Hintergrund Die Suche nach dem Bernsteinzimmer

Seit 2003 ist eine Nachbildung des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg zu besichtigen. Das Original des "achten Weltwunders" bleibt dagegen seit der NS-Zeit verschollen. Nur zwei Objekte daraus konnten bisher gefunden werden. Der Eifer von Schatzsuchern ist auch nach Jahrzehnten ungebrochen.

Nachbildung des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg.
Einzelne Stücke des historischen Bernsteinzimmers wurden gefunden - vollständig ist bisher nur die Nachbildung (Bild) im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg. Bildrechte: imago/photothek

Was ist das Bernsteinzimmer?

Die prunkvolle Wandvertäfelung sowie Möbel aus Bernsteinelementen hatte der Preußenkönig Friedrich I. im Jahr 1701 in Auftrag gegeben. Damals wurde Bernstein, ein fossiles Harz, noch für ein besonderer Edelstein gehalten. Erst nach dem Tod von Friedrich I. wurde das Bernsteinzimmer 1712 im Berliner Stadtschloss eingebaut. Schon wenig später begann die Odyssee des "achten Weltwunders": Bei einem Besuch des russischen Zaren Peter I. im Jahr 1716 kam es zum Tauschhandel mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm I.

Der "Soldatenkönig", der wenig mit dem Bernsteinzimmer anfangen konnte, erhielt im Gegenzug groß gewachsene russische Soldaten für seine Leibgarde. In Russland wurde das Bernsteinzimmer jedoch zunächst nur eingelagert und erst 1741 im Winterpalast von Sankt Petersburg aufgebaut. 14 Jahre später ließ die damalige Zarin Elisabeth es in den Katharinenpalast von Zarskoje Selo verlegen, wo es knapp 200 Jahre blieb.

Wo war das Bernsteinzimmer zuletzt?

Als die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg die damalige Sowjetunion überfiel, erbeutete sie 1941 auch das Bernsteinzimmer und brachte es nach Königsberg (seit 1946: Kaliningrad). Im dortigen Schloss wurde es erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Noch bevor die "Kunstschutz-Offiziere" das Bernsteinzimmer damals abtransportieren konnten, wurden jedoch Teile davon entwendet.

Wann verschwand das Bernsteinzimmer?

Mit dem Vorrücken der Alliierten auf Königsberg 1944 ließ der damalige Direktor des Schlosses und der Kunstsammlungen der Stadt das Bernsteinzimmer erneut in Kisten verpacken und einlagern. Was danach damit geschah und ob es überhaupt noch abtransportiert wurde, verschwiegen die beteiligten Zeitzeugen. Zwar war der einst für Ostpreußen zuständige NS-Gauleiter Erich Koch nach dem Sieg der Alliierten zum Tod verurteilt worden, er starb jedoch erst in den 1980er Jahren eines natürlichen Todes. Polnische und sowjetische Geheimdienste sollen ihn wiederholt zum Bernsteinzimmer befragt haben, offenbar aber ohne Erkenntnisgewinn.

Was ist vom Bernsteinzimmer erhalten?

Bernsteinzimmer im Katharinenpalast, bei St. Petersburg
Vor allem Schwarz-Weiß-Fotos, aber auch ein Farbbild halfen bei der Rekonstruktion des verschollenen Bernsteinzimmers. Bildrechte: IMAGO

Einzelne Stücke aus dem Bernsteinzimmer tauchten in den 1990er Jahren in Deutschland auf: Ermittler entdeckten zunächsten ein Steinmosaik, das auf dem "grauen Kunstmarkt" zum Kauf angeboten wurde. Vor dem Verkauf beschlagnahmte die Polizei das wertvolle Objekt. In Folge der Berichterstattung über den Fall meldete sich die Besitzerin einer Kommode, die sich ebenfalls als Teil des Bernsteinzimmers herausstellte. Beide Stücke wurden daraufhin an Russland zurückgegeben.

Über den Rest des Kunstschatzes gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Bereits in Sankt Petersburg hatten hohe Temperaturschwankungen dem Bernstein heftig zugesetzt und immer wieder Restaurierungen nötig gemacht. Falls das Bernsteinzimmer noch existiert, wäre also auch der Ort entscheidend für den Zustand. Eine Rekonstruktion auf Grundlage von Fotos kann jedoch seit 2003 im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg besichtigt werden.

Wo wird das Bernsteinzimmer vermutet?

Über den Verbleib des Bernsteinzimmers gibt es seit Ende des Zweiten Weltkriegs die widersprüchlichsten Theorien. So gehen manche davon aus, dass es bei den Luftangriffen zerstört wurde. Königsberg inklusive dem Schloss wurde damals dem Boden gleichgemacht. Andere vermuten, dass es an einem sicheren Ort in Königsberg erhalten geblieben ist. Dabei wird das offizielle Ergebnis, dass die Rote Armee nach der Eroberung keine Spur von dem Bernsteinzimmer fand, angezweifelt.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Nationalsozialisten das Bernsteinzimmer noch aus Königsberg abtransportieren konnten – wobei auch in diesem Fall unklar ist, ob dies auf dem Landweg oder über das Wasser erfolgte und ob der Kunstschatz den Transport überstand.

Wo wurde das Bernsteinzimmer bisher gesucht?

Die jüngste Hoffnung stecken Schatzsucher auf den Fund eines Wracks in der Ostsee. Ein polnisches Taucherteam, das die mutmaßlichen Reste des einstigen Evakuierungsschiffes "Karlsruhe" Anfang Oktober fand, ist jedenfalls überzeugt, dass das Schiff 1945 nicht nur Deutsche vor der Eroberung Königsbergs rettete. Auch wertvolle Fracht könnte an Bord gewesen sein, möglicherweise das Bernsteinzimmer.

Die polnische Schifffahrtsbehörde von Gdingen will diese Hypothese nun überprüfen und plant eine gemeinsame Expedition mit den Hobbytauchern, die das Wrack der "Karlsruhe" identifiziert haben. Sie soll bis Ende 2020 stattfinden - das genaue Datum ist geheim, um das Wrack vor Schatzsuchern zu schützen.

Bisherige Suchaktionen endeten jedoch immer erfolglos. An mehr als 100 Orten in Deutschland und weit darüber hinaus wurde der berüchtigte Schatz bereits vermutet. Noch Ende Juni 2019 setzten Schatzsucher etwa auf einen Bunker des ehemaligen deutschen Heereshauptquartiers im polnischen Mamerki in Masuren. In dem bis dahin unbekannten Hohlraum fanden sie jedoch nur gähnende Leere.

Auch Grabungen im Steinbruch von Buchenwald brachten vergangenen Herbst zwar historisch wertvolle Gegenstände ans Tageslicht – nicht aber das Bernsteinzimmer.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 05. Oktober 2020 | 14:00 Uhr