Arbeitsrecht "Netto"-Mitarbeiter beklagen unbezahlte Überstunden

Supermarktmitarbeiter gelten als Helden in der Coronakrise. Auch Bundeskanzlerin Merkel hat sich für deren Einsatz bedankt. Mitarbeiter von "Netto" beklagen nun, Mehrarbeit werde von ihnen erwartet - aber nicht vergütet.

Ein Kunde zahlt an der Kasse eines Supremarkes mit Bargeld
"Netto"-Mitarbeiter berichten "FAKT" von prekären Arbeitsverhältnissen. Bildrechte: dpa

Der Discounter "Netto" zeigte sich im Ostergeschäft besonders kundenfreundlich und bot in vielen Filialen verlängerte Öffnungszeiten an. "FAKT" liegt ein internes Schreiben an die Mitarbeiter vor, welches zeigt, dass die Verkäufer und Kassierer dafür in die Bringpflicht genommen wurden. "Die zusätzlichen Stunden müssen durch Änderung der Arbeitsabläufe vollständig kompensiert werden", heißt es darin.

"Immer mehr leisten in kürzerer Zeit"

Zwei langjährige "Netto"-Verkäufer berichten "FAKT" im Schutz der Anonymität, dass dies kein Sonderfall gewesen sei. Seit Jahren sei Personal abgebaut worden, viele Mitarbeiter hätten zudem das Unternehmen verlassen. Damit habe sich die Arbeitssituation in den vergangenen Jahren immer mehr zugespitzt. "Unter dem Aspekt, dass man immer mehr leisten muss in kürzerer Zeit, geht man gesundheitlich kaputt", erklärt einer der beiden "Netto"-Verkäufer.

Vorwurf von Mitarbeitern: Netto mache auch aus Kollegialität im Team Gewinn

Auch im Ostergeschäft waren viele Märkte länger geöffnet, ohne dass zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung gestanden hätten. Mitarbeiter leisten unbezahlte Mehrarbeit, um sich auch gegenseitig zu helfen. "Und das weiß Netto. Dass die sich gegenseitig unterstützen. Deswegen nutzt es Netto aus, dass die Mitarbeiter sich verstehen", schildert einer der "Netto"-Verkäufer die Arbeitssituation im Team. Die Frühschicht wolle der Spätschicht keine Arbeit liegenlassen – und umgekehrt. "Und da kommt es zu den sogenannten Graustunden, die nicht geschrieben werden", kritisiert einer der "Netto"-Mitarbeiter gegenüber "FAKT".

Gewerkschafter spricht von "Schwarzarbeit"

Thomas Schneider
Gewerkschafter Thomas Schneider Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Thomas Schneider von der Gewerkschaft Verdi kennt die Arbeitsbedingungen bei "Netto". In anonymen Schreiben haben sich viele Mitarbeiter bei ihm bereits beschwert. Die unbezahlte Mehrarbeit der Mitarbeiter in den Filialen von "Netto" hält der Gewerkschafter sogar für strafbar. Weil der Mitarbeiter ohne Geld arbeite, käme das Schwarzarbeit gleich. Für die nicht bezahlten Stunden gehen dem Staat Sozialabgaben verloren. "Der Arbeitgeber zahlt kein Geld und damit macht er sich im Grunde genommen auch irgendwo strafbar", so Thomas Schneider. Und die Krux sei, dass die Mitarbeiter diese Praxis so auch noch unterstützen würden.

Arbeitsrechtlerin wirft "Netto" vor, "die Abhängigkeit von Beschäftigten auszunutzen"

Arbeitsrechtlerin Katja Nebe
Arbeitsrechtlerin Katja Nebe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Arbeitsrechtlerin Katja Nebe von der Universität Halle hält die von den Mitarbeitern beschriebene Praxis für juristisch fragwürdig. Die im Tarifvertrag oder im konkreten Arbeitsvertrag verankerten Rechte der Arbeitnehmer würden missachtet, wenn für geleistete Arbeit kein Lohn gezahlt würde. Die finanzielle Abhängigkeit der Mitarbeiter würde bewusst ausgenutzt, wenn das Unternehmen erwarte, dass aus Loyalität zum Unternehmen auf Entgeltzahlungen verzichtet werde.

Geringfügig Beschäftigte erhalten keinen Tariflohn

Der Discounter "Netto" ist ein tarifgebundenes Unternehmen. "FAKT"  liegt ein Arbeitsvertrag aus dem letzten Jahr vor, der belegt, dass geringfügig Beschäftigte wie Rentner, Schüler oder Studenten den damaligen gesetzlichen Mindestlohn von 9,19 Euro brutto bekamen. Der Tariflohn lag bei 12,31 Euro.

Allein in den 800 Netto-Filialen, welche der Gewerkschafter Schneider betreut, "spart" das Unternehmen nach seiner Schätzung so bei rund 4.000 Beschäftigten in geringfügiger Arbeit über 7,5 Millionen Euro an Personalkosten. Und das  "zu Lasten der Beschäftigten und aus meiner Sicht auch zu Lasten des Sozialstaates", betont der Verdi-Gewerkschafter.

"Netto" weist Vorwürfe schriftlich zurück

Vor der Kamera wollte sich niemand von Netto äußern. Schriftlich wurde "FAKT" mitgeteilt, dass das Unternehmen "den pauschalen Vorwurf von unbezahlten Mehrstunden" zurückweist. "In unserem Unternehmen besteht die eindeutige Vorgabe, jede geleistete und abgesprochene Arbeitsstunde aufzuschreiben, ordnungsgemäß zu erfassen und zu bezahlen bzw. auszugleichen", erklärt "Netto" in dem Schreiben. Auch betonte der Discounter, rechtliche Vorgaben der jeweils örtlich relevanten unterschiedlichen Tarifverträge im Einzelhandel zu beachten.

Die "Netto"-Mitarbeiter, mit denen "FAKT" gesprochen hat, würden begrüßen, wenn sie ihre Überstunden auch bezahlt bekämen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 28. April 2020 | 21:45 Uhr