FAS - Fetales Alkoholsyndrom Die Kinder aus der Schnapsflasche

Kurzer Rausch, langer Leidensweg: Alkohol in der Schwangerschaft. Etwa 13.000 Kinder werden jährlich mit dem fetalen Alkoholsyndrom geboren. Doch eine Diagnose erhält nur jeder zehnte Betroffene – mit fatalen Folgen.

"Mit FAS leben, heißt mit Löchern im Gehirn leben", sagt Grit Wagner. Sie lebt mit dem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) – verursacht durch Alkoholkonsum ihrer Mutter in der Schwangerschaft. Doch diese Diagnose wurde erst gestellt, als sie bereits erwachsen war. Erst seitdem weiß sie, dass sie keine Schuld an ihren vielen Problemen hat – und die fangen bereits beim Frühstück an.

Die 47-Jährige sitzt vor ihrer Kaffeetasse, hat einen blauen Tetrapack in der Hand und muss lange überlegen, wie rum sie die Milch eingießen kann. Wäre ihr Nachbar nicht zur Unterstützung da, sie könnte die einfachsten Dinge nicht bewältigen. Grit Wagner aus Sachsen weiß nicht, ob eine Viertelstunde lang ist oder ob 100 Meter weit sind. Sie hat Schwierigkeiten Formen und Strukturen wiederzuerkennen.

Neun von zehn Betroffenen ohne Diagnose

Eine Frau und ein Mann
Die Probleme fangen für Grit Wagner schon beim Frühstück an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es fehlen Gehirnzellen, die durch den Alkohol kaputt gemacht wurden", sagt Grit Wagner. Alkohol, den sie nie selbst getrunken hat. Sie ist kein Einzelfall: Etwa 800.000 Menschen leiden in Deutschland unter der Fetalen Alkoholspektrums Störung (FASD). Doch nur einer von zehn Betroffenen weiß das. Neun bleiben ohne Diagnose – und damit ohne Hilfe.

Dass ihre leibliche Mutter Alkoholikerin war, erfuhr Grit Wagner von ihren Pflegeeltern erst als Erwachsene. Obwohl sie bereits von klein auf von Ärzten und Psychologen behandelt wurde, fand niemand die wahre Ursache für ihre Probleme. Sie litt unter ihrem ständigen Versagen und Scheitern, war voller Selbstzweifel. Ein Artikel im Internet über FAS, der ausgeprägtesten Form der Fetalen Alkoholspektrumsstörung, öffnete ihr schlagartig die Augen.

"Ich habe in meiner Wohnung Rotz und Wasser geheult. Weil, es hat der dreiviertelste Teil gestimmt", berichtet Grit Wagner. "Gelenk-, Knochen-, Muskel-, Nervenerkrankungen, das stimmte alles. Die Hirnschädigungen, das stimmte alles." Dazu kommen etwa eine geringe Merk- und Lernfähigkeit.

Mit 40 Jahren fuhr Grit Wagner nach Berlin zu Professor Hans-Ludwig Spohr. Er beschäftigte sich in einer Langzeitstudie mit FASD im Erwachsenenalter. Für seine Forschung ist er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Grit Wagner hatte ihre Jugendamtsakte, Krankenberichte und ein Kinderfoto dabei.

Löcher im Gehirn bleiben ein Leben lang

SW-Aufnahme eines Kindes
Ein Bild aus der Kindheit von Grit Wagner. Damit stand für den Professor die Diagnose. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Da zeigte sie mir ein kleines Foto, das war schwarz-weiß, war so typisch Alkoholsyndrom", sagt Professor Spohr. Die Diagnose stand für ihn sofort. "Sie haben dieses auffällige Gesicht mit diesem schmalen Gesichtsschädel und den geringen Lidabständen." Nur im Kindesalter sind die äußerlichen FASD-Merkmale so ausgeprägt. Oft  verlieren sie sich mit dem Erwachsenwerden. Die "Löcher im Gehirn" aber bleiben ein Leben lang.

"Die Psychiater und die Neurologen wissen nicht, was das für eine große Gruppe von hilfsbedürftigen Patienten ist, die eigentlich auf sie zukommt", sagt der Forscher. Gefährdet sind aber nicht nur Kinder von Alkoholikerinnen. Es gibt keinen unteren Schwellenwert für die Schädlichkeit von Alkohol in der Schwangerschaft. Dabei sind neueste Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) alarmierend. Demnach geht die größte Gefahr von jungen Frauen aus, die episodisch stark trinken. Ihre Zahl ist etwa drei bis vier Mal größer als die der chronischen Alkoholikerinnen. 

Nur 30 Prozent können allein in einer Wohnung leben

Ein älterer Mann.
Auf Neurologen und Psychiater kommt eine große Gruppe an Patienten zu, erklärt Hans-Ludwig Spohr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das sind junge Mädchen - 16, 18, 19 - die noch zur Schule gehen oder in der Lehre sind und dann am Wochenende die Sau raus lassen", erklärt der Wissenschaftler. Dabei würden diese jungen Frauen intensiv trinken und seien sexuell aktiv. Da könne es sein, dass sie schwanger geworden sind und "es nicht gemerkt haben. Und dann haben das Kind im Wesentlichen schon geschädigt". 

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat FASD zu einem Schwerpunkt erklärt. "Das ist deshalb so wichtig, weil es immer noch Menschen gibt, die denken, das eine oder andere Glas Alkohol schadet nicht", sagt Marlene Mortler. Dabei wisse man bis heute nicht, in welcher Phase der Schwangerschaft der entscheidende Schluck Alkohol getrunken worden ist – mit gravierenden Folgen. 70 Prozent der FASD-Kranken haben keinen Beruf. Viele leben auf der Straße oder in Notunterkünften. Fast die Hälfte landet in der Psychiatrie oder im Gefängnis.

So wie Justin: Der 18-Jährige hat wegen Drogen- und Gewaltdelikten schon oft Bekanntschaft mit der Polizei gemacht. Immer wieder brennen bei ihm buchstäblich die Sicherungen durch. Dann schlägt er sogar seine Adoptiveltern. "Das kann ich dann nicht kontrollieren. Das ist als wenn eine Bombe explodiert, das kann man ja auch nicht verhindern", sagt er.

Die gleichen Fehler immer wieder

Ein Mann mit einem Kind
Heike und Stephan hatten Justin 2004 adoptiert, und hofften, dass es mit dem schwierigen Kind besser wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heike und Stephan hatten Justin 2004 adoptiert. Aus den Akten wussten sie, dass seine Mutter Alkoholikerin war, aber auf eine mögliche lebenslange Behinderung des Jungen hatte sie niemand aufmerksam gemacht. Sie hofften, dass es mit dem schwierigen Kind schon besser wird. Aber das wurde es nicht. Je älter der Junge wurde, je komplexer die Anforderungen an ihn, desto öfter rastete er aus. Aus Erfahrungen lernte er nicht, machte die gleichen Fehler immer wieder. Zeit oder Geld – abstrakte Dinge verstand er nicht. Mit 13 tauschte er sein neues Fahrrad gegen eine Schachtel Zigaretten.

Das Fahrrad haben die Eltern zurückholen können, aber dann vergriff sich Justin bald an Alkohol und begann sich für Drogen zu interessieren. Als er in der Schule fünf Euro klaute und die Lehrer seine Adoptivmutter um Hilfe riefen, rastete er schlimmer aus als je zuvor. "Justin hat sich von mir und von den anderen so in die Enge getrieben gefühlt, dass er mich dann im Lehrerzimmer gepackt hat", beschreibt sie die Eskalation. Er schleuderte sie erst gegen die Tür und dann auf den Schreibtisch. "Das war der Punkt, wo wir gesagt haben, jetzt geht es nicht mehr." Sie gaben Justin ins Heim.

Einfachste FASD-Aufklärung fehlt

Eine Frau
Das ihre Mutter Alkoholikerin war, erfuhr Grit Wagner erst als Erwachsene. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Austausch mit anderen Eltern in einer Selbsthilfegruppe hat Heike und Stephan geholfen, mit der Situation zurecht zu kommen. Doch wie es weitergehen wird, wissen sie noch nicht. Nur 30 Prozent der Betroffenen sind überhaupt in der Lage allein in einer Wohnung zu leben. Grit Wagner kann selbstständig leben - dank Pflegedienst, Betreuerin und vor allem dank ihres Nachbarn – auch wenn sie Schwierigkeiten hat, sich Alltagsabläufe zu merken.

Das ändert aber nichts daran, dass es an Wissen über FASD, aber auch an praktischen Hilfen mangelt. Hierzulande gibt es noch nicht einmal die einfachste Form der Aufklärung: einen Warnhinweis für Schwangere auf jeder Flasche Alkohol – so wie es in Frankreich längst üblich ist.


Immer mehr Menschen wegen extremen Alkoholgenuss in Behandlung Eine Auswertung der Krankenkasse KKH zeigt einen enormen Anstieg derjenigen, die wegen extremen Alkoholgenuss ärztlich behandelt werden müssen - vor allem in den drei mitteldeutschen Bundesländern. Demnach stieg die Zahl der Personen in Sachsen um 63 Prozent, in Thüringen und Sachsen-Anhalt um 58 Prozent. Dabei waren in Sachsen 2017 im Vergleich zu 2007 73 Prozent mehr Frauen in Behandlung, in Sachsen-Anhalt 66 Prozent und in Thüringen 76 Prozent. Damit sind die mitteldeutschen Länder im Bundesvergleich Spitzenreiter.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt- die Story | 05. Juni 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2019, 13:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

5 Kommentare

13.06.2019 06:47 FASD-Lebenslänglich Moritz eV 5

... endlich konnten hier einmal Familien ihre Tragödien mit den angenommenen-FAS-Kindern/Erwachsenen OUTEN. Viele Ersatzeltern trauen sich nicht damit in die Öffentlichkeit - aus Angst vor den aggressiven Ausbrüchen ihrer Schützlinge mit FASD.
Wir ärgern uns, wenn um Ersatzfamilien für die vermeintlich "niedlichen Kinderchen mit FASD" geworben wird um die extremen Belastungen und die Kosten auf Ersatzfamilien abzuwälzen.
Diese Kinder, Jugendliche und Erwachsenen mit FASD sind nicht familientauglich. Sie gehören in professionelle Betreuung wie Profi-Pflegefamilien oder vollstationäre Einrichtungen der Jugendhilfe.
FASD-Lebenslänglich Moritz eV

06.06.2019 10:51 Johannes Kraut 4

...(Fortsetzung) Wir fühlen uns, wie die Eltern im Film, alleingelassen. Unser Kind konnte nur etwas essen, trinken, ausscheiden -bis zu 7x am Tag-, sich selbst beissen und hauen, etwas gehen und schlafen, aber nicht sprechen , spielen, lernen, kommunizieren, Schulebesuchen da es auch ein Autist war. Wir mußten es in eine Einrichtung geben, da es nicht mehr zu händeln war und unsere Familie drohte zu zerbrechen, denn eigene Kinder sind auch da.Da nützt auch die üppige finanzielle Unterstützung des Staates nichts, danach waren wir ein Sozialfall ! J.K.

06.06.2019 10:50 Johannes Kraut 3

Wir müssen vieles bestätigen: Wir waren 14 Jahre Pflegeeltern eines FAS-Kindes, bekamen es im Babyalter. An FAS hat keiner gedacht, da die Mutter angeblich "nur" Drogen nahm. Alle Symptome, auch die Äußeren, waren vorhanden: am Ende haben wir das FAS selbstdiagnostiziert, da uns nur wenige Ärzte und Pfleger helfen konnten. Wir haben uns zusammen mit dem Jugendamt jahrelang um Klinikaufenhalte bemüht, ohne Erfolg, keiner nahm es auf, deutschlandweit ! ...

05.06.2019 09:08 Jale 2

Auch Frauenärzte müssten verpflichtet werden, auf die Folgen von Alkoholgenuss in der Schwangerschaft hinzuweisen. Sätze wie "Ab und an mal ein Glas Rotwein kann man machen, das schadet nicht gleich" habe ich schon gehört. Auch einer schwangeren Bekannten war nicht klar, das der im Rotwein enthaltene Alkohol ein Nervengift ist. Sie meinte, das wäre gut für den Kreislauf. - Geht´s noch? - Also hier ist noch ganz viel straffe Aufklärung durch Frauenärzt und Hebammen nötig!!! Und vor allem sollten auch Mitmenschen Schwangere davon abhalten, auch nur einen kleinen Schluck zu trinken. Ich bin für Bilder von behinderten Babys auf ALLEN alkoholischen Getränken und für eine mindestens Verdreifachung aller alkoholischen Getränke und Lebensmittel! Bei Zigaretten und Tabak geht´s doch auch... Wahrscheinlich trinken Politiker einfach zu gern Alkohol, sonst hätten wir hier doch auch schon die Preiserhöhungen wie bei den Zigaretten/beim Tabak.

04.06.2019 17:08 B 1

ja das ist sehr schlimm , genau wie Drogen , Asozial man ist und wenn der Mann ein Alkoholtrinker ist bei der Zeugung, kann alles schief laufen mit dem Kind.