Der erste Mai im Kalender
Seit 1886 ist der 1. Mai internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Bildrechte: IMAGO / Michael Weber

Tag der Arbeit Brauchen wir den 1. Mai als Feiertag noch?

Für Gewerkschafter ist die Sache klar: Natürlich brauchen wir den 1. Mai noch - auch, um die eigene Einstellung zur Arbeit zu reflektieren. Für Historiker liegt der Fall aber schon anders.

von Thomas Matsche, MDR AKTUELL

Der erste Mai im Kalender
Seit 1886 ist der 1. Mai internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Bildrechte: IMAGO / Michael Weber

Markus Schlimbach hat sich ein Ziel gesteckt. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen will heute zu den Mai-Demonstrationen landesweit mindestens 20.000 Menschen auf die Straße bekommen. So viele wie im vergangenen Jahr. Mobilisieren will der DGB mit dem Thema Europa. Passend zur bevorstehenden Europa-Wahl will man für ein sozialeres Europa demonstrieren, erklärt Markus Schlimbach.

Man wolle, dass auch soziale Aspekte wie Arbeitnehmerschutz, die Entwicklung von Löhnen oder der Arbeits- und Gesundheitsschutz in Unternehmen ein stärkeres Gewicht bekämen, fasst Schlimbach zusammen. Man wolle, dass "wir nicht einen Wettbewerb zwischen den billigsten Arbeitsplätzen haben, sondern zwischen guten Arbeitsplätzen".

Über die Einstellung zur Arbeit nachdenken

Markus Schlimbach
Markus Schlimbach vom DGB Sachsen. Bildrechte: dpa

Doch braucht es dafür noch den ersten Mai als sogenannten Kampftag? Markus Schlimbach gibt zu: Ein Kampftag ist der erste Mai nicht mehr. Und für viele arbeitende Menschen ist er einfach nur ein freier Tag. Doch den ersten Mai abzuschaffen, wäre eine schlechte Idee, meint Sachsens DGB-Chef.

Man müsse Traditionen hochhalten und dafür sei der erste Mai eine wirklich gute Tradition in Deutschland, sagt der Gewerkschafter. Überdies böte der Tag auch Gelegenheit, mal darüber nachzudenken, "was Arbeit für einen selbst bedeutet und wie man es besser machen kann".

Geschichtsprofessor: 1. Mai hat sich überlebt

Dirk van Laak, Geschichtsprofessor an der Uni Leipzig, widerspricht. Er hält sowohl den ersten Mai als auch Begriffe wie Arbeiterklasse nicht mehr für zeitgemäß. Ähnlich wie die Sozialdemokraten wollten sich viele Menschen politisch nur noch in der Mitte verorten. Nur die wenigsten hätten noch Lust, auf die Straße zu gehen, meint van Laak. Zudem beanspruchen linke wie rechte Gruppen den ersten Mai für sich. Seinen Ursprungswert habe der erste Mai längst verloren, glaubt der Historiker.

Als staatlicher Gedenktag, dem ja eigentlich auch was Anti-Staatliches, was Anarchisches, was Klassenkämpferisches anhaftet, hat er sich eigentlich überlebt.

Dirk van Laak Geschichtsprofessor an der Uni Leipzig

Dirk van Laak schlägt stattdessen den 9.November als Feier- und Gedenktag vor. Der Fall der Berliner Mauer, die Reichspogromnacht, der Hitlerputsch und die Novemberrevolution hätten die deutsche Geschichte geprägt und regten mehr Diskussionen an als der 1. Mai.

Den 1. Mai wollten übrigens alle Teilnehmer einer Straßenumfrage für die Freizeit nutzen. In den Garten gehen, mal beim Tag der offenen Tür im Theater vorbei schauen oder einfach ausschlafen. Keiner hatte vor, heute - am 1. Mai - demonstrieren zu gehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Mai 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Mai 2019, 05:00 Uhr

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6 Kommentare

01.05.2019 19:16 Bahr Picardo 6

Der 1.Mai muss bleiben ! Das ist der Tag der Arbeiter ,wer das nicht möchte kann an dem Tag gerne im Altersheim helfen gehen . Hier macht sich wieder jemand stark für unseren armen Arbeitgeber . Wie billig …….

01.05.2019 13:47 pkeszler 5

Die Ziele des 1. Mai sind heute auf jeden Fall andere als vor 100 Jahren. Heute nutzt ihn jeder auf eine andere Art. Wer zufrieden ist mit seinen Lebensverhältnissen macht sicher einen Ausflug oder einen Verwandtenbesuch. Wer unzufrieden mit seinem Einkommen wegen der prekären Beschäftigung oder zu geringer Rente, zu hohen Mieten usw. sollte seinen Unwillen eher auf der Straße kundtun.

01.05.2019 11:39 NRW-18 4

Mit Gewerkschaften kann ich nichts anfangen, weil sie sich oft in Dinge einmischen, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören. Beispiele sind die Kimahysterie, der Einsatz für noch mehr Einwanderung sowie der Kampf gegen manche Partei. Auch die "politisch korrekte" Schreibweise in Gewerkschafts-Texten finde ich abstoßend.

Dennoch sollte der 1. Mai als Feiertag bleiben und die Gewerkschaften sollten sich auf ihre eigentlichen Aufgaben besinnen. Dann könnte man auch wieder über eine Mitgliedschaft nachdenken.
Noch einen Feiertag im gruseligen "Schietwetter-Monat" November brauche ich jedenfalls nicht.

01.05.2019 11:03 Maibär 3

Der 1. Mai hat sich über die Zeit gewandelt. Aktuell ist er (leider) immer noch: Prekäre Beschäftigung, Lohndrückerei, drohende Altersarmut, Gerechtigkeitslücke. Die große Aufgabe heutzutage für den 1. Mai ist, dies alles zeitgemäß zu integrieren! Außerdem ist der 1. Mai ja als keltischer Feiertag
älterer Herkunft. Insofern sind auch Tanz in Mai, Hexenspektakel auf dem Brocken, Maikönigin, Maifeuer u.a. Teil des Feiertags. Und letztlich alles, weswegen wir den Mai als Wonnemonat am Feiertag begrüßen.
Wenn dann einzelne unbekannte neoliberale Professoren gegen den ersten Mai, den Sozialstaat und die Errungenschaften der Arbeiterbewegung wettern, ist das ja ebenfalls eine Empfehlung.

01.05.2019 08:45 TG 2

Den Maibaum kann man schließlich auch am 9. November setzen.
Und dann die ganzen Christlichen Feiertage: das ist ja alles schon 2000 Jahre her...

01.05.2019 08:05 Bernd 1

Es stimmt so der Charakter des 1.Mai hat sich geaendert. Heute gibt es den Ausflug aber kaum noch dass jemand an einer Demo teilnimmt. Aber die Abschaffung des Feiertages waere die Aufgabe von etwas erkaempften. Und der 1.Mai ist fuer mich mehr Feiertag als ein Kindertag abseits des 1.Juni.