Faktencheck Schadet CO2-Kompensation mehr als sie nützt?

Wer mit dem Flugzeug reist und sich trotzdem um die Umwelt sorgt, der versucht sein Gewissen sauber zu kaufen. Mit einem Zertifikat für kompensierte Treibhausgase. Man bezahlt für seinen erhöhten CO2-Ausstoß und das Geld fließt in Klimaprojekte. Für diese Praxis der CO2-Kompensation hat nun Klimaaktivistin Greta Thunberg deutliche Worte gefunden. In einem Tweet sprach sie vom "Klimakompensations-Bluff (…) der höchstwahrscheinlich in den meisten Fällen mehr schadet als nützt". Stimmt das?

von Jessica Brautzsch, MDR AKTUELL

Ein Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Frankfurt a.M.
2,5 Prozent der weltweit vom Menschen verursachten CO2-Emissionen entstanden 2018 durch die kommerzielle Luftfahrt. Bildrechte: imago

Im günstigsten Fall ist die CO2-Kompensation beziehungsweise das sogenannte CO2-Offsetting bei Flugreisen ein Nullsummenspiel, sagt Frank Wolke, Fachgebietsleiter für nationale und internationale Klimaschutzprojekte im Umweltbundesamt:

"Die Kompensation führt einerseits dazu, dass die eigenen Emissionen durch Einsparungen an anderem Orte ausgeglichen werden. Dadurch wird die eigene Klimabilanz bestenfalls auf null runtergefahren, was erst mal gut fürs Klima ist."

"Bestenfalls" – schlimmstenfalls kommen tatsächlich klimaschädliche Effekte dazu. Etwa, wenn sich Privatpersonen und Unternehmen auf der Kompensation ausruhen, sagt Martin Carmes, Leiter im Bereich Energie und Klimaschutz der privaten Forschungseinrichtung "Öko-Institut" in Berlin. "Wir sprechen im Grunde von einem Rebound-Effekt als Wissenschaftler. Heißt, es führt dazu, dass man sagt, 'okay, ich brauch mir keine Sorgen machen, das wird ja alles neutralisiert'."

Moderner Ablasshandel

Von Ablasshandel ist die Rede, nach der mittelalterlichen Idee sich von seinen Sünden freizukaufen. Allerdings widerspricht der Kassler Wirtschaftswissenschaftler Andreas Ziegler in mehreren auf Umfragen basierenden Untersuchungen diesem Vorwurf: Das sogenannte CO2-Offsetting verdränge keineswegs andere Klimaschutzaktivitäten bei Privatpersonen.

Anders sieht es bei Unternehmen aus. Der globale Luftverkehr etwa arbeite nicht genug an nachhaltigen technischen Alternativen und ruhe sich auf Kompensationen aus, sagt Stefan Gössling, Universitätsprofessor für Servicemanagement im schwedischen Lund: Die Flugbranche wolle ihre Emissionen reduzieren, indem sie großflächig auf "Offset-Projekte" setze.

Solche Projekte sind in erster Linie Waldprojekte. Doch die Wissenschaftler warnen davor, Forst-Projekte mit CO2-Kompensationen zu unterstützen. Für aufgeforstete Wälder gebe es keine Garantie, dass sie nicht später doch gerodet würden.

Vermeiden und substituieren

Wälder, die geschützt werden, helfen wiederum gar nicht. Denn was schon da ist, kann keine zusätzlichen CO2-Emissionen ausgleichen. Und im schlimmsten Fall wird 200 Kilometer weiter der nächste Wald gefällt.

Frank Wolke vom Umweltbundesamt rät, sich vorab zu informieren, wofür die Kompensationszahlungen genutzt werden. Es sollten Anbieter ausgesucht werden, die transparent machen, um welche Projekte es sich handelt und wie diese überprüft werden. Auch, welche Projektart unterstützt wird, müsse transparent sein. Wichtig sei dabei immer, dass diese "zusätzlich" erfolgten. Das bedeutet, es sollten mit den Kompensationszahlungen nur solche Projekte finanziert werden, die ohne diesen Beitrag nicht durchgeführt würden.

Damit die CO2-Kompensation aber tatsächlich einen positiven Effekt auf das Klima hat, rät Martin Carmes vom "Öko-Institut" Folgendes:

"Wichtig ist beim Kompensieren erst mal, dass man vermeidet. Dann substituiert – das heißt durch Transportmittel ersetzt. Im konkreten Fall bei Flügen. Und nur wenn sich beide anderen Schritte nicht realisieren lassen, dann tatsächlich die Kompensation nutzt."

Kurz: Ob CO2-Kompensationen nutzen oder schaden – hängt ganz von unserem Verhalten ab.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Januar 2020 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2020, 05:00 Uhr

5 Kommentare

Kritiker vor 7 Wochen

Ich möchte meine Fragestellung von vor einigen Stunden wiederholen: Ein Land kann das Klima nicht retten. Eine Kompensation ebenfalls nicht und dazu führte ich eine Quelle an die aus der Wissenschaft kommt das es mehr auf ganz andere Gründe zurück zu führen ist. Dies wollte man wohl nicht den Bürgern, oder hier im Kommentarbereich nahe bringen. Sollen die Erkenntnisse der Wissenschaft im Bezug darauf, welche ganz andere Gründe anführt (unter Anderem) warum dieses Klima so wird wie es ist und in Zukunft werden wird, für höfflich ausgedrückt: unbegründbar oder gar verlogen hingestellt werden. In der von mir angeführte Quelle vom 01.12.2000 aus der Wissenschaft kann das nachgelesen werden.Sollte es so sein dann bekommt diese Klimapolitik samt der entsprechenden Kompensationsabgaben der Bürger eine ganz andere Bedeutung! Schließt sich die Frage an: Ist diese Geldeinnahme nur für D oder für jedes andere Land dieser Welt verbindlich? Bekanntlich enden Klimaprobleme nicht an Landesgrenzen!

FMH vor 7 Wochen

Es ist nichts weiter, als sich in die eigene Tasche zu lügen. Egal wie viel ich als Kompensation zahle, die erzeugten Emissionen bleiben die gleichen. Einziger Effekt ist eine Verteuerung, die dazu führt, das die Wohlhabenderen einen Freibrief bzgl. Klimaschutz haben und der Normalverdiener glaubt, durch Verzicht die Welt zu retten. Außerhalb Mitteleuropas interessiert dieses Thema eh kaum jemand. Ein Großteil der Weltbevölkerung möchte erst mal unsere Lebensqualität erreichen. Diese Menschen kann man nicht zum Verzicht bewegen. Das gelingt nicht mal im eigenen Land. Wer verzichtet denn tatsächlich auf den hohen Lebensstandart? Es soll doch alles so bleiben wie es ist, bloß klimaneutral. Schöne Träume, getrieben vom mainstream!

Kritiker vor 7 Wochen

Wie viel Kubik-Tonnen CO2 bringen nun die Waldbrände in Australien in die Umwelt? Wie viel die restlichen Brände ganzer Landstriche dieses Planeten?