Interview mit Social-Media-Forscher Warum Corona-Fake-News so gefährlich sein können

Pascal Jürgens befasst sich seit Jahren mit dem, was in Sozialen Netzwerken passiert. Dabei beschäftigt er sich auch intensiv mit Fake News. Im Interview erklärt er, welche Motivation hinter Verschwörungstheorien und Falschmeldungen steckt, warum diese so gefährlich sein können und wie man sich relativ einfach davor schützen kann.

Ein Laptop auf einem Tisch, Artikel aufgerufen mit Überschrift "Der Corona-Schwindel", Kaffeetasse, dunkle Farben, unscharfer Hintergrund.
Verschwörungstheoretiker nutzen die Corona-Pandemie für abenteuerliche "Theorien". Bildrechte: MDR

Einige Fake News sind ja so haarsträubend, dass jeder mit gesundem Menschenverstand sie sofort entlarven kann. Trotzdem gibt es auch gefährliche Fake News. Welche kennen Sie aus der Praxis?

Pascal Jürgens: "Die deutlichste Gefahr sind eben diese Fälle, in denen direkt die Gesundheit auf dem Spiel steht. Wenn empfohlen wird, Desinfektionsmittel zu trinken oder in den Körper zu spritzen, dann ist das lebensbedrohlich. Zum Glück kommt es sehr, sehr selten vor, dass Menschen auf solche Fake News hereinfallen und sich tatsächlich verletzen. In den USA sind zum Beispiel die Fälle von Verletzungen durch Desinfektions- und Reinigungsmittel in der Krise um 100 bis 200 Fälle pro Tag gestiegen. Das sind 0,00006 Prozent der Bevölkerung.

Schlimmer sind, vor allem jetzt in der Corona-Zeit, indirekte Gefahren: Wenn Menschen das Virus zum Beispiel nicht ernst nehmen. Dann verhalten sie sich leichtsinnig und gefährden damit sich und andere. Vor allem ist diese Gefährdung nicht sichtbar und tritt nicht bei jedem auf. Wer den Abstand nicht einhält und ohne Maske in Geschäfte geht, wird vielleicht nicht sichtbar krank und merkt nicht, was für einen Schaden er anrichtet.

Eine besondere Art von Fake News sind noch solche, die falsche Gerüchte in die Welt setzen – zum Beispiel die Geschichte mit der angeblichen Vergewaltigung eines lettischen Mädchens durch deutsche Soldaten bei einem Nato-Einsatz. Diese Nachrichten schaden nicht einzelnen Bürgern, aber sie können Vorurteile schüren und Konflikte herbei reden oder anfeuern, die eigentlich keinen Grund haben."

Wie erreichen solche Falschmeldungen denn die Menschen?

"Irgendjemand setzt eigentlich immer falsche Nachrichten in die Welt. Die meisten erreichen nicht viele Leser. Aber einige schaffen es, weiterverbreitet zu werden – entweder, weil viele Menschen sie aus Kuriosität teilen, oder weil sie durch etablierte Quellen verbreitet und damit 'weiß gewaschen' werden. Wenn man der psychologischen Forschung glaubt, dann denken die Verbreiter dabei oft einfach nicht besonders genau nach oder sie teilen etwas, das zu ihren eigenen Vorurteilen passt. Besonders anfällig waren zumindest in den USA übrigens Menschen über 65 Jahren – vermutlich, weil für viele davon das Internet noch vergleichsweise neu ist."

Zu welchem Ziel werden sie verschickt?

"Fake News werden manchmal einfach nur aus Spaß erfunden, weil Leute Spaß daran haben, Chaos zu stiften. Und natürlich gibt es auch immer mal wieder Fälle, in denen ausländische Geheimdienste versuchen, falsche Nachrichten zu streuen. Sehr viele Fälle von Fake News sind aber auch durch Geld motiviert: Die Autoren wollen dann möglichst viele Menschen erreichen, um über Werbung oder den Verkauf von Produkten Geld an ihnen zu verdienen."

Wie bekomme ich heraus, ob eine Nachricht stimmt – wenn zum Beispiel im Klassen-Chat kursiert, dass die Schulen normal wieder öffnen und keine Schutzmaßnahmen nötig sind?

"Hier hilft ein sehr allgemeiner Tipp: Einfach mal selbst bei einer glaubwürdigen Quelle nachschauen oder nachfragen. Wenn die Meldung früher oder später auch auf einer Nachrichtenseite steht, dann wird sie stimmen. Das ist beim Online-Banking genauso: Wenn jemand anruft und nach ihren Kontodaten fragt, dann sollten Sie auflegen und von sich aus bei der Bank anrufen."

Gerade im medizinischen Bereich kursieren unzählige Lügen über den Umgang mit dem Virus und seine Gefährlichkeit. Hier wird mit Menschenleben gespielt. Wie kann ich mich schützen?

"Grundsätzlich gilt: Es gibt in der Wissenschaft leider selten 'magische' Durchbrüche. Wenn man von einer neuen, überraschenden und erstaunlichen Therapie hört, ist vermutlich (noch) nicht viel dran. Wir wissen seit Louis Pasteur, dass Impfungen einen gewissen Schutz bieten können, sobald eine entwickelt wurde. Und wir wissen, dass Viren unter bestimmten Umständen stärker oder schwächer zuschlagen und häufiger oder seltener übertragen werden. Aber das ändert alles nichts daran, dass es derzeit kein Heilmittel gegen Corona gibt.

Wunderheilmittel wie Knoblauchwasser oder Vitamin C sind immerhin nicht schädlich – das wissen wir aus gesundem Menschenverstand und Erfahrung. Aber sie schützen eben auch nicht! Das wichtigste ist deshalb, den Virus ernst zu nehmen und die bekannten und wirksamen Hygienemaßnahmen einzuhalten."

Wie finde ich denn verlässliche Quellen, wenn ich Informationen suche?

"Erstens sollte man sich an bekannte Quellen halten, von denen man weiß, wer dahinter steht. Wenn eine Nachricht zum Beispiel einen mysteriösen aber nicht namentlich genannten Arzt aus dem Ausland als Quelle hat, dann ist das schon ein Grund zur Vorsicht. Zudem sollte man sich immer fragen, wie viel Aberglaube eine Nachricht erfordert.

Wenn ich also lesen würde, dass Corona keine Kinder befällt, dann müsste ich auch glauben, dass alle bisherigen Berichte von erkrankten Kindern falsch sind und dass alle beteiligten Eltern, Ärzte, Politiker und Journalisten lügen. Ich müsste, mit anderen Worten, glauben, dass ein paar dahergelaufene sogenannte 'Eingeweihte' mehr wissen als Millionen von kompetenten und aufrichtigen Menschen. Das erfordert schon ein ziemliches Stück Verschwörungstheorie.

Ganz wichtig ist aber auch, dass wir uns eingestehen, dass Nachrichten immer falsch sein können, weil zum Beispiel das Bild der Lage noch unvollständig ist, sich die Zahlen ändern oder wissenschaftliche Ergebnisse widerlegt werden. Es lässt sich gar nicht vermeiden, dass wir unser Wissen im laufe der Zeit revidieren und sich Dinge als falsch herausstellen."

Wenn ich aber doch viele Dinge kritisch sehe und mir auch mal eine andere Meinung als die der Bundesregierung oder von Ministerien anhören will, wo finde ich die?

"Auch wenn es manchmal nicht so kommuniziert wird, sind Politik, Medizin und Wissenschaft ja lebendige Gruppen von Menschen, die einerseits kompetent sind, aber andererseits auch sehr unterschiedliche Meinungen haben. Es gibt immer zahlreiche verschiedene Stimmen, auch in der Corona-Krise. Und es ist auch gut und wichtig, dass diese Stimmen zu Wort kommen können."

Und wie kann ich sicher sein, keiner Lügengeschichte aufgesessen zu sein?

"Wenn man sich an bekannte Quellen hält, die erfahrungsgemäß vernünftig, kompetent und gutwillig sind, dann hat man schon viel gewonnen. Gelogen wird da selten.

Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass die Wahrheit manchmal sehr komplex ist und wir uns ihr nur schrittweise nähern. Wir haben immerhin Jahrhunderte geglaubt, die Sonne sei eine Lampe, die Gott an den Himmel gehängt hat. Selbst als wir noch wussten, dass sie ein Stern im Zentrum unseres Sonnensystems ist, wurde darüber spekuliert, ob sie wohl durch Kohle befeuert ist.

Man schützt sich da am besten, indem man das große Ganze im Blick behält. Es ist zum Beispiel nicht entscheidend, ob die Zahl der Infizierten um zehn höher oder niedriger ist. Sie ist sowieso immer etwas ungenau. Wichtig ist, wie der Trend über mehrere Tage hinweg aussieht. Man sollte also etwas Hektik aus der ganzen Geschichte nehmen."

Zur Person Dr. Pascal Jürgens (geboren 1982) arbeitet seit neun Jahren am Institut für Publizistik der Universität Mainz. In seiner Forschung hat er sich auf Algorithmen, die Nutzung von Nachrichten und politische Debatten in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter spezialisiert.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 06. Mai 2020 | 17:00 Uhr