Arbeitsschutz Wittenberger Betrieb hält Quarantänevorschriften für Erntemitarbeiter nicht ein

Wer zum Arbeiten nach Deutschland einreist, darf erst nach 14-tägiger Quarantäne mit anpacken. Ein Wittenberger Betrieb hat auf "exakt"-Anfrage eingeräumt, diese Vorschrift aus Unkenntnis nicht eingehalten zu haben.

Ranken
Bei der Wittenberg Gemüse GmbH ist Erntesaison. Hier kommen auch Erntehelfer aus dem Ausland zum Einsatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wegen des Infektionsschutzes dürfen Saisonarbeiter nach geltenden Corona-Schutzauflagen nur angemeldet und mit dem Flugzeug ein- und ausreisen. Bauern klagen deswegen über enorme Mehrkosten. Doch bei der Wittenberg Gemüse GmbH kommen regelmäßig neue Mitarbeiter per Auto oder Bus aus Polen an. Verkaufsleiter Kevin van Ijperen begründet das so: "Die polnische Grenze nach Deutschland ist noch offen." Und er erklärt "exakt" auch, dass jede Woche neue Leute hinzukommen würden. Möglich ist das, weil die Wittenberger Gemüse GmbH ihren Mitarbeitern unbefristete Verträge ausstellt. Somit gelten sie nicht als Saisonarbeitskräfte – und ihre Einreise muss nicht angemeldet werden.

Allerdings müssten diese Mitarbeiter nach ihrer Ankunft 14 Tage in Quarantäne, um sich und andere vor Infektionen zu schützen. Im Betrieb nehmen sie jedoch sofort nach Ankunft ihre Tätigkeit auf. Das Unternehmen gibt das Versäumnis gegenüber "exakt" auf Nachfrage zu. Die Existenz und Geltung der Quarantäneverordnung sei dem Unternehmen bis jetzt nicht bekannt gewesen. Man ordne für neu einreisende Mitarbeiter ab sofort eine entsprechende Quarantäne an.

Auch Personenbegrenzungen werden nicht eingehalten

Transporter
Busse fahren mit vielen Personen vor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wegen der Corona-Pandemie gelten derzeit für Landwirtschaftsbetriebe und Sammelunterkünfte noch weitere strenge Auflagen. Laut Arbeitsschutzstandard des Bundesarbeitsministeriums müssen in den Unterkünften "kleine, feste Teams" gebildet werden, die auch zusammen arbeiten. Durch solche Teams sollen auch wechselnde Kontakte bei Fahrten reduziert werden.

Doch in einigen Kleinbussen, die wir vorfahren sehen, ist fast jeder Platz besetzt. Eine polnische Mitarbeiterin berichtet "exakt", dass das gängige Praxis sei. "Am Morgen nahm der Bus sechs oder neun Leute mit, es gab keinen Abstand. Am Abend kam es vor, dass der Fahrer sogar zusätzliche Leute mitnahm und uns bat, uns zu quetschen, weil er nicht so oft fahren wollte", schildert sie uns.

In der Unterkunft des Gemüsebetriebs wohnen etwa 250 Personen. Damian, ein Erntemitarbeiter aus Polen, erklärt "exakt", er habe nicht erlebt, dass Arbeiten und Wohnen in kleinen Teams passiert. Alle könnten sich frei auf dem Gelände und in der Stadt bewegen. In den Zimmern würden bis zu vier Personen leben.

Geschäftsleitung spricht von Eigenverantwortung der Mitarbeiter

Helmut Rehhahn, Projektleiter Wittenberg Gemüse GmbH
Helmut Rehhahn, Projektleiter Wittenberg Gemüse GmbH Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Projektmanager Helmut Rehhahn und Verkaufsleiter Kevin van Ijperen betonen gegenüber "exakt", dass bei der Wittenberger Gemüse GmbH generell hohe Hygienestandards gelten würden. Die Mitarbeiter arbeiteten in Gruppen von 30 bis 40 Personen. Nach Vorgaben der Bundesregierung müssten es "kleine, feste Teams" sein.

Kevin van Ijperen Verkaufsleiter Wittenberg Gemüse GmbH
Verkaufsleiter Kevin van Ijperen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das geht bei uns nicht" räumt Projektleiter Rehhahn ein. "Aber wir haben Einzelarbeitsplätze im Gewächshaus und in der Verpackung", sagt er. In einer Großunterkunft käme es eben auch darauf an, wie sich der Einzelne benimmt. Dieser Ansicht ist auch der Verkaufsleiter. Sie hätten die Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass nicht zu viele in einen Bus einsteigen sollten. "Aber wir können nicht immer alles prüfen, und da gehe ich wieder von dieser Eigenverantwortung aus", so van Ijperen.

Oskar Brabanski, Gewerkschaftsprojekt „Faire Mobilität“
Oskar Brabanski vom Gewerkschaftsprojekt "Faire Mobilität" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oskar Brabanski vom Gewerkschaftsprojekt "Faire Mobilität" sieht die Verantwortung jedoch bei den Betrieben: "Sich in einer Gruppenunterkunft in häusliche Quarantäne zu begeben, ist für die Mitarbeiter unmöglich. Als Arbeitgeber die Augen davor zu verschließen und die Verantwortung auf den Arbeitnehmer zu schieben, ist weltfremd und verantwortungslos." Das DGB-Projekt "Faire Mobilität" setzt sich ein für die Rechte mobiler Arbeitnehmer in Europa.

Erntemitarbeiter touren nach Kündigungen weiter durch Deutschland

Erntehelfer Damian
Erntehelfer Damian berichtet von einer plötzlichen Kündigung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Damian aus Polen hat drei Wochen lang bei der Wittenberg Gemüse GmbH Erdbeeren gepflückt. Plötzlich sei ihm gekündigt worden, erklärt er "exakt", weil er die vorgegeben Mengen nicht geschafft habe – 35 Kilo Erdbeeren pro Stunde. Und er sei nicht der einzige. Insgesamt haben 20 bis 30 Mitarbeiter in den vergangenen Wochen das Unternehmen verlassen, bestätigt die Firma. Zum Teil auf eigenen Wunsch. Einige, mit denen wir sprechen können, erzählen, dass sie nun innerhalb Deutschlands weiterreisen, um neue Jobs anzutreten. Da sie schon einmal im Land sind, gelten keine Quarantänebestimmungen wie bei einer Neueinreise.

Viele Erntemitarbeiter kommen aus finanziellen Zwängen, weiß Oskar Brabanski aus seinem Beratungsalltag bei "Faire Mobilität". "Der Erntehelfer ist komplett abhängig von seinem Arbeitgeber. Nicht nur was Lohn und Unterkunft, sondern auch was die - oft vollkommen unzureichende - Hygienemaßnahmen angeht. Wenn er dann gekündigt wird, bleibt social distancing ein Luxus, den sich ein Erntehelfer nicht erlauben kann. Natürlich sucht er dann die nächstbeste Möglichkeit, um seine Familie zu ernähren - und kann so unfreiwillig zum Überträger des Virus werden", erklärt er. Weil der Infektionsschutz so nur schwer eingehalten werden kann, riskieren die Mitarbeiter auch ihre eigene Gesundheit.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 22. April 2020 | 20:15 Uhr