Debatte um Lockerung der Corona-Regeln Virologen warnen vor unbemerkter Ausbreitung

Aus Verboten sollen vielerorts Gebote werden. So wollen auch Sachsen und Thüringen auf mehr Eigenverantwortung der Bürger setzen. Doch Virologen warnen, dass neue Infektionsherde so lange unentdeckt bleiben könnten.

Menschen sitzen in einem Park zusammen
Danach sehnen sich viele wieder. Doch Mediziner warnen, Lockerungen der Coronaregeln sollten nur schrittweise und kontrolliert erfolgen. Bildrechte: Colourbox.de

Der Virologe Prof. Uwe Liebert hält die angekündigten Lockerungsmaßnahmen für Thüringen und Sachsen für zu früh. Das sagte er dem MDR-Magazin "Hauptsache Gesund". Die veränderte Dynamik auf lokaler Ebene spreche dagegen: "Wenn wir hier nicht genau hinschauen, dann können sich Infektionen über längere Zeit unbeobachtet ausbreiten", so der Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Leipzig. "Dies käme der Situation in der Anfangsphase der COVID-Erkrankungen in Norditalien nahe", so der Mediziner. Hier blieb das Virus wahrscheinlich lange Zeit unentdeckt, bevor die Fallzahlen in die Höhe schnellten.

Schrittweise - aber kontrollierte - Lockerungen

Zwar könne Liebert das Anliegen, Maßnahmen nicht länger als nötig aufrecht zu erhalten, verstehen – die griffige Formel von "Verbot zu Gebot" führe allerdings zu einem gefährlichen Missverständnis.

Virologe Prof. Liebert von der Uniklinik Leipzig im Interview
Prof. Uwe Liebert, Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Leipzig Bildrechte: MDR

"Die Corona-Krise ist nämlich noch nicht überwunden", betont Liebert. Er befürwortet ein schrittweises Vorgehen, bei dem die Auswirkungen einzelner Lockerungen nach zwei bis drei Wochen überprüft werden. Gerade bei den Schulen und Kitas solle man genau hinsehen.

Bürger sollen jetzt eigenverantwortlich handeln

Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin und der Abteilung Krankenhaus- und Umwelthygiene am Klinikum Chemnitz, appelliert dagegen an das Verantwortungsbewusstsein der Bürger. "Wir müssen mehr auf die Eigenverantwortung unserer Mitmenschen setzen", so der Mediziner. Es müsse aber allen bewusst sein, dass Lockerungen bei lokalen Ausbrüchen auch schnell wieder zurückgenommen werden könnten.

Testunabhängige Quarantäne für Kontaktpersonen

Grünewald sagte "Hauptsache Gesund" außerdem, dass den Menschen bewusst gemacht werden müsse, dass Treffen und Zusammenkünfte in geschlossenen Räumlichkeiten ein bis zu 20 Mal höheres Verbreitungsrisiko des neuartigen Coronavirus hätten als solche im Freien.

Thomas Grünewald auf einer Pressekonferenz.
Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Infektionsmedizin des Klinikums Chemnitz Bildrechte: dpa

Grünewald betonte auch, dass es gerade im Zuge weiterer Lockerungen wichtig sei, Infektionsketten möglichst schnell zu entdecken und zu unterbrechen: "Denn sonst können sich im schlimmsten Fall neue Cluster ausgehend von einzelnen Infizierten bilden." Ein wirksames Mittel sei es deshalb, bei einem lokalen Ausbruch alle Kontaktpersonen unabhängig vom Testergebnis, das auch falsch-negativ sein könnte, zügig unter Quarantäne zu stellen.

Lockerungen für Sachsen und Thüringen in Aussicht

In Sachsen sollen ab dem 6. Juni weitere weitreichende Lockerungen in Kraft treten: Unter anderem soll sich im öffentlichen Raum ein Hausstand mit bis zu zehn weiteren Personen treffen dürfen. In Thüringen sollen die Kontaktbeschränkungen voraussichtlich Mitte Juni ganz aufgehoben werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 28. Mai 2020 | 21:00 Uhr

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