Prävention Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

Rund jedes dritte Kind psychisch kranker Eltern wird laut Statistik als Erwachsener selbst psychisch krank. Umso wichtiger sind Präventionsangebote. Seit 2017 soll die Bundesregierung hier strukturelle Hürden abbauen.

Sind die Eltern psychisch erkrankt, können sie ihre Kinder oft nicht so versorgen, wie Eltern das eigentlich sollten. Denn sie haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. "Exakt" hat eine Mutter aus Halle getroffen, die darüber berichtet. Seit Jahren leidet sie an Depressionen. Ihrem Kind habe sie nicht die Liebe geben können, die es gebraucht hätte, sagt sie. "Ich denke, dass sie auch wie ein bisschen traumatisiert dadurch ist", schätzt die Mutter selber ein. Als sie sich wegen der Depressionen schließlich vor vier Jahren in einer psychiatrischen Klinik aufnehmen ließ, war ihr Kind schon im Schulalter.

Ich habe mich in mein Bett verzogen und war eigentlich kaum ansprechbar. Ich hatte in der Zeit überhaupt keine Gefühle für sie. Ich konnte mit ihr ja auch überhaupt nichts anfangen.

Betroffene Mutter exakt

Die Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter selber seelischen Schaden nimmt. Genau diese Gefahr besteht aber bei Kindern psychisch kranker Eltern. Statistisch gesehen wird rund ein Drittel von ihnen später selbst krank. In der Klinik erfuhr die Mutter, dass das Jugendamt über Hilfsangebote für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder verfügt. Die Mutter kümmerte sich und bekam eine Familienhilfe bewilligt, die Tochter eine Kunsttherapie. Solche Hilfen gewährt das Jugendamt in der Regel aber nur für zwei Jahre.

Ehrenamtliche Paten können den Kindern helfen

Jeannette Abel
Jeannette Abel ist eine Mitarbeiterin der "Seelensteine", einem Projekt, das Erziehungshilfe für psychisch kranke Eltern bietet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit drei Jahren hat die Tochter auch eine Patin, die sich wöchentlich mit ihr trifft - mit ihr redet, bastelt und lacht. Das Mädchen bekommt so die Zuwendung, die ihm seine Mutter nicht immer geben kann - und es hat eine verlässliche Bindung zu einem anderen Menschen. In Erziehungsfragen mischt sich die Patin nicht ein, das Kind soll einfach eine unbeschwerte Zeit verleben können. Vermittelt wurde die Patenschaft  über deas Projekt "Seelensteine" aus Halle, eine Einrichtung der sozialen Dienste in Sachsen-Anhalt, die eine ambulante Erziehungshilfe speziell für psychisch erkrankte Kinder anbietet.

23 Patenschaften gibt es derzeit bei den "Seelensteinen". Der Bedarf sei viel höher, sagt Jeannette Abel, die in der Einrichtung arbeitet. "Bundesweit geht man von zwei bis drei Millionen betroffener Kinder aus. In einer Schulklasse sitzen vier Kinder, die zu Hause Elternhäuser haben, wo ein Elternteil psychisch erkrankt ist", erklärt sie. Die Paten seien ein Faktor, der es den Kindern ermögliche, gesund zu bleiben. Denn die stabile Bezugsperson gebe ihnen den dringend benötigten Halt. Patenschaften werden allerdings hauptsächlich in Großstädten angeboten.

Bundesregierung soll schnellere Hilfen für Betroffene ermöglichen

Exakt, Beate Walter-Rosenheimer
Beate Walter Rosenheime ist klinische Psychologien. Die Hilfsangebote müssen schneller bei den Kindern ankommen, betont sie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Starre Zuständigkeiten zwischen Krankenkassen, Jugend- und Sozialamt erschweren es psychisch kranken Eltern,  Präventionsmaßnahmen für ihre Kinder zu ergreifen. Bereits 2006 hatte die Kinderkommission des Bundestages ein Netzwerk aller Beteiligten gefordert. 2013 beklagte die Jugend- und Familienministerkonferenz noch immer dessen Fehlen. 2017 hat der Bundestag die Regierung aufgefordert, eine Arbeitsgruppe zu berufen, um diese Schnittstellenprobleme zu überwinden. Gesundheits-, Bildungs- und Sozialministerium arbeiten seit Februar 2018 in der "Arbeitsgruppe Kinder psychisch kranker Eltern" gemeinsam daran. Über 40 Experten sind an dem Projekt beteiligt. Die Arbeitsgruppe beziffert die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland mit einem psychisch kranken oder einem suchtkranken Elternteil aufwachsen, auf drei bis vier Millionen.

Mit initiiert hatte den Antrag des Bundestages auch Beate Walter Rosenheimer, Abgeordnete der Grünen. Sie ist klinische Psychologin. In einer Münchner Klinik habe sie die Erfahrung gemacht, dass psychisch kranke Eltern, die dort behandelt worden seien, gar nicht nach Kindern und Jugendlichen in ihrem Haushalt befragt worden seien. Hier habe es inzwischen schon Verbesserungen gegeben. Aber es müsse weiter daran gearbeitet werden, damit die Kinder aus dem Schatten ihrer Eltern hervorgeholt werden können, um auch ihnen zu helfen.

Wenn wir frühere Hilfen anbieten, früher auf die Kinder und Jugendlichen schauen, können wir vermeiden, dass sie in so einem Dilemma aufwachsen und so ein Teufelskreis startet.

Beate Walter Rosenheimer, Bündnis 90/ Die Grünen exakt

Aufklärungskampagne der Bundesregierung geplant

Zeitgleich mit der Berufung der Arbeitsgruppe der Bundesregierung wurde auch eine Aufklärungskampagne der Bundesregierung beschlossen. Passiert ist jedochnoch nichts. "Wir fordern jetzt in den Haushaltsberatungen nochmal 1,5 Millionen Euro einzustellen, im Kinder- und Jugendplan des Haushalts. Um genau diese Kampagne zu starten. Und ich hoffe, es geht dann auch bald los. Denn ich verstehe nicht, warum so viel Zeit verloren wird", ärgert sich Beate Walter-Rosenheimer.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 13. November 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 16:31 Uhr