Ein Mann betrachtet im Spiegel seine Geheimratsecken.
Der Kampf gegen kahle Stellen auf dem Kopf ist nicht immer harmlos. Ein Haarwuchsmittel führt bei vielen Männern zu Depressionen oder erektilen Dysfunktionen. (Symbolbild) Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Finasterid Haarwuchsmittel mit schweren Nebenwirkungen

Ein Haarwuchsmittel führt bei Tausenden Männern in Deutschland zu schweren gesundheitlichen Problemen. Dennoch ist die Arznei noch auf dem Markt und die Zulassungsbehörde sieht keinen Handlungsbedarf.

Ein Mann betrachtet im Spiegel seine Geheimratsecken.
Der Kampf gegen kahle Stellen auf dem Kopf ist nicht immer harmlos. Ein Haarwuchsmittel führt bei vielen Männern zu Depressionen oder erektilen Dysfunktionen. (Symbolbild) Bildrechte: imago/CHROMORANGE

"Ich habe seitdem kein Leben mehr", sagt Martin. Er griff mit Anfang 20 zu einem Haarwuchsmittel. Die Pille sollte die beginnende Glatze aufhalten, doch mit den starken Nebenwirkungen hat er nicht gerechnet. "Völlige Antriebslosigkeit. Es habe mit Erschöpfungszuständen angefangen und driftete in Depressionen ab", sagt Martin, der seinen richtigen Namen aus Scham nicht veröffentlichen möchte. Später kamen Artikulationsstörungen, Gedächtnis- und sexuelle Probleme hinzu. "Das kannte ich vorher so nicht."

Interviewpartner, verdeckt
Aus Scham möchte Martin nur verdeckt vor die Kamera und seinen vollen Namen nicht veröffentlichen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Wirkstoff, der Martins Leben verändert haben könnte, heißt Finasterid und wurde ursprünglich gegen Prostataprobleme bei älteren Männern eingesetzt. Bei vielen wuchsen, als überraschende Nebenwirkung, die Haare. Die Pharmafirma MSD brachte dann 1998 "Propecia" heraus - geringer dosiert als Haarwuchsmittel für jüngere Männer.

Martins Arzt hielt die möglichen Nebenwirkungen für vertretbar. "Die damals bekannten waren die Verminderung der Libido und erektile Dysfunktion", sagt Martin. Darauf sei er hingewiesen worden. Sein Arzt habe auch gesagt, wenn das Mittel abgesetzt wird, "ist das auch sofort wieder alles in Ordnung". Vier Jahre lang nahm Martin diese Pille – doch danach war nichts wieder in Ordnung. Seine gesundheitlichen Probleme blieben. Das Absetzen der Pille ist mittlerweile 13 Jahre her.

Verminderung der Libido und erektile Dysfunktion

Mediziner am Schreibtisch
Das Post-Finersterid-Syndrom seiner Patienten beschäftigt Professor Michael Zitzmann schon eine Weile. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Martin ist nicht der einzige Betroffene. Die Nachfrage nach Haarwuchsmitteln ist groß. 55 Millionen Finasterid-Pillen wurden 2018 bundesweit verkauft. Gut 150.000 Männer schluckten im vergangenen Jahr täglich diese Tabletten. Für das Folge-Problem gibt es bereits einen Namen. "Das sogenannte Post-Finasterid-Syndrom ist eine spannende Sache", sagt Michael Zitzmann, Professor an der Uniklinik Münster. Der Hormonspezialist ergänzt: "Wir haben jetzt, glaube ich, deutlich über 150 Patienten aus dem ganzen Bundesgebiet."

Aktuell werden Finasterid-Pillen von 15 Firmen in Deutschland vertrieben. Das Haarwuchsmittel ist seit über 20 Jahren europaweit zugelassen, die Wirksamkeit gegen Haarausfall ist belegt. Doch die Meldungen über Nebenwirkungen häuften sich.

Anhaltende Nebenwirkungen bei 10 bis 15 Prozent

"Die Forschungen fingen mit der Befragung von Patienten an, wo man dann gesehen hat: Ja es sind ungefähr 10 bis 15 Prozent, wo diese Nebenwirkungen auftraten und auch anhielten", sagt Professor Zitzmann. Später habe es dann Studien gegeben, bei denen diese Patienten mit einem Kernspintomografen untersucht wurden. "Das Gehirn zeigt in seiner Funktion Muster, die der von depressiven Patienten ganz deutlich ähneln."

Haarwuchsmittel Packung «Propecia»
Erst 20 Jahre nach der Zulassung räumten Hersteller Probleme mit Finasterid ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

20 Jahre nach Zulassung des Haarwuchsmittels reagierten nun auch die Hersteller. In einem sogenannten Rote-Hand-Brief räumten die Pharmafirmen im Sommer vergangenen Jahres mögliche Probleme unter Finasterid ein. Zum Beispiel: Sexualstörungen, Depressionen, Suizidgedanken oder Angst. Die sexuellen Probleme, so geben die Hersteller zu, könnten sogar: "auch nach Absetzen der Therapie länger als zehn Jahre fortbestehen".

Zulassungsbehörde sieht trotz Risiken keinen Handlungsbedarf

MDR "exakt" fragt bei der Zulassungsbehörde, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nach: Warum ist ein so risikoreiches Mittel noch auf dem Markt? Ein Interview wird aus Zeitgründen abgelehnt. Schriftlich heißt es: "Das Risiko-Nutzen-Verhältnis von Finasterid wurde […] im Rahmen der fortlaufenden Überwachung […] als positiv bewertet." Anders ausgedrückt: Die Haare wachsen nach Einnahme von Finasterid, auf die Risiken sollen die behandelnden Ärzte hinweisen.

Dass offenbar Tausende Betroffene durch ein Haarwuchsmittel erhebliche gesundheitliche Probleme haben, ist für Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen "Arzneitelegram" nicht hinnehmbar: "Ich wäre dafür, es sofort vom Markt zu nehmen." Für ein Arzneimittel, mit vor allem kosmetischer Bedeutung, seien solch schwere Nebenwirkungen nicht zu rechtfertigen. Doch ein einmal zugelassenes Arzneimittel sei aufgrund von Klagen durch die Pharmaunternehmen nur schwer wieder vom Markt zu bekommen.

Zu spät auf gesundheitliche Risiken hingewiesen?

Die rechtliche Auseinandersetzung wegen des Medikamentes führt Rechtsanwalt Jörg Heynemann. Er vertritt mehrere Finasterid-Geschädigte gegen Pharmafirmen und kritisiert: Viel zu spät sei seitens des Herstellers auf die möglichen gesundheitlichen Risiken hingewiesen worden. "Es geht uns vor allem darum, wann wusste der pharmazeutische Unternehmer von den Nebenwirkungen."

Auch Martin klagt gegen einen Pharmakonzern auf Schadenersatz. Die Hoffnung auf eine Besserung seiner gesundheitlichen Probleme hat er allerdings verloren. "Es ist wirklich teilweise so, dass ich das Gefühl habe, ich liege und kann mich nicht mehr bewegen und will auch eigentlich gar nicht mehr."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 12. Juni 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 15:12 Uhr

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7 Kommentare

14.06.2019 20:17 Kelte vom Oechsenberg 7

@ 5 Stealer: Dank, daß Sie mir teilweise rechtgeben. Aber, was nützte mir evolutionsgeschichtlich alles hübscheres Aussehen, wenn ich in meinem Oppidum verhungern mußte?
Bei meinen Vorfahren zählte der Jagderfolg mehr als das "hübsche" Aussehen. Denn davon wurde niemand satt.

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12.06.2019 23:50 part 6

Viele Haare auf dem Kopf sollen Jugend und Männlichkeit suggerieren um dem anderen Geschlecht zu gefallen, doch das Gegenteil ist der Fakt, abgesehen von genetischen Ursachen, das Testosteron beim Mann lässt die Haare lichter werden mit der Zeit. Das hilft nur Haarverplanzung oder der Mut zur Glatze, besonders schlimm wird es aber wenn Tschingis- Khan-Frisuren dabei herauskommen, von der eine Seite zur anderen oder von hinten nach vorn, doch das sehen wir ja schon seit 2 Jahrern öfters in den Medien mit Auswirkungen auf die Weltpolitik. Leider sind aber die kommerziellen Drogengeschäfte nebst Zulassung in diesem Land so gestaltet das erst eine gewisse Anzahl von Geschädigten klagen muß bevor das Mittel wohl einen anderen Namen mit geringerem Wirkstoffgehalt bekommt?

12.06.2019 22:56 Stealer 5

@Kelte vom Oechsenberg: Sie haben nicht ganz Unrecht, allerdings könnte man dann den Ansatz weitergehen und sich darüber mokieren, warum sich Frauen schminken oder die grauen Haare wegtönen. Und warum laufen wir nicht eigentlich alle in Trainingshosen und T-Shirt rum - das ist bequem.

Halbwegs "hübsch" auszusehen ist so alt wie die Kulturgeschichte der Menschheit, mit unzähligen wechselnden Moden. Wenn Männer Haarausfall reduzieren oder halbwegs stoppen wollen ist das kein Grund, sich abwertend darüber zu äußern. Es ist ja nicht so, als ob wir hier über ekzessive Schönheitsoperationen sprechen.

12.06.2019 21:36 Kelte vom Oechsenberg 4

Mein Gott, hat der "Teutsche" kein anderes Problem, als die Wirkung des Haarwuchses auf seine Libido?
Ich bekomme eine Glatze, mein Vater hatte einen Vollmond auf`m Kopf und mein Großvater hatte mehr Haare im Gesicht als auf`m Kopf. Alle waren glücklich verheiratet und hatten jede Menge Kinder. Man kann auch Probleme herbeireden. Gibt`s bei vollem Haar mehr Gehalt? Oder erfolgt die nächste Beförderung schneller? Wichtiger ist, warum gab es in meinem Garten in diesem Jahr keine Bienen, die meine Obstbäume bestäubt haben.

12.06.2019 21:17 Angela 3

Hallo, ich würde solche Mittel nie einnehmen, denn
es gibt natürliche Alternativen. Bierhefe hat sehr viele
Nährstoffe und dann noch Magnesium, Vitamin D, Omega 3 oder 6 u. Heilerden. Bei Haarausfall ist die Eiweißver-
wertung gestöhrt. Mein Mann hat mit 18 J. Haare durch
Hormonstörungen verloren.

12.06.2019 20:49 Quentin aus Mondragies 2

Das ist ja blöde. Da nimmt man Haarwuchsmittel um Weibchen anzulocken und dann ist das Sexualverlangen eingeschränkt. Gibt es da kein Kombimittel? So eine Art Finagra. Ansonsten empfehle ich die Glatze mit Stolz zu tragen.

12.06.2019 20:06 Janine 1

Es ist doch mit den Fluorchinolonen nicht anders. Wirken gut, aber haben extreme Nebenwirkungen. Gut, dass sie zumindest jetzt nur noch eingeschränkt verschrieben werden dürfen. Vielleicht gibt es da für Finasterid auch noch Hoffnung. Es muss einfach vielmehr Aufklärung stattfinden. Aber das ist leider anscheinend nicht erwünscht. Danke MDR für den Bericht!