Faktencheck Schutz durch Maske-Tragen nachgewiesen?

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat vor kurzem für Verwirrung gesorgt, als er sagte, er sei vom Mund-Nasenschutz nicht überzeugt, weil es keine wissenschaftliche Evidenz gebe, dass er tatsächlich hilfreich sei. Mittlerweile ist Reinhardt wieder zurückgerudert und spricht sich für das Tragen von Masken aus. Warum ist es schwierig, eine Wirkung nachzuweisen, und warum wird das Maske-Tragen trotzdem empfohlen?

Eine Frau mit Behelfs- Mund und Nasenmaske in der Innenstadt von Jena.
Da das SARS-CoV-2 noch relativ neu ist, gibt es noch nicht so viele Studie zur Wirksamkeit von Schutzmasken. Bildrechte: imago images/MedienServiceMüller

Wissenschaftliche Evidenz in der Medizin bedeutet, dass Wirkung oder Nutzen einer Maßnahme empirisch nachgewiesen ist. Und die gibt es tatsächlich für die Wirksamkeit von Alltagsmasken noch nicht. Prof. Uwe Siebert ist Mitglied des Kompetenznetzes "Public Health COVID-19" in Österreich. Im Mai hatte das Netzwerk eine erste systematische, weltweite Recherche zur Wirksamkeit von Gesichtsmasken durchgeführt.

Uwe Siebert erklärt: "Das Fazit war, dass die Evidenzlage zum Tragen von Gesichtsmasken zum damaligen Zeitpunkt unzureichend war." Eine belastbarere Aussage kann er nicht treffen. Allerdings prüft das Netzwerk derzeit aktuellere Studien.

Wenige Studien

Weiteren Forschungsbedarf sieht auch das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Hier arbeitet Prof. Hajo Zeeb als Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation. Ein Problem bei den  Studien liegt darin, dass SARS-CoV-2 noch relativ neu ist. So erklärt Hajo Zeeb: "Speziell für das Coronavirus, das ein bisschen spezieller ist als das Influenzavirus, da gibt es gar nicht so viele Studien."

Es werde deswegen einiges aus vergleichbaren Studien abgeleitet. Diese treffen aber nicht genau auf die aktuelle Situation, sagt Hajo Zeeb. Die wenigen Studien, die es gebe, seien sehr unterschiedlich.

Wirksamkeit nur schwer nachzuweisen

Ein anderes Problem sind die unterschiedlichen Fragestellungen und Methoden der verschiedenen Studien. So beschäftigen sich nur wenige Studien ausschließlich mit der Wirksamkeit von Alltagsmasken. Meistens wird deren Schutzwirkung in Kombination mit anderen Maßnahmen wie Schulschließung oder Abstand halten betrachtet.

Außerdem ist es schwierig, die Wirksamkeit von Alltagsmasken in der Bevölkerung tatsächlich empirisch nachzuweisen. Etwa mit randomisierten kontrollierten Studien, kurz RCTs. Sie gelten als der Goldstandard in der Wissenschaft. Dabei erhält ein Teil der Probanden nach dem Zufallsprinzip eine bestimmte Therapie. Der andere Teil, ohne es zu wissen, nicht.

Kontrollgruppe ohne Maske schwer denkbar

Diese Probanden sind die Kontrollgruppe. Nur schwer vorstellbar für die aktuelle Pandemie, merkt Hajo Zeeb an. Es funktioniere nicht, die Bevölkerung zu unterteilen, in eine Gruppe, die Masken trägt und eine, die keine trägt. Deswegen gebe es Limits für die Studien.

Manche Sachen könne man nur mit Beobachtungsstudien machen. Die können aber, wenn sie gut sind, sehr starke Evidenz im Sinne von Nachweis von Wirksamkeit liefern, meint der Wissenschaftler. Die Beobachtungsstudien haben aber gleichzeitig das Problem, dass in ihnen unbeachtete Störfaktoren auftreten können, die das Ergebnis verändern.

Das Vorsorgeprinzip

Tatsächlich stünde aber die Frage nach der Evidenz von Alltagsmasken für den Bereich Public Health, also öffentliche Gesundheitspflege, gar nicht an erster Stelle, sagt Prof. Uwe Siebert. Denn hier gelte ein zweites Prinzip: "Das ist das sogenannte Vorsorgeprinzip. Das Vorsorgeprinzip hat das Ziel, mögliche Schäden für die menschliche Gesundheit, trotz unvollständiger Wissens- und Evidenzbasis, zu vermeiden."

Die finde unter Einsetzung aller Maßnahmen, deren Wirksamkeit vielleicht vermutet, aber noch nicht nachgewiesen ist statt. Deshalb sei das Maskentragen im Moment auch nicht falsch oder überflüssig. Und vor allem: zumutbar. Allerdings findet auch Siebert, dass es mit der Zeit  dringend aussagekräftigere und evidente Studien brauche.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Oktober 2020 | 06:21 Uhr

83 Kommentare

Grosser Klaus vor 4 Wochen

Beim Lesen des Artikels bekomme ich das Gefühl, das ist ein großes Spiel-mal schauen, was passiert, wenn man den blauen Knopf drückt. Nur drückt man hier nicht den blauen Kopf, sondern spielt mit Existenzen. Die Folgen der Experimentierfreudigkeit von Herrn Drosten und unserer Regierung werden wir noch in vielen Jahren spüren! Nicht nur die wirtschaftlichen, auch die gesellschaftlichen durch den Wegfall vieler nicht systemrelevanter Einrichtungen, die erneute Einschränkungen und Schließungen wirtschaftlich nicht überleben werden. Auch die Alten werden nicht gefragt, ob sie zu ihrer Sicherheit in die Isolation gehen wollen oder mit dem Risiko leben möchten und weiter Kontakt zu ihren Angehörigen haben wollen! Die ständige und permanente Panikmache finde ich persönlich unerträglich. Eine objektive Berichterstattung auch seitens des MDR, in der Drosten und die Regierungsmaßnahmen auch mal kritisch hinterfragt werden, findet nicht statt!
Wie es geht? Schaut nach Schweden.

heribert54 vor 4 Wochen

Danke MDR für Ihre Antwort, aber auch im ÖR wurde über Herrn Trump`s Gesudheitszustand berichtet. Meine Frage bezüglich der Masken und dem Gesundheitszustand von Herrn Span bleibt aber unbeantwortet.

MDR-Team vor 4 Wochen

Hallo Heribert54,
das müssen Sie die Medien fragen, die "im Stundentakt" über die Erkrankung berichtet haben. Allerdings könnte es auch etwas damit zu tun haben, dass Herr Trump selber auch während seiner Erkrankung die Öffentlichkeit in einem weit größeren Maße suchte als Herr Spahn.
Ihre MDR.de-Redaktion