Faktencheck Wie wichtig ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen?

Die tägliche Zahl der Corona-Neuinfektionen, sie bestimmt unseren Alltag seit Beginn der Pandemie. Das Robert Koch-Institut gibt sie täglich heraus und sie bilden auch eine der Grundlagen, auf denen die Politik über die Corona-Maßnahmen entscheidet. Gerade von Gegnern dieser Maßnahmen kommt aber immer wieder die Kritik, dass diese Zahlen irreführend seien. MDR AKTUELL hat sich deshalb die Zahlen genauer angeschaut.

Coronatest werden an Menschen durchgeführt.
Ein wichtiger Parameter für Hygienemaßnahmen und doch nur eine Momentaufnahme: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Sie wüsste nicht, was am Begriff der Neuinfektionen irreführend sein sollte, sagt die kommissarische Leiterin des Instituts für Virologie am Leipziger Uniklinikum, Corinna Pietsch. Was damit gemeint ist, sei eigentlich eindeutig, meint Pietsch.

Neuinfizierte Personen sind tatsächlich diejenigen, bei denen vorher noch keine Infektion bekannt gewesen ist.

Corinna Pietsch Institut für Virologie am Leipziger Uniklinikum

Pietsch zufolge könnte man auch schon ein bisschen länger infiziert gewesen sein. "Aber dann wurde erstmals ein Test gemacht, wo man auch die Infektion tatsächlich nachgewiesen hat."

Suche nach Corona-Vorbefunden

Bei jedem positiven Test werde zudem noch überprüft, ob bei diesem Menschen schon einmal ein positiver Test gemacht wurde, sagt Nina Beikert, Geschäftsführerin des "Labor Berlin", das unter anderem für die Charité testet: "Und das tun die Gesundheitsämter auch noch ebenso, falls ein Vorbefund von einem anderen Labor gemeldet wurde." Die vom RKI veröffentlichte Zahl der Neuinfektionen bildeten das genau so ab.

Dabei handele es sich um echte Neuinfektionen, also vorher nicht bekannte Infektionen. Und nicht um die Zahl der positiven Tests, die naturgemäß deutlich höher liege, erklärt Beikert: "Das liegt daran, dass wir auch Patienten im Verlauf ihrer Erkrankung mehrfach testen, also zum Beispiel, wenn sie auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Dann haben wir einen positiven Test, aber keine Neuinfektion."

Ein solcher Test findet sich in der Zahl der Neuinfektionen, die das RKI meldet, natürlich nicht wieder.

Nina Beikert Labor Berlin

Die verwendeten PCR-Tests seien sehr zuverlässig, sagt Virologin Pietsch. "Das heißt, die Proben, die wir dann als positiv bewerten, die sind auch zu annähernd 100 Prozent auch echt positiv."

Infiziert nicht gleich infektiös

Wer infiziert ist, das Virus also in sich trägt, der ist aber nicht unbedingt infektiös, also ansteckend für andere Menschen, sagt Pietsch: "Infektiös ist man in der Regel eben erst später, wenn man selber wieder viel Virus im Rachen produziert hat in seinen Zellen und das dann weitergeben kann."

Diese Infektiosität, die höre dann aber auch irgendwann wieder auf, wenn man das Virus dann bekämpft hat. Dann nähme die Menge an Virus im Rachenraum wieder ab. Das heißt: Unter den täglichen Neuinfektionen können demnach auch Menschen sein, die noch nicht oder nicht mehr ansteckend sind, bestätigt auch das Robert Koch-Institut auf Anfrage von MDR AKTUELL.

"Immer nur eine Momentaufnahme"

Wie viele das sind, sei aber kaum zu erheben, sagt Pietsch. Das werde höchstens in Krankenhäusern erhoben, beispielsweise wenn es darum gehe, ob man einen Patienten schon verlegen könne.

Das Verfahren sei aber sehr aufwändig und dauere mindestens eine Woche. Deshalb meint Pietsch, sei es nicht zielführend, das irgendwie anzuwenden. "Sondern sich auf diese Neuinfektionen zu beziehen und im Hinterkopf aber durchaus zu wissen, dass das immer nur eine Momentaufnahme ist."

Mehr Daten notwendig

Die Neuinfektionen seien ein wichtiger Parameter, um die Pandemie zu bewerten und Maßnahmen gegen Corona zu treffen, sagt der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Es brauche aber noch mehr Daten. "Ein wesentlicher Punkt für uns ist aber nicht nur, wie viele Leute sind infiziert, sondern wie viele Menschen werden überhaupt krank, welche Personen sind krank, welche Berufsgruppen sind betroffen, wo treten die Infektionen auf?"

Er wünsche sich, sagt Krause, dass neben der bloßen Zahl der Neuinfektionen, auch solche Parameter stärker in die politischen Entscheidungen einbezogen würden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Dezember 2020 | 05:00 Uhr

79 Kommentare

Ritter Runkel vor 6 Wochen

Es steht zu befürchten, dass uns selbst eine Impfung nicht hinter die ins Autoritäre und in die Totale gerückten Verhaltensregeln zurückführen wird. Denn in Umfragen werden sie stets von einer Mehrheit goutiert, fordert eine nicht unbeträchtliche Minderheit sogar ihre Verschärfung. Wer noch abweicht, wird geächtet. Dabei warnte schon Hannah Arendt, dass „massenhafte Übereinstimmung […] nicht das Ergebnis einer Übereinkunft, sondern ein Ausdruck von Fanatismus und Hysterie“ ist.
Begleitet werden die exekutiven Exzesse von einem besorgniserregenden Neusprech in Politik und Medien, in der die Maske „als Instrument der Freiheit“ und die Inzidenzziffer „als Mutter aller Zahlen“ gilt und in Zeitungen geschichtsvergessene Slogans wie „Leid lehrt Disziplin“, „nationale Kraftanstrengung“ und „Disziplin ist Freiheit“ zu lesen sind. Mit Worten wird so eine Wirklichkeit geschaffen, die der Dystopie Murays gefährlich nahekommt.

Ritter Runkel vor 6 Wochen

Dabei ist nicht weniger als eine Zäsur zu konstatieren, die das sich dem Ende neigende Jahr markiert: Die offene Gesellschaft steht unter Pandemievorbehalt. Wenn Corona der von der Politik ausgerufene Charaktertest für unsere Gesellschaft ist, dann legt er offen, dass der Mehrheit der Deutschen ihre Vorräte an Toilettenpapier und Konserven wichtiger sind als ihre Grundrechte.

Ritter Runkel vor 6 Wochen

„Das Reich des Guten“ lautet der Titel eines Buches von Philippe Muray, das im Frühjahr dieses Jahres erstmals in deutscher Übersetzung erschien. Anfang der 1990er-Jahre hatte der französische Philosoph darin eine Dystopie entworfen, die der Lage unseres Landes am Ende dieses Annus Horribilis ähnlich ist, wenn Muray beschreibt, was das „Reich des Guten“ charakterisiert: Bürokratie, Denunzierung, die Ausschaltung des Kritikvermögens, „die obszöne Dressur der Massen“ und „die Uniformierung der Lebensweisen“.
In Murays „Reich“ ist man ausschließlich einer Sache verpflichtet: dem „Guten“. Menschliche Leidenschaften oder gar Exzesse gelten als verpönt, der Gesundheit allein hat sich alles unterzuordnen. „Die zeitgenössische Hölle ist mit wohlmeinenden Ergebenheiten gepflastert“, hieß es bei Muray schon vor 30 Jahren.