario Beiner hat die Moleküle des Löwenzahn-Gummis dafür buchstäblich einzeln analysiert. Im Vordergrund stand dabei die Frage, was Naturkautschuk so einzigartig macht. "Normalerweise versteht man einen Kautschuk als etwas Weiches, etwas Elastisches. Und man muss sich vorstellen, wenn man so einen Naturkautschuk dehnt, also um mehrere hundert Prozent zieht, dann gibt es lokal darin festkörperartige Bereiche, die kristallisieren. Und wenn man die Dehnung wieder entfernt, dann wird der wieder so elastisch wie zuvor."

Tricks der Natur verstehen

Hauptgebäude des Fraunhofer-Instituts für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS in Halle
Das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS in Halle. Bildrechte: Fraunhofer IMWS

Doch wie stellt die Natur das an? Zwar wird schon seit mehr als 100 Jahren Kautschuk auch künstlich hergestellt und als industriell gefertigter Gummi verkauft. Doch er kommt nicht an die Qualität des Naturprodukts heran. Beiner und seinem Team ist es durch die Löwenzahn-Analyse nun gelungen, die Tricks der Natur besser zu verstehen. Und sie konnten anschließend einen Kunstkautschuk mischen, der dem Original sehr nahe kommt.

Doch taugt er auch in der Praxis? Die Frage stellen potentielle Industriepartner als erstes, sagt Projektleiter Ulrich Wendler: "Das haben wir uns zu Herzen genommen und haben dann reale Autoreifen gemacht. Und die sind dann auch real auf der Straße gelaufen." Bei identischen Größen, Profilen und Belastung ergab sich dieses Ergebnis:

Wir haben dann glücklicherweise festgestellt, dass unser Reifen so gut war, vielleicht sogar ein bisschen besser.

Ulrich Wendler Fraunhofer Institut Halle

Auch Spielzeug und Kondome denkbar

Vor allem nutzen sich die Reifen weniger stark ab. Die Forscher hoffen, dass auch der Kunstkautschuk ein Verkaufsschlager wird. Nicht nur in Form von Reifen. Auch Spielzeug kann man daraus machen, Gummihandschuhe, Babyschnuller oder Kondome.

Und die Forscher versprechen: Der Kunstkautschuk ist für Allergiker verträglicher als das Naturprodukt. Denn sie haben aus dem Löwenzahn-Saft nur Komponenten übernommen, die es für das Material dringend braucht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Mai 2019 | 08:34 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2019, 12:03 Uhr

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1 Kommentar

07.05.2019 05:38 GRUEN UNSERE ZUKUNFT 1

leider wachsen hier immer weniger der hübschen Pflanzen, die noch vor Jahren von vielen Insekten bevölkert waren, deren Milch heilende Wirkung hatte, wenn wir tobend Wunden damit betupften und Kaninchen und Meerschweinchen damals und Alpakas heute Leckerei fütterten. Uns fehlen einfach Bestäuber für Ostbäume und Sträucher und Wiesen - vllt. Chemie aus der Landwirtschaft entfernen oder auf den Stand von 1988 zurückfahren ...