Opfer-Stalking Rechte Netzwerke drohen Hinterbliebenen von Attentaten

Der Kameramann, der zufällig den Attentäter von Halle filmte, oder Hinterbliebene der Opfer des Anschlags von München – sie wurden und werden im Netz beschimpft, verhöhnt und bedroht. Mutmaßlich aus dem rechten Umfeld der Täter. Weil diese nur schwer ausfindig gemacht werden können, laufen die Ermittlungen häufig ins Nichts.

Ein Mensch mit Kauputze sitzt in inem Raum vor dem Computer
Am 9. Oktober versuchte der Rechtsextreme Stephan B. ein Massaker in dem jüdischen Gotteshaus in Halle anzurichten. Das virtuelle Umfeld des Angeklagten bedroht nun Opfer, Zeugen und Hinterbliebene. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 9. Oktober 2019 versucht Stephan B. in die Synagoge in Halle einzudringen, um dort ein Massaker anzurichten. Nur die verschlossene Tür verhindert Schlimmeres. Anschließend erschießt er wahllos Jana L. und Kevin S. in einem Döner-Imbiss.

Kristin Pietrzyk
Kristin Pietrzyk sieht noch Aufklärungsbedarf: Die Unterstützerszene des Halle-Attentäters müsse aufgedeckt werden, fordert sie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Tat überträgt Stephan B. per Kamera live für seine Unterstützerszene ins Netz. Wer genau ist das? Hier sehen die Anwälte der Nebenklage Aufklärungsbedarf.

"Es gibt offensichtlich eine Community dahinter. Menschen, die dort sitzen und seine Ideologie teilen. Die ihm möglicherweise zu dieser Tat zugeraten und ihn möglicherweise auch unterstützt haben, sowohl ideologisch, als auch mit Geld", sagt Kristin Pietrzyk, Rechtsanwältin der Nebenklage.

Digitales Umfeld des Attentäters unbekannt

Im Prozess zeigt sich: Die Behörden haben das Unterstützerumfeld des Attentäters nicht ermittelt. Bis heute ist nicht bekannt, mit wem B. sich in internationalen Chaträumen austauschte und vernetzte.  

Der Kameramann Andreas Splett filmte zufällig, wie Stephan B. auf die Polizei in Halle schoss. Nach dem Attentat spricht er sich öffentlich gegen die Gesinnung des Attentäters aus und wird dadurch selbst zum Ziel. Seit dem Anschlag ist der Kameramann traumatisiert, kann nicht mehr arbeiten und leidet unter Schlafstörungen.

Die rechte Unterstützerszene des Attentäters überschüttet ihn mit Hasspostings. Auch seine Firmenhomepage wird immer wieder von Hackern angegriffen.

Andreas Splett
Der Kameramann Andreas Splett hat den Halle-Attentäter Stephan B. gefilmt. Die rechte Szene im Netz wünscht ihm dafür den Tod. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zeugen erhalten Morddrohungen

Seit dem Anschlag sei er im Netz rund zehntausend Mal attackiert worden. "Die üblichen Posts waren, dass ich für den Anschlag mit verantwortlich gemacht werde, ich hätte die Straße abgesperrt mit Hilfe verschiedener Geheimdienste, ich wäre Mitarbeiter des Geheimdienstes Mossad und so weiter und so fort", sagt Splett.  

Die Bedrohungen steigern sich – bis hin zu Morddrohungen und stilisierten Todesanzeigen von Andreas Splett, die online auftauchen. Und es werden Verschwörungstheorien verbreitet, die behaupten, Splett wäre bei mehreren Attentaten und Anschlägen beteiligt gewesen, etwa in Nizza.

Ich hoffe ja immer noch, dass ich diese Leute vor Gericht treffe. Dass sie sich dann zu verantworten haben für den Schwachsinn, den sie verbreiten.

Andreas Splett, Kameramann

Die Täter können nicht ermittelt werden

Ein Großteil der Ermittlungen wurde mittlerweile eingestellt, da die Behörden die Täter aus dem Netz nicht ermittelt konnten. Die virtuelle Jagd gegen Andreas Splett geht dagegen weiter.  

Die Täter und ihre Unterstützer radikalisieren und vernetzen sich zu Tausenden online. Täglich bestärken sie sich in ihrem Hass und suchen sich neue Opfer. Nicht nur in Halle gab es Folgestraftaten aus dem Unterstützerumfeld, sondern auch beim rechtsextremen Attentat von München.

Retraumatisierung bei Hinterbliebenen

An einem McDonalds-Restaurant am Münchner Olympia Einkaufszentrum erschießt David S. im Juli 2016 insgesamt neun Menschen mit Migrationshintergrund. Dann tötet er sich selbst. Auch hier radikalisierte sich der Täter in rechten Online-Communities.   

Nach der Tat erhalten Hinterbliebene Nachrichten, die zunächst harmlos scheinen. Die Anwältin einiger Opferfamilien, Claudia Neher, berichtet erstmals von der digitalen Verfolgung der Hinterbliebenen.

Einige Familien etwa sollen einen Link bekommen habe, der nur scheinbar zu einem Gewinnspiel führen sollte, sagt Neher. Wer dem Link folgte, wurde direkt zu einem virtuellen Nachbau der Attentats-Szenerie von München geleitet. Ein Video, das die Betrachter direkt an den Ort des Geschehens gebracht habe: Den McDonald's, an dem die Schießerei von David S. nachgespielt wurde. Das habe zu einer erheblichen Retraumatisierung bei den Hinterbliebenen geführt, weiß die Anwältin.

Attentate als virtuelle Spiele

Hasan und Sibyl Leyla, die Eltern des ermordeten 14-jährigen Can, können bis heute – auch aufgrund der ständigen digitalen Verhöhnung durch die rechte virtuelle Szene – die Ermordung ihres Sohns nicht verarbeiten.  

Rechtsextremer Terror in Deutschland ist eine aktuelle Gefahr. Wir sehen ja, wie viel nach uns in Deutschland passiert ist.

Sibel Leyla, Hinterbliebene

Immer wieder tauchen Videos auf, in denen Opfer verhöhnt werden. Besonders beliebt in der rechten Online-Szene ist es, die Attentate als virtuelle Spiele oder Videos wieder erlebbar zu machen. Oft werden diese verherrlichenden Inhalte gezielt an Angehörige verschickt, so wie im Falle einiger Hinterbliebenen von München – zum Beispiel bei Benet.

Er ist der einzige Überlebende einer Jugendclique, deren Mitglieder bei dem Attentat in München ermordet wurden. Die Schüsse gingen durch seinen Oberkiefer und seine Lunge. Er überlebte nur knapp. Als "absoluter Insider" sei das Opfer gestalkt worden, sagt Neher. Online wurde verbreitet, dass Benets Grab noch fehle.

Ein Ausschnitt aus einem Ego-Shooter-Spiel
Skrupellos und voller Hohn: In der rechten Online-Szene werden Attentate als virtuelle Spiele nachgestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Attentäter radikalisieren sich im Netz

Aus der Unterstützerszene der Attentäter heraus werden etliche Straftaten begangen: Drohungen, Stalking, digitales Mobbing oder Aufrufe zu Morden. In diesem Milieu radikalisieren sich die Attentäter – in München ebenso wie in Halle. Einige Politiker haben das Problem erkannt.

Christoph Bernstiel aus Halle zum Beispiel. Er war während des Anschlags in der Nähe der Tatorte. Der Extremismus-Berichterstatter der CDU-Bundestagsfraktion sieht jenseits der Bestrafung des Täters weiteren Handlungsbedarf: "Als jemand, der den Anschlag live miterlebt hat und auch einige der Opfer kennt, hoffe ich natürlich, dass der Täter nie wieder das Tageslicht sehen wird."

Christoph Bernstiel
Der Bundestagsabgeordnete Christoph Bernstiel fordert weitere Aufklärung. Er sagt: Der Selbstradikalisierung im Internet müsse strikt entgegengewirkt werden. Bildrechte: dpa

Die Aufklärung des Attentats sei damit noch lange nicht abgeschlossen. Insbesondere die Frage der Selbstradikalisierung im Internet müsse noch eine zentrale Rolle spielen, sagt Bernstiel. Es müsse geklärt werden, wer den Täter unterstützt hat, in welchen Communitys er noch unterwegs gewesen sei.

Gibt es vielleicht Unterstützer, die sogar noch aktiv sind und in Zukunft dazu beitragen werden, dass sich andere Täter im Internet radikalisieren?

Christoph Bernstiel, CDU-Bundestagsfraktion

"Ich finde, diese Fragen müssen zwingend beantwortet werden. Das sind wir nicht nur den Opfern des Anschlags in Halle und im Saalekreis schuldig", sagt Bernstiel – auch mögliche weitere Opfer könnten so verhindert werden.

Am 21.12.2020 wird das Urteil gegen Stephan B. gefällt. Doch seine digitalen Unterstützer standen nicht vor Gericht. Sie bleiben weiter unbehelligt.

Mehr Infos zum Halle-Prozess

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 15. Dezember 2020 | 20:15 Uhr

13 Kommentare

Eulenspiegel vor 9 Wochen

Hallo Brigitte Schmidt
Hier wurden Zeugen des Prozesses auf Grund weil sie in diesem Prozess als Zeugen auftreten massiv bedroht. Und sie versuchen hier mit den Begriff „Polemik“ das ganze zu relativieren und zu verharmlosen.
Ich denke ihr Kommentar zeigt klar und deutlich wessen geistiges Kind sie sind.

Eulenspiegel vor 9 Wochen

Hallo faultier
„Schuld an allem hat die Afd“
Was spinnen sie sich da für einen Blödsinn zusammen.
Ich zitiere den Mediator:
„Diejenigen die Menschen im Netz drohen sind vom gleichen Kaliber wie der verurteilte Rechtsterrorist von Halle.“
Und ich schreibe dazu:
Die Tatsache das da Zeugen des Prozesses bedroht werden beweist doch das es da um keinen wirklichen Einzeltäter handeln kann. Und die AfD ist in soweit mitverantwortlich in dem sie seit Jahren versucht diese Suppe aus dem gleichen ideologischen Suppentopf gesellschaftsfähig zu machen.

faultier vor 10 Wochen

Ermüdent ihre Ausführungen immer das gleiche ,Schuld an allem hat die AFd lassen sie sich mal was neues einfallen. Und jetzt zum Thema ,Natürlich sind solche Taten zu verfolgen verstehe bloss nicht warum Polizei und ihre Spezialdienste diesen Leuten nicht auf die Schliche kommen ,so etwas hinterlässt im Netz immer eine Spur .