Ladenöffnungszeiten Kult oder Krach – Streit um den Späti

Ein Film von Daniela Posern

Spätverkaufsstellen sind längst Alltagskultur in vielen Großstädten. Doch Ladenschlussverordnungen und Sortiment-Vorschriften sowie Beschwerden von Anwohnern bringen die Betreiber in Bedrängnis. Ein Film darüber, wie es um den Spät-Shop bestellt ist.

Das "Wegebier" zum Ausgehen, die Butter fürs Sonntagsfrühstück, einen Plausch unter Nachbarn. All das gibt's in Spätverkaufsstellen in Magdeburg, Leipzig, Halle oder Berlin. Manchmal bis tief in die Nacht, manchmal rund um die Uhr. Der Späti ist Kult – er ist Treffpunkt, Rettungsanker, Verkaufsstelle und inzwischen Alltagskultur in vielen Großstädten.

Soziale Funktion, aber manchem zu laut

Spätshop in Berlin mit EC-Automat
Spätshop in Berlin mit EC-Automat Bildrechte: MDR/Lars Langer

"Der Späti hier ist mein zweites Wohnzimmer. Hier habe ich meine Ruhe, die Betreiber sind wie meine Kinder. Hier kann ich über alles reden, hier hört man mir zu", so Hannelore Schulz (79), Stammkundin im "Shop am Hassel" in Magdeburg.

Der Begriff "Späti" wurde 2017 in den Duden aufgenommen. Dabei ist er eine Erfindung der DDR. Damals haben die Läden die Nachtschichtarbeiter oder berufstätigen Frauen versorgt. Meistens waren es normale Lebensmittel-Verkaufsstellen von HO oder Konsum mit abweichenden Öffnungszeiten – manchmal als Frühverkauf oder eben als Spätverkauf. Doch nun geht es dem Späti an den Kragen. Grund sind das Ladenschluss-Gesetz und Beschwerden von Anwohnern über das laute Partyvolk.

Exakt die Story Spät-Shops in Mitteldeutschland

Sowohl im ländlichen Raum als auch im Stadtbild versorgen Spätis Menschen mit Lebensmitteln und Artikeln. Doch immer wieder werden die Öffnungszeiten hinterfragt und insbesondere in größeren Städten Lärm kritisiert.

Regale mit alkoholischen Getränken
Das Alkoholangebot in einigen Spätshops übertrifft das von so manchem kleineren Supermarkt. Bildrechte: MDR/Lars Langer
Regale mit alkoholischen Getränken
Das Alkoholangebot in einigen Spätshops übertrifft das von so manchem kleineren Supermarkt. Bildrechte: MDR/Lars Langer
Spätshop von außen
Ein Späti in Dresden mit Sitzgelegenheit Bildrechte: MDR/Lars Langer
Spätshop von außen
Dieser Laden in Berlin verfügt sogar über einen Geldautomat im Außenbereich. Bildrechte: MDR/Lars Langer
Auslage in einemLaden mit Lebensmitteln
In dem kleinen Ort Eismannsdorf im südlichen Sachsen-Anhalt gibt es noch die Möglichkeit Einzukaufen und das sogar bis 20 Uhr, montags sogar bis 21 Uhr. Bildrechte: MDR/Daniela Posern
Süßwaren in einem Geschäft
Die Öffnungszeiten eines Spätshops auf einem Dorf: Die Erfindung aus der DDR richtete sich ursprünglich an die Nachtschichtarbeiter oder berufstätigen Frauen. Bildrechte: MDR/Daniela Posern
Aufkleber mit Öffnungszeiten
Am zentralen Hasselbachplatz in Magdeburg haben die Spätis zum Teil bis 4 Uhr früh auf. Bildrechte: MDR/Daniela Posern
Schild mit Öffnungszeiten
Die Diskussion um Ladenöffnungszeiten bringt viele Betreiber in Bedrängnis. Bildrechte: MDR/Daniela Posern
Getränkeangebot in einem Spätshop
Verdursten wird bei dem Angebot keiner. Bildrechte: MDR/Lars Langer
Verkaufsregale in einem kleinen Laden
Die Gesetzgebung für Ladenöffnungszeiten ist Ländersache: In Magdeburg oder Leipzig dürfen Spätis sonntags noch öffnen, in Berlin nicht mehr. Bildrechte: MDR/Daniela Posern
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Gesetzgebung ist Ländersache

Gerade die Diskussion um Ladenöffnungszeiten bringt viele Betreiber in Bedrängnis. Die Gesetzgebung ist Ländersache: In Magdeburg oder Leipzig dürfen Spätis sonntags noch öffnen, in Berlin nicht mehr. Für Tuncer Karabulut in seinem Späti im Prenzlauer Berg geht das an die Existenz. Die meisten seiner Kunden kennt er beim Namen.

Auch er hat regelmäßig Stress mit den Ordnungshütern und ist deshalb im Berliner Verein "Späti e.V." Mitglied. "Mein letztes Bußgeld wegen der Sonntagsöffnung zahle ich bis heute in Raten ab", klagt Karabulut. "Der Sonntag ist der umsatzstärkste Tag, ohne den kann ich nicht überleben. Damit ich öffnen darf, habe ich jetzt Souvenirs im Angebot, die kaum jemand kauft. Dafür keine Butter und keine Eier mehr. Viele Kunden verstehen das nicht."

Spätshops als Orte der alltäglichen Hilfe

"Exakt - Die Story“ zeigt, welche teils absurden Blüten der Gesetzes-Wirrwarr aus Ladenschlussverordnung und Sortiment-Vorschriften treibt und was sich die Späti-Betreiber alles einfallen lassen, um legal ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Außerdem besucht das MDR-Team im Saalekreis den einzigen Späti-Kiosk auf dem Land in Sachsen-Anhalt, einen umgebauten Rummel-Wagen im winzigen Örtchen Eismannsdorf.

Symbolbild zum Thema Öffnungszeiten der Spätshops in der Neustadt in Dresden.
Bildrechte: imago/Sven Ellger

In Magdeburg begleitet die Autorin das Ordnungsamt auf Streife am Hasselbachplatz, wo es gleich mehrere Spätis gibt. Zu viel Partyvolk und nächtliche Randale für manchen Anwohner. Dabei haben die Läden soziologisch gesehen große Bedeutung. "Spätshops sind Orte, wo 'alltägliche Hilfe' stattfindet. Jene nicht-professionelle Hilfe, die für Menschen wichtig ist, denen ein soziales Netzwerk fehlt", so Dr. Annett Kupfer, Sozialpädagogin an der TU Dresden.

Wie wichtig sind die Spätis für den nachbarschaftlichen Austausch? Brauchen wir die Spätshops für eine lebendige Kiez-Kultur? Und inwieweit lohnt es sich, für die Spätis zu kämpfen? Antworten geben Soziologen, Juristen und Kommunal-Politiker sowie Spätshop-Betreiber und -kunden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt – Die Story | 12. Februar 2020 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2020, 12:21 Uhr

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