Gesamtdeutsche Fußball-Bilanz Kaum Länderspiele im Osten

Eine gesamtdeutsche Statistik für den Fußball

Nach 30 Jahren gesamtdeutschem Fußball ist der Anteil der in ostdeutschen Stadien durchgeführten Länderspiele mit knapp fünf Prozent mager. Nach welchen Kriterien wählt der DFB Spielstätten für die Nationalelf aus?

von Frank Frenzel

Ein Ball landet im Tor
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Seit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 trug die deutsche Fußballnationalmannschaft 170 Heimspiele aus. Am 19.Dezember 1990 standen in Stuttgart beim 4:0 gegen die Schweiz mit Matthias Sammer und Andreas Thom erstmals zwei Spieler aus der ehemaligen DDR im Team.

Das erste Spiel in den neuen Bundesländern fand am 14. Oktober 1992 in Dresden statt. Gegen Mexiko reichte es nur zu einem 1:1 Unentschieden. Dann folgte für den Osten eine lange Länderspielpause – bis zum 28. März 2002. Im Ostseestadion Rostock siegte Deutschland gegen die USA 4:2. Seitdem gab es in den neuen Bundesländern lediglich noch sieben weitere Spiele: eins in Rostock und sechs Spiele im neuen Leipziger Zentralstadion, der heutigen Red-Bull-Arena.

Blick auf die beleuchtete RB Arena mit Hauptgebäude.
die Red Bull Arena in Leipzig Bildrechte: imago/PicturePoint

Insgesamt wurden von 170 Heimländerspielen seit 1990 gerade einmal neun (!) in den neuen Bundesländern ausgetragen. Bei einem Anteil von knapp 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung Deutschlands fanden damit gerade 5,3 Prozent der Länderspiele im Osten statt. Immerhin: Berlin bekam in knapp 30 Jahren zehn Länderspiele. Die Spielstätte Olympiastadion liegt aber im ehemaligen Westberlin. Doch selbst wenn man den Westen Berlins zu den neuen Bundesländern zählt, käme der Osten Deutschlands auch nur auf 19 von 170 Länderspielen und damit auf einem Anteil von ca. 16 Prozent.

Nürnberg Spitzenreiter 

Liebling des  DFB bei der Vergabe von Länderspielen scheint eindeutig Nürnberg zu sein. Schon 14 Mal seit 1990 wurden hier Länderspiele ausgetragen. Das Stadion fasst ca. 50.000 Zuschauer, gilt aber als vergleichsweise veraltet, weil es kein reines Fußballstadion ist. Wirkt sich hier die Nähe eines bekannten Sportartikelherstellers und DFB-Sponsors auf die Wahl der Spielstätte aus? Dieser Vermutung widerspricht Stephan Banse, Abteilungsleiter Kommunikationsmanagement beim DFB, in einer Stellungnahme. Zumindest seit Einführung eines Rotationsprinzips bei der Spielortvergabe im Jahr 2003 gelte das nicht. Schon das nächste Heimspiel am 30. März 2020 wird allerdings wieder einmal in Nürnberg stattfinden. Gegner ist kein geringer als der viermalige Weltmeister Italien.

Keine Spiele gegen Weltmeister

Interessant ist auch, gegen wen die deutsche Fußballnationalmannschaft in den neuen Bundesländern antrat. Richtige "Zugpferde", also Teams mit großer spielerischer Klasse, waren nämlich nicht dabei. Liechtenstein, Georgien oder Israel gelten als Fußballzwerge. Und auch Mexiko, USA, Kamerun oder Russland zählen nicht zu den großen Fußballnationen.

Gegen die ganz Großen wie die Weltmeister Brasilien, Argentinien, Italien, Frankreich, Spanien oder England oder Europameister wie Niederlande oder Portugal spielte die deutsche Nationalmannschaft in den neuen Bundesländern in 30 Jahren nicht ein einziges Mal!

Mögliche Gründe

Luftaufnahme der BayArena Leverkusen mit Autobahnkreuz
Die BayArena in Leverkusen ist verkehrsgünstig gelegen. Bildrechte: imago/Hans Blossey

Auf Anfrage erklärt der DFB, die Gründe für die wenigen Länderspiele in den neuen Bundesländern lägen bislang in der geringen Kapazität von Stadien im Osten. Lediglich die Leipziger Arena und das Berliner Olympiastadion würden den Ansprüchen des DFB genügen. Von 2003 bis Mitte 2018 erfolgte demnach die Vergabe von Länderspielen in einem Rotationsprinzip an Spielstätten mit einer Sitzplatzkapazität von mindestens 40.000 Zuschauern.

Trotzdem fanden zum Beispiel in der BayArena von Leverkusen, deren Kapazität von knapp 30.000 ähnlich der des Dresdner Stadions ist, seit 1990 acht Länderspiele statt und damit nur ein Spiel weniger als in 30 Jahren in den neuen Bundesländern zusammengenommen.

Laut Johannes Fritsch, Pressesprecher des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), also dem DFB-Regionalverband, in dem die ostdeutschen Fußballvereine organisiert sind, läge ein Aspekt für die geringe Anzahl von Länderspielen in neuen Bundesländern auch darin, dass es im Osten viele Flächenländer gibt. "Der Standort Leverkusen beispielsweise liegt nicht nur im bevölkerungsreichsten Land, sondern auch noch an dem laut Bundesanstalt für Straßenwesen meistbefahrenen Autobahnkreuz Deutschlands und befindet sich zudem in unmittelbarer Nähe von drei großen Flughäfen, nämlich Köln/Bonn, Düsseldorf und Dortmund."

Weiterhin ließ der DFB in den letzten Jahren das A-Team auch in anderen kleineren Stadien antreten, so in Sinsheim, Mainz oder Wolfsburg, deren Kapazität mit denen der modernisierten Arenen in Magdeburg, Rostock oder Dresden vergleichbar ist. Hierzu erklärt der DFB, dass es sich bei diesen Spielen bis auf eine Ausnahme um Benefizspiele gehandelt habe bzw. zwei Spiele nach einer Änderung der DFB-Vorgaben stattfanden. Im Februar 2018 habe nämlich der DFB die Mindestkapazität für A-Länderspiele auf 25.000 Zuschauer reduziert.

Weiterhin verweist der DFB in seiner Stellungnahme, dass der Verband kontinuierlich Spiele der Frauen- und U21-Nationalmannschaft in die neuen Bundesländer vergibt. So waren in den vergangenen Jahren Berlin mit der Alten Försterei, Halle, Cottbus, Zwickau, Magdeburg und Erfurt Austragungsorte zahlreicher Partien oder Dresden Teil der FIFA Frauenfußball-WM 2011.

Johannes Fritsch vom Nordostdeutschen Fußballverband ist überzeugt, dass mit der seit 2018 geltenden neuen Vergaberichtlinie " … auch eine Vergabe in Stadien im NOFV-Gebiet verstärkt vorkommen" wird. Vielleicht kommt dann ja auch mal wieder Magdeburg zu Länderspielehren. Letztmalig spielte dort eine deutsche Nationalmannschaft am 5. November 1933 (2:2 gegen Norwegen).

Wie machen es andere?

Frankreich und England tragen ihre Heimländerspiele vorrangig in ihren Hauptstädten aus, also in Paris und London. Zwar gibt es gelegentliche "Ausflüge" in die Stadien anderer Erstligisten, aber die Hauptstädte dominieren klar mit einem Anteil von über 50 Prozent.

Ganz anders handhaben es Spanien und Italien. Die ehemaligen Weltmeister gehen seit Jahren oft in die Fußballprovinz und spielen eher selten in Madrid oder Rom. Vor allem die italienische Nationalmannschaft zeigt sich dabei oft in kleineren Stadien und auch in vielen Städten, deren Vereine nicht in der 1. Liga spielen. So kamen auch fußballerisch unbekannte Orte wie Terni, Salerno, Reggio nell`Emilia oder Livorno zu Länderspielehren. Oder kennt jemand das Städtchen Campobasso südöstlich von Rom? Dessen Verein spielt in der 4. Liga und auch in dessen Stadion trat schon das italienische A-Team an. Das ist so, als würde der DFB ein Länderspiel nach Nordhausen oder Bischofswerda vergeben.

Spielort Spiele
Nürnberg 14
Gelsenkirchen 12
Dortmund 12
Stuttgart 11
München 10
Berlin 10
Frankfurt 9
Hannover 9
Köln 9
Hamburg 9
Kaiserslautern 9
Leverkusen 8
Düsseldorf 8
Mönchengladbach 7
Bremen 7
Leipzig 6
Freiburg 4
Rostock 2
Wolfsburg 2
Mainz 2
Sinsheim 2
Mannheim 2
Dresden 1
Bochum 1
Karlsruhe 1
Duisburg 1
Aachen 1
Augsburg 1

Spielorte in der DDR

Die Fußball-Nationalmannschaft der DDR bestritt zwischen 1953 und 1990 insgesamt 131 Heimländerspiele. Das erste Spiel fand am 14. Juni 1953 in Dresden gegen Bulgarien statt und endete 0:0. Im letzten Heimspiel siegte die DDR am 11.April 1990 in Karl-Marx-Stadt mit 2:0 gegen Ägypten.

Klarer Spitzenreiter in der DDR war Leipzig mit sage und schreibe 46 Länderspielen. Wegen der Kapazität des Zentralstadions von 100.000 Zuschauern trug die DDR hier die wichtigsten EM- und WM-Qualifikationsspiele aus, sowie Spiele gegen sogenannte "Hochkaräter" wie England, Italien, Frankreich oder die Niederlande, die eine hohe Zuschauerresonanz erwarten ließen.

Spielort Spiele
Leipzig 46
Berlin 23
Dresden 10
Karl-Marx-Stadt 9
Magdeburg 8
Rostock 8
Erfurt 5
Gera 5
Halle 5
Cottbus 2
Frankfurt/ Oder 2
Jena 2
Potsdam 2
Aue 1
Brandenburg / Havel 1
Senftenberg 1
Zwickau 1

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 28. Januar 2020 | 20:15 Uhr