Statistik | Hintergrund Warum es unterschiedliche Corona-Fallzahlen gibt

Viele Menschen fragen sich, warum es so viele unterschiedliche Zahlen zu den Corona-Infizierten in Deutschland gibt. Am häufigsten wird der Vergleich zwischen den Zahlen der Bundesbehörde Robert Koch-Institut und denen der Johns-Hopkins-University in Baltimore (USA) gezogen. Die Universität hat als eine der ersten Forschungseinrichtungen weltweit die Ausbreitung des Virus statistisch aufgearbeitet. Beide Zahlen sind korrekt. Lesen Sie hier, warum sie sich dennoch unterscheiden.

Menschen stehen auf einem Fßweg außerhalb der Uniklinik an einer Warteschlange zum Eingang der Corona-Ambulanz an.
Die Testergebnisse von Menschen, die sich auf das Corona-Virus testen lassen, so wie hier an der Uni-Klinik in Dresden, werden über eine Meldekette weitergegeben. Der Prozess dauert allerdings, weshalb die Zahlen aus Deutschland bestenfalls den Stand vom Vortag abbilden. Bildrechte: dpa

Am Mittwoch, den 19. März um 10.15 Uhr, meldete das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland 10.999 Corona-Infizierte. Zur gleichen Zeit hatte die Johns-Hopkins-Universität bereits 12.327 bestätigte Fälle in Deutschland registriert. Wie kann das sein?

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts
Lothar Wieler ist Präsident des Robert-Koch-Instituts. Um die Zahl der Infizierten nur langsam steigen zu lassen, fordert er alle Bundesbürger auf, zwei Meter Abstand voneinander zu halten. Bildrechte: MDR

Das RKI schreibt auf seiner Website, es arbeite nach folgenden Meldewegen: Lokale Gesundheitsbehörden melden Zahlen an das jeweilige Bundesland und diese melden bis Mitternacht die entsprechenden Zahlen an das RKI. Das Institut veröffentlicht diese Daten um 10:30 Uhr des Folgetages. Die Daten des RKI sind also mindestens zehn Stunden alt, höchstwahrscheinlich noch älter. Grund ist, dass die meisten Landesbehörden die Daten nur einmal täglich von den lokalen Gesundheitsbehörden abrufen.

Die Meldekette in Deutschland

Die Tagesschau hat diese "Meldekette" noch etwas detaillierter aufgeschrieben:

1. Meldung von Arzt oder Labor

2. Prüfung im Gesundheitsamt des zuständigen Land- oder Stadtkreises

3. Übermittlung an die zuständige Landesgesundheitsbehörde

4. Übermittlung an das Robert-Koch-Institut

5. Veröffentlichung durch die Gesundheitsministerien

6. Weitergabe an die WHO

US-Universität erhebt mehr Daten

Anders macht es die private Johns-Hopkins-Universität im US-Bundesstaat Maryland. Sie beschreibt in ihrer Erklärung zur Datenerhebung, sie erfasse nicht nur zentralisierte Datenerhebungen, sondern auch lokale Nachrichtenberichte, Daten von lokalen Gesundheitsämtern und Daten von Ärzten, die ein bestimmtes Tool nutzen. Die Wissenschaftler haben nachvollziehbar dargelegt, wie sie zu ihren Daten kommen. Dennoch ist Vorsicht geboten.

Vor allem die Zahl der Infizierten, die die Viruserkrankung überstanden haben, ist nur schwer nachvollziehbar. So sind Genesungsfälle – anders als Infektionen – nicht meldepflichtig. Patienten müssen sich also beispielsweise nicht erneut bei ihrem Hausarzt oder dem Gesundheitsamt melden, wenn sie Covid-19 überstanden haben. Laut RKI gelten Infizierte als genesen, wenn sie – ohne Krankenhausaufenthalt – frühestens 14 Tage nach Symptombeginn für mehr als 48 Stunden symptomfrei sind.

Mit einem Krankenhausaufenthalt hingegen müssen Infizierte zusätzlich zwei Mal innerhalb von 24 Stunden negativ auf Corona getestet worden sein. Sie gelten dann frühestens 14 Tage nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus als wieder gesund. Darüber hinaus ist aber nach wie vor unklar, wie viele Menschen unerkannt mit dem Virus infiziert waren und in bislang keiner Statistik auftauchen.

Weitere Initiativen

Initiativen wie das Risklayer-Projekt des Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) in Zusammenarbeit mit der Risklayer GmbH recherchieren die Daten der 401 deutschen Kreise selbst – mittels teilweise automatisierter Verfahren. Dadurch haben sie die aktuellen und amtlich bestätigten Fallzahlen noch vor dem Robert Koch-Institut. Die Zahlen sind jedoch ebenso verifiziert und valide. Mit den gleichen Methoden arbeitet auch die Johns-Hopkins-Universität, die für ihre globale Übersicht auch auf nationale Quellen zurückgreift.

Die unterschiedlichen Zahlen sind also demnach dem zeitlichen Verzug in unterschiedlichen Meldeketten sowie unterschiedlichen Quellen geschuldet, die die jeweiligen Datenbanken verwenden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. März 2020 | 12:00 Uhr